Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 8 (22.2.1924)
- Date
- 1924-02-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Mm WBWM»PMIIMUI»U1WHHWH lIltolHMtWril Veröffentlichungen „Union deutschösterreichischer Juden" | PMttpaHaMeit-Kento | Mlii-.MlM / jP Telephon Kr, B««-ff I Großdeutsche „Vorstoße". Die Großdeutschen sind, wohl die kläglichste und schmählichste aller politischen Parteien Oesterreichs. Sie sind bei den letzten Wahlen für den Nationadrat gründlich durchgefallen, mit anderen Worten: Die Bevölkerung hat ihnen mit einer jeden Zweifel ausschließenden Deutlichkeit zu verstehen gegeben, daß sie nichts mehr von ihnen wissen will. Nur mit Hilfe von Schiebungen* welche bei der zweiten Zuteilung der Reststimmenmandate vorgenommen wurden, ist <es gelungen, einigen ihrer Führer Sitze im Parlamente zu sichern und dies lediglich aus dem Oruijidie, weil angesichts der oppositionellen Haltung der Sozialdemokraten gegen die Samierungsaktion der Bundeskanzler auf die paar großdeutschen Stimmen im Nationalrate nicht verzichten konnte. So ist Herr Dr. Frank neuerdings Vizekanzler und Verweser des Justizressorts geworden und bringt es tatsächlich zustande, daß die Justiz in Oesterreich unter seiner Leitung mehr und mehr einen Verwesungsgeruch ausströmt. Die Großdeutschen nennen sich eine freiheitliche Volkspartei, und auch die „Neue Freie Presse" hält an der Fiktion fest, daß dieses Grüppchen noch immer eine freiheitliche Politik mache. In Wahrheit aber haben die Großdeiitschen ihre wichtigsten programmatischen Grundsätze über Bord geworfen, um sich einen Jdeinent . Zipfel der Macht zu sichern. Auf den Anschluß an das Deutsche Reich, welcher der wesentlichste Stützpunkt ihres Programmes war, haben sie leichterdings verzichtet; während im Deutschen Reiche unter den Völkischen die Parole gilt: „Immer daran denken und nie davon sprechen!" wird bei unseren österreichischen Großdeutschen immer nur davon gequatscht, aber nie mehr daran gedächt. Das Gleiche gilt von der Forderung der Ehereform. Es ist nicht unsere Sache, uns mit der Frage der Lösbarkeit der katholischen Ehe zu befassen. So sehr menschliche Gesichtspunkte für eine Reform auf diesem Gebiete sprechen, so wenig kann es die Aufgabe jüdischer Politiker sein, sich in diese Angelegenheit der katholischen Kirche einzumischen. Aber wo sind die Großdeutschen? Wo sind die Stürmer und Dränger gegen Rom und das kanonische Recht? Auch hier haben sie um das Linsengericht zweier Ministerportefeuilles die Interessen der christlichen Bevölkerung preisgegeben und sind mit den Christlichsozialen in die Laube gegangen. Wir führen diese Dinge an, nicht weil wir der großdeiitschen Partei noch irgend eine innere Bedeutung beimessen, sondern weil sie bezeichnend sind für das leere Mauldreschertum, für das geschwollene Phrasengekliwgel dieser Leute, die mit ihrem Geschwätz von Rassenreinheit und Edelvolkstum nur mehr auf ein paar unreife Jünglinge an den Wiener und Grazer Hochschulen EMruck machen können. Geblieben ist an ihrem Programme nichts, als die öde und blöde Judenhetze. Vor kurzem halben sie wieder einmal in G r a z einen ihrer zahlreichen ~N Parteitage abgehalten, auf welchem nach einem Schwall großer Worte, hinter dem sich aber die tatsächliche Preisgabe der wesentlichen Prinzipien versteckte, mit teutschem Mannesmut neuerdings verkündet wurde, daß die Partei „den Vorstößen des Judentums auf allen Gebieten" auch weiterhin „unentwegt" entgegentreten werde. Der biedere Steirer hört den Schwur und jubelt den tapferen Mannen begeistert zu. Er fragt nicht, wo und wann die Juden solche verbrecherische „Vorstöße" unternehmen. Es genügt ihm, -wenn einige großdeutsche Plusmacher, die während und' nach der Kriegszeit sich in bedenklicher Weise bereichert haben und die nun die öffentliche Empörimg über die von ihnen betriebene Volksansbeütung von sich ablenken wollen, auf die bösen Juden hinweisen und ausrufen: „Seht her, das sind die Vampire!" Die Landeshauptstadt Graz hat gewiß eine saudumme Presse, aber nicht einmal dieser gelingt es mehr, darüber hinwegzutäuschen, daß der Reichraminger Holzskandal kein jüdischer, sondern ein deutsch völkischer „Vorstoß" war und daß das Verbrechen der Juden in Oesterreich darin bestanden hat, die Sanierung und! damit die Rettung dieses Staates vor dem Untergange mit aller Kraft zu fördern. An anderer Stelle führen wir Tatsachen diafür an, daß deutsichvölkische Ehrenworte gemeine Verbrechen decken müssen, und daß Professoren und Studenten an den Grazer Hochschulen von einem Geiste beseelt sind1, der, wenn der Anschluß Oesterreichs an Deutschland1 tatsächlich vollzogen wäre, zu einer Verschißerklärung dieser Herrschäften durch ihre reichsdeutschen Kollegen führen müßte. Tätsächlich greift unter der Patronanz des Herrn Vizekanzlers Dr. Frank und seiner Klubgenossen an den österreichischen Hochschulen mehr und mehr eine „Tarnopoler Moral" um sich, wobei wir ausdrücklich feststellen, daß dieses Wort nach einer Korruptionsaffäre im Polenklub geprägt wurde und nicht den Juden aufs Kerbholz zu schreiben ist. Während die Juden mit aufrichtigem Patriotismus und hingebendem Eifer in den letzten Jahren den Wiederaufbau Oesterreichs mit allen verfügbaren Kräften unterstützten, hat die großdeutsche Volkspartei in dieser schwierigen Zeit nichts getan, als durch die frivole Inszenierung antisemitischer Studentenkrawalie an allen Hochschulen das Ansehen Oesterreichs vor dem Auslände herabzusetzen und so immerfort neue Gefahren für die Beruhigung des Landes und für das Gelingen des Sanierungswerkes zu schaffen. Wenn „Vorstöße" bekämpft werden müssen, so sind es vor allem die Vorstöße der Großdeutsehen und ihren studentischen Anhanges gegen die ruhige und friedliche Entwicklung des Staates. Die Tagesblätter haben über eine Erklärung berichtet, welche der Bundeskanzler Dr. Seipel vor kurzem einer Abordnung der „Union deutschösterreichischer Juden" gegeben hat. Der Bundeskanzler sagte, daß für che nationale Zugehörigkeit