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Die Wahrheit · 1924-02-22 · Heft 8 (22.2.1924) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 8 (22.2.1924)
Date
1924-02-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 DIE- WAHRHEIT Nr. 8 2. Jude: Wie heißt Leidien? Wir sinid das auserwählte Volk! Heißt mer ä auserwähltes Volk! Auserwählt für Leiden! Was für ä gute Gnade hat uns gegeben Gott! Wer denkt nicht an das Ende von Liebknecht und Rosa Luxemburg:, wenn er die Worte des Flammenwerfers liest: „Unser Freikorps auch nie Gefangene gemacht. Befehl: Auf den nächsten Acker.... Tritt auf die Zehen, daß er aufsprang.... ein» in den Dez. . . . nachher eben Fluchtversuch nachgewiesen .....*» - Man kann es gut begreifen, daß die in Deutschland herrschende Klasise diese Dinge nicht hören und nicht lesen will, aber die Welt wird gut tun, auf Toller zu hören. — Ist es ja immeT jüdische Art gewesen, für den Unterdrückten einzutreten. Zur Charakteristik Henry Fords. i. Rosika Schwimmer (Chicago). Wie Ford Antisemit wurde. Seitdem der amerikanische Autokönig seinen Riesenfeldzug gegen den „internationalen Juden" führt, zerbrechen sich viele den Kopf darüber, was ihn dazu bewogen haben mag. Wie die Katze immer am die Buiterseite lallt, so endet dieses Kopfzerbrechen immer damit. Fords Beweggrund soll einzig und allein, mit meiner Person wegen des Friedensschiffes quitt zu werden. Zahllose Zeitungsartikel, Geschichten in Zeitschriften und angebliche Unterregungen mit (natürlich immer anonymen) „hohen Beamten" des Hauses Ford behaupten einmütig, ich allein sei die Ursache von Fords unverzeihlichem Antisemitismus. Ein Züricher israelitisches Blatt schreibt sogar, es sei „nunmehr erwiesen", daß „auch die Finanzierung der antisemitischen Bewegung in Europa durch Ford" nur erfolge, weil dieser „sich an Rosika Schwimmer rächen will". Begreiflicherweise haben diese völlig unbegründeten Meinungen meine Existenz außerordentlich geschädigt, da sie mich zu einem Gegenständ weitverbreiteter Abneigung gemacht haben. Aber diese Tatsache könnte mich nicht veranlassen, mein Schweigen zu. brechen. Weil jedoch Fords Handlungsweise eine große soziale Ungerechtigkeit bedeutet, würde längeres Schweigen meinerseits ein schweres moralisches Unrecht sein, denn es hieße das Forschen nach der wirklichen Ursache unterbinden, wenn ich nicht gegen die klare Unwahrheit aufträte. Nun denn, die Quelle, aus der alle Welt schöpft, ist eine aus den Fingern gesogene Behauptung eines der amerikanischen Delegierten an der Stockholmer neutralen Friedenskonferenz, des sattsam bekannten Störenfrieds der letzteren, des Dr. Charles F. A k e d aus Kansas City, der mit auf dem Friedensschiff war, zu dessen Entsendung ich Ford veranlaßt und dessen Leitung dieser mir übertragen hatte. Trotz eifrigster Nachforschungen war ich außerstande, irgend einen andern Ursprung der gegen mich erhobenen Beschuldigungen zu ermitteln. Nun zur Wirklichkeit, die in Europa fast unbekannt ist: Ford war schon antisemitisch infiziert, als ich ihn kennen lernte! Am 17. November 1915 sah ich ihn zum erstenmal, und zwar war ich sein Tischgast in Dearborn in Gesellschaft von sieben Personen. Das Gespräch drehte sich zunächst hauptsächlch um Krieg und Frieden. Der Hausherr erklärte sich zum großen Verdruß der meisten Anwesenden fast durchwegs mit meinen Ansichten einverstanden. Er sprach stets völlig logisch und eindrucksvoll. Auf einmal setzte er mich ins höchste Erstaunen durch die plötzlich hingeworfene Aeußerung: „Ich weiß, wer den Krieg verursacht hat: die jüdischdeutschen Bankiers. Hier in meiner Brusttasche habe ich die Beweise' Die Tatsachen! Ich kann damit noch nicht hervortreten, da mir noch einige fehlen; aber ich werde sie bald haben!" Kaum traute ich meinen Ohren, als ich diese vulgären, unlogischen Worte hörte, die er nach einigen Minuten vernünftiger Rede buchstäblich wiederholte. Das Gespräch dauerte stundenlang; immer wieder sagte Ford viel Originelles und Richtiges zur Friedensfrage, aber fmmeir wieder warf er papageienhaft die obige unsinnige Aeußerung hinein! Er war also noch vor unserer Bekanntschaft von irgendwem auf die Bahn des Antisemitismus gelenkt worden. Von wem? Von gewissen seiner führenden Beamten, denen seine ethischen Absichten mißfielen.