Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 8 (22.2.1924)
- Date
- 1924-02-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. * DIE WAHRHEIT Seite 3 Bei der Geistesverfassung, die gegenwärtig in deutschen Gauen herrscht, ist es Herrn Rud'olt Beer, dem Direktor des Raimund-Theaters, hoch anzurechnen, daß er dies Werk des jungen revolutionären Juden einmal aufzuführen wagte. Hoffentlich wird er dem aus dem Publikum geäußerten Wunsche, das Stück weiter auf dem Repertoire zu belassen, Rechnung tragen. Zeitungsmeldungen zufolge, besteht diese Absicht; sie wäre vom rein geistig-kulturellen Standpunkt sehr zu begrüßen. Warum wir über dieses Werk*) schon einige Male und heute wieder so ausführlich in einer jüdischen Zeitung schreiben? Wenn auch nicht eigentlich jüdische Probleme in ihm im' Vordergrund stehen — was von ihnen erwähnt wird, soll später gesagt werden — so ist «e» doch das für seine Mitmenschen leidende jüdische Herz, das aus dem Ganzen spricht. Dieser Hinkemann, ein Kriegsopfer, ist eine Anklage gegen die Gesellschaft, die eine so furchtbare Katastrophe, wie den Weltkrieg, verschuldet hat und die nun in innerer Verlogenheit es nicht wagt, ihren eigenen Zusammenbruch einzugestehen. Hinkemann, ein Kindergemüt, der kein Tierchen leiden sehen kann, verdingt sich, weil er keine andere Arbeit findet und er seine Frau nicht hungern lassen will, an einen Schaubudenbesitzer, um zur Freude des Publikums Mäusen und Ratten als Kraftmensch die Kehle durchzubeißen. — Seelisch bricht er darüber zusammen. — Zeitungsjungen laufen über die Bühne. — *) Die Buchausgabc erschien bei Gustav K \ e P p c uheuer in Potsdam. breiten jüdischen Masse, großes Elend zu sehen bekam. Ich sah Juden in der strengsten Kälte in zerrissenen Kleidern und Schuhen herumgehen, so daß ich staunen mußte, wie diese armen Geschöpfe in den von Kot und Nässe strotzenden Gassen weilen konnten. Sie sind aber dazu gezwungen, denn sie müssen den ganzen Tag herumgehen, um für sich und ihre Angehörigen einige Krummen trockenen Brotes zu erbetteln. Als ich an einem Vormittage den Friedhof betrat, überfiel mich eine ganze Menge hungriger Juden, die sicherlich glaubten, einen Wiener Rothschild vor sich zu haben. Ich gab, schenkte, so viel ich hatte, und immer waren noch welche, die die Hand ausgestreckt hielten. Man sah es ihnen an, daß sie das nicht als Sport betrieben, sondern als einziges Mittel zur Erbettlung einiger Papiermark, für die sie — wenn sie noch soviel bekommen — schwer einen Tag leben können. VL Im Stanislauer Waisenhaus. Was ich als achtjähriger Waisenknabe zu erdulden hatte, das kann nur derjenige vollständig begreifen, den das gleiche Schicksal in seiner Kindheit in diese traurige Situation versetzte. Die Vater und Mutter haben, sollen sich nur vorstellen, was das heißt, im zartesten Kindesalter ohne Eltern dazustehen, dann werden auch sie begreifen, daß der Josem, das Waisenkind, das unglücklichste Geschöpf auf Gottes Erden ist. Und doch, als ich der Einladung der Vorsteherin des Stanislauer Mädchenwaisenhauses, Frau Singer, folgend, dieses Institut betrat und mir die mustergültige Ordnung, die doTt herrscht, ansah, da wünschte ich mir zumindest für ein Jahr nochmals ein Josem, ein Waisenkind, zu werden. Auf meiner Reise über jüdische Städte und Städtchen, bot sich mir oft Gelegenheit,* Wohlfahrtsinstitutionen zu besichtigen. Nirgends aber schied ich so befriedigt wie vom Waisenhaus der Frau Singer. Dieses Institut beherbergt gegenwärtig 25 Mädchen verschiedenen Alters bis zu 16 und 17 Jahren. Die Erziehung derselben ist eine tadellose. Außer einer Schule, die sich im Hause befindet, in welcher neben den obligaten 1. Zeitungsjunge: Extrablatt! Große Sensation! Eröffnung der Vüktorrabar! Nakttänze, Jazzband, Französischer Sekt! Amerikanischer Mixer! 