Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 8 (22.2.1924)
- Date
- 1924-02-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 8 trotz der vielfachen früheren Bedrückung heutzutage durch ihre günstigen Gesundheitsverhältnisse ausgezeichnet und eben dadurch vielfach den Christen wirtschaftlich überlegen sind. Diese überraschende Widerstands- und große Arbeitskraft verdanken sie mSt Erfolg zum wesentlichsten Teile den vorzüglicher* hygienischen Vorschriften Mosis, welcher infolge seiner ägyptischen Priesterbildung ein ganz hervorragender Gesundiheits- und Religionsphilosoph war. Um die Volksgesundheit sicherzustellen, gab Moses in bezug auf den Fleischgenuß, den er den Juden bekanntlich anfangs ganz verbieten wollte, wenigstens erschwerende Vorschriften. Das unreine, durch seine Trichinen und Finnen gefährliche Schweinefleisch verbot er den Juden ganz. Sodann müssen sie selbst das kleinste Tier, also auch jedes Huhn und jede Gans, vom Schächter auf seine Gesundheit genau untersuchen lassen. Der Schmuggel mit toten oder kranken Tieren, die bei1 umis nicht selten in heimlicher und gefährlicher Weise zu Würsten verarbeitet werden, oder der bedenkliche Verkauf verdächtigen Fleisches auf der sogenannten Freibank, ist So bei den Juden einfach unmöglich. Schon allein durch diese gesundheitlichen Vorschriften genießen die Juden vor den Christen ungeahnt große gesundheitliche Vorteile. Bekanntlich verzehren die Juden aber außerdem nichts von den hinteren, unreinen Stücken des Tieres und zeigen sich auch dadurch den Christen in hygienischer Beziehung überlegen; denn diese meinen in ihrer anerzogenen Gedankenlosigkeit, alle Teile des Tieres seien gleich gesundheitsgemäß und unbedenklich zuträglich. Sodann gab Moses seinen Landsleuten auch besondere Fastenvorschriften, und diese1 sind ebenfalls von nicht ztf ünterschätzenidieirnj Einflüsse. I c h halte e s für eine d r i n g e n d ei A u f g a b e u n s e r e r Z e i t, d a ß d i e a u s g e z e i c h n e t e n hygienischen Lehren von Moses in ihrer tiefen Bedeutung für die ganze Wohlfahrt des Volkes wieder richtig gewürdigt und unserer jetzigen1 Erkenntnis Verständnis voll angepaßt werd e n." Dr. Bilfiniger, desfsen Ausführung hier wörtlich wiedergegeben ist, ohne' uns natürlich in allem mit ihm einverstanden zu erklären, sieht auch in der Beschneidung eine Gesundheiitsmaßregel „allerersten Ranges" und die religiöse Vorschrift des Händie:- waschens vor jeder Mahlzeiit erklärt er gesundheitlich für sehr wertvoll. (Schluß folgt.) ..... Betrachtungen zu Ernst Tollers „Der Hinkemann". Der Philister schäumt! Ernst Toller, den die Willkür bayrischer mittelalterlicher Reaktionäre num seit Jahr und Taig iirru Festungsgefängnis Nieder- Schönenfeld festhält, hat ein Drama geschrieben, in dem er rücksichtslos die Maske von den sozialen Zuständen herunterreißit und der Welt zeigt, wie es in Deutschland aussieht. Man hat das Stück -in Dresden vom Spielplan abgesetzt und im Berliner Staatlichen Schauspielhaus nicht aiufführen können, weil die „nationalen" Kreise in anonymen Drohbriefen zartfühlend jeden einzelnen Schauspieler mit Erschießen auf offener Bühne bedrohten, der es wagen sollte, in diesem Drama aufzutreten. Von Wien nach Bukarest. Ernste und heitere Reiserlebnisse von Josef Qrob. (Fortsetzung.) V. Stanislau, die Stadt der Wunderrabbis und des Elends. In Galizien gab es zu jeder Zeit Städte und Städtchen, wo