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Die Wahrheit · 1924-02-15 · Heft 7 (15.2.1924) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 7 (15.2.1924)
Date
1924-02-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Se&e 10 DIE WAfjgfglT Nr, 7 und behandelt Eure Eltern mit warmer Herrlichkeit, aber betrachtet niemanden als Feind, weil er ein Christ ist" Sollten unsere gesitteten Mitteleuropäer sich jemals zu einer ähnlichen Duldsamkeit gegen Andersgläubige aufschwingen, dann ließe sich mit der freien Schule über den Reltgionsersatzunterricht in den Volksschulen sprechen. Diesem Ideal sind aber in diesem Jahrhundert weder Deutschnationale noch Christlichsoziale reif. Es ist beschämend, muß indes gesagt werden, daß die gelbe Rasse eine gesittetere Psyche besitzt als die stark in Dünkel und Barbarei versunkene germanische Volksfamilie. Katholiken und Jaden. Im Kampf zwischen ungleichen Kräften wird jeder gerecht und moralisch Empfindende auf Seite des Schwächeren sein. So ist es auch im Kampfe des Judentums gegen den Antisemitismus. Wiederholt schon haben wir in unserem Blatte gezeigt, daß wahrhaft edle vom Geist desEvaneeliums erfüllte nichtjüdische Priester den Antisemitismus in Wort und Schrift verurteilten. In solchem Sinne nahm der bekannte katholische Schriftsteller Dr. Alfons Steiger als Hauptredner einer Versammlung in Köln über das Thema Katholizismus und Judentum zugunsten des letzteren Stellung. Redner schilderte die Geschichte der Juden in Deutschland und des Antisemitismus daselbst. An