2. Zeitungsjunge: Abendausgabe des Generalanzeigers! Letzte Sensation! Judenpogrome in Galizien, Brand der Synagoge! Tausend« Menschen bei lebendigem Leibe verbrannt! Eine Stimme: Bravo! Alle Juden nach Galizien! Kann man mit treffenderen Worten sagen, wte es wirklich aussieht? Unwillkürlich denkt man an die bayrischen Juidenaustreibungen, von dienen so wenig in die Welt hinausidrinigt, weil die bayrische Zensur von besonderer Schärfe istT und von denen man nur unter der Hand hört, daß hundert Familien bereits die Grenze überschritten haben. Zittert man nicht auch um das Leben eines Dichters, solange man weiß, daß er unter bayrischer Gewalt steht? Was kommt es auf einen Mord mehr an? Hat nicht auch Einstein seinen Wohnsitz aus Deutschland herausverlegen müssen, weil er vor den Morddrohungen nationalistischer Buben nicht mehr sicher war? Was bedeutet es diesen, daß die ganze Kulturwelt einen solchen Mann verehrt? Was ist aus dem Volk der Dichter und Denker geworden? — Toller zeigt es uns in seinem Drama. Kehren wir zu ihm zurück! Zwei alte polnische Juden gehen über die Bühne. 1. Jude: Was soll ich Ihnen sagen? Se haben uns geschlagen, se haben uns gerissen aus de Betten bei schwarzer Nacht, se haben uns genommen unsere Frauen und Mädchen .... Gott hat uns geschlagen mit Leiden! Gegenständen auch das Hebräische gepflegt wird, ist auch dafür gesorgt, die Kinder in der Hauswirtschaft zu erziehen und, wenn sie das Alter erreichen, in dem man schon einen Erwerb erlernen sollte, wird für jedes Kind ein geeigneter Beruf gewählt, eine Lehrstelle ausgesucht und kein Kind wird von der Anstalt entlassen, bis es nicht selbständig auf eigenen Füßen stehen kann. Die Seele dieses Institutes ist Frau Singer. Unterstützt von ihrem edlen Gatten, ist es ihr gelungen, in verhältnismäßig kurzer Zeit diese segensreiche Anstalt zu erbauen und einzurichten. Die Erhaltung des Waisenhauses bemüht sich die wackere Frau von eingezahlten Monatsbeiträgen zu bestreiten, was jedoch lange nicht ausreicht, die Kosten zu decken. Frau Singer trachtet daher von Zeit zu Zeit im Wege von Veranstaltungen Mittel herbeizuschaffen und so hatte ich das Glück, anläßlich meiner Anwesenheit in Stanislau auch für dieses Institut fn Form eines Vortragsabends mein Schärflein beizutragen. Keine meiner Veranstaltungen während meiner ziemlich laugen Tournee hat mir soviel Freude bereitet wie dieser Abend im jüdischen Nationalhause in Stanislau zu Gunsten der jüdischen Waisen. Der große materielle Erfolg reichte aber noch immer nicht aus, bei diesen schweren Zeiten ein Waisenhaus mit 25 Kindern zu erhalten. „Tun Sie etwas," sagte Frau Singer nach der Veranstaltung zu mir, „in Wien, wo sich eine Anzahl von Stanislauer Familien befindet, für unser Institut!" Ich versprach das der guten edlen Frau sehr gerne und tatsächlich ist es mir kurz nach meiner Ankunft gelungen, ein Komitee von Stanislauern hier zu gründen, das unter der Leitung meiner Wenigkeit am 24. Februar 1924 einen großen Vortragsabend im Festsaale des „Hotel Kontinental" veranstaltet, zu dem nicht nur alle hier weilenden Stanislauer, sondern alle guten Menschen eingeladen werden. Durch ihr zahlreiches Erscheinen werden sie dazu beitragen, die Existenz einer Anstalt zu ermöglichen, die zu den besten ihrer Art zählt (Fortsetzung folgt.)