trotz des bekannten galizischen Elends ein im geistigen Sinne hervorragendes Menschenmaterial heranwuchs. Die Antipathie gegen den polnischen Juden mag berechtigt oder unberechtigt sein, die Tatsache, daß aus den Kreisen der polnischen Juden hervorragende Männer hervorgegangen sind, kann niemand bestreiten und vor Persönlichkeiten wie Dr. Bloch aus Dukla, Dr. Brande aus Stanislau und anderen Geisteskapazitäten aus dem östlichen Galizien muß jeder Westeuropäer, ob Jude oder Nichtjude, Achtung bekunden. Auf dieser jüdischen Elendsinsel, wie einst Galizien hieß, gab es — trotz der furchtbaren Wirtschaftsverhältnisse — Ortschaften, wo Wissenschaft und Kultur zur obersten Lebensbedingung gehörten. Das größte Kulturzentrum, das sogenannte galizische Weimar, war die Stadt Stanislau. Dort gab es schon zu Ende des neunzehnten und in den Anfängen des zwanzigsten Jahrhunderts junge Leute, die, abgesehen von ihrem hebräischen Wissen, das zur Selbstverständlichkeit gehörte, nicht minder in der deutschen Literatur so bewandert waren, daß ein zufällig nach Stanislau verirrter Deutscher hätte staunen müssen. Man kann ruhig behaupten, daß im chauvinistischen Polen niemals von einer deutschen Literatur eine Ahnung bestanden hätte ohne den „polnischen" Juden. Stanislau war auch eine von den Städten, wo ein überwiegender Teil der jüdischen Bevölkerung mehr oder weniger fortschrittlich gesinnt war, ja sogar einen „deutschen" Tempel erbauten die Stanislauer Juden, in dem ein geregelter, streng Mannheimischer Gottesdienst eingeführt wurde. Der Krieg, der alles von unten nach oben und von oben mich unten gekehrt, hat auch dieser Stadt ein ganz anderes, neues Aussehen aufgeprägt. Abgesehen davon, daß von dieser Stadt die Kriegsverwüstungen nicht einmal die Hälfte übrig gelassen haben, ist auch die Bevölkerung eine ganz andere und, mit Ausnahme von ganz wenigen der zurückgekehrten früheren Intelligenz, sind es ganz neue Menschen mit eigenartigen Begriffen, die geeignet sind, einen Schatten über die einstigeNKulturstadt auszubreiten, wodurch dieselbe schwer wieder zu erkennen ist. Am auffälligsten ist das Auftauchen einer ungewöhnlichen Zahl Wunderrabbis, die vor dem Kriege in kleinen galizischen Nestern ihre Residenz führten. Jetzt aber hat in Stanislau fast jede Gasse ihren Wunderrabbi. Ich hatte zufällig Gelegenheit, einem Hochzeitsfest bei einem dieser Wunderrabbis beizuwohnen und noch heute, nach mehreren Wochen, kommf mir all das Gesehene wie ein Märchen vor. Volle acht Tage dauerten die Hochzeitsfeierlichkeiten an, ja sogar einige Tage vor dem Hochzeitstermin verspürte man in der ganzen Stadt einen wahren Freudenrausch. Als der Bräutigam, der Sohn eines in einer naheliegenden Ortschaft residierenden Wunderrabbis, samt den Hochzeitsgästen vom Bahnhof abgeholt werden sollte, waren der Bahnhofplatz und die dorthin führenden Gassen) schwarz von Menschen, Autos, die von wohlhabenden Chassidim zur Verfügung gestellt waren, nahmen die ehrwürdigen Gäste auf, um sie in das prachtvolle Haus des Brautvaters zu führen. Voran ritten verschiedenartig verkleidete Chassidim, um den Weg frei zu machen. Tausende Menschen, Juden und Christen, wohnten der Trauungszeremonie bei, nach der einige Musikkapellen zu den lustigen Hochzeitstänzen, die die ganze Nacht andauerten, aufspielten. Diese Wahrnehmungen - übten auf mich keine geringe Verwunderung aus, da ich auf der anderen Seite, In der