*) Aber nicht nur ich bin an seinem Judenhaß völlig unschuldig — ich darf sogar behaupten, ihn von dieser Bahn in ihren Anfängen indirekt so lange abgebracht zu heben, als ich mit ihm in Verbindung stand. Während dieser ganzen Zeit kam er nie mehr auf jenen Ausspruch zurück, sprach er überhaupt nichts, was auf Rassen- oder Glaubensvorurteile irgend welcher Art hingedeutet hätte. Erst als unsere Ver-, bindung aufgehört hatte und er wieder unter die angedeuteten unheilvollen Einflüsse gekommen war, glitt er auf der abschüssigen Bahn des Antisemitismus weiter und weiter. Aber auch das begann erst VA Jahre nach unserer Trennung, was ebenfalls beweist, daß Fords Judenhaß in keiner Weise mit mir zusammenhängt. IL E. G. Pipp (Detroit). Der Lügner Ford. In der Zeit meiner zwölfjährigen Chefredaktion bei einer großen Detroiter Tageszeitung war ich mit Ford sehr befreundet. Ich unterstützte völlig uneigennützig seine Kandidatur für einen Senatssitz. Durchaus gutgläubig erfüllte ich seinen wiederholt ausgesprochenen Wunsch, in der ganzen Presse zu verkünden, daß er nichts von seinen riesigen Kriegsgewinnsten für sich behalten werde. Und n'oeh heute kann man in britischen Blättern die reklamehafte Mär lesen (z. B. in einer Londoner Wochenschrift für die Jugend: „The Children's Newspaper" vom 22. Dezember 1923), er habe „seinen gesamten Kriegsgewinn der Bundeskasse geschenkt". . Freilich nicht in der amerikanischen Presse! Diese weiß nur zu gut, daß Ford nichts, gar nichts hergegeben hat von den wahnsinnig üppigen Erträgnissen seiner gewaltigen Kriegslieferungen (Munition usw.), die seine Aktiven zwischen 1917 und 1919 verdoppelten: von 166 auf 333 Millionen Dollar! Er hatte sich für einen Ethiker ausgegeben, der nur zwangsweise Menschentötungsmaterial erzeugt habe und es nicht über sich bringen könne, daran auch nur einen Cent zu verdienen, während unsere Jünglinge auf den europäischen Schlachtfeldern umkamen. Er hat sein Wort vollständig gebrochen! Sehen wir nun, wie er es mit mir selber in Sachen des Antisemitismus gehalten. Kurz nach seinen (und meinen) öffentlichen Erklärungen — 1918 — über die Rückgabe der Kriegsgewinnste knüpfte er mit mir zum erstenmal eine Geschäftsverbindung an. Sein Anwalt besuchte mich, teilte mir seine Absicht mit, Angriffe gegen die Juden vorzubringen, und fragte mich, ob ich ihn nicht bewegen wolle, davon abzustehen. Als ich dies versuchte, gelang es mir sofort. Er gab die Absicht leicht auf und wir verabredeten seinem Vorschlag gemäß die gemeinsame Herausgabe eines Wochenblattes mit weltbürgerlichen Tendenzen. Wir begannen den „Dearbor Indepentent" zwecks „Aufbaues guter Beziehungen zwischen den Einzelmenschen und den Völkern". Aber nach kaum einem Jahre fing er auf Betreiben seines Hauptsekretärs an, antisemitische Reden zu führen. Und bald erklärte er sich entschlossen, judenfeindliche Artikel zu veröffentlichen. Er behauptete nämlich das Bestehen einer großen Weltverschwörung der Juden zur Anzettelung von Kriegen um Geldgewinnes willen. Dabei wußte er genau so gut wie ich, daß er keinen Schatten eines Beweises für diesen Unsinn aufzubringen vermochte. (Das ist auch jetzt noch nicht anders.) Und so blieb mir angesichts seines Wortbruches, aus moralischen Gründen, nichts übrig, als die Redaktion niederzulegen, obgleich meine Beziehungen zu Ford sehr angenehme waren und er mich recht gern in seinem Dienst behalten hätte. Auch sonst hatte ich klar erkannt, .daß er und seine großartige Geschäftsunternehmung keineswegs so menschenfreundlich geartet sind, wie er < der Welt einzureden versucht. Er ist weder ein Heiliger noch ein Teufel, sondern einfach ein schlauer, selbstischer Mensch, der geschickteste Selbstverherrlicher aller Zeiten. Und da er einerseits die Präsidentschaft anstrebte, und sich andererseits bei der Bundesregierung um eine geschäftliche Konzession (Muscle Shoals) im Werte von 200 Millionen Dollars bewirbt, habe ich es für meine sittliche Pflicht gehalten, ein ganz objektives Buch über ihn zu schreiben, damit die Welt durch, einen völlig Eingeweihten genau erfahre, was für ein Mann Ford wirklich ist. *) Man vergleiche nachfolgenden Artikel von E. G. Pipps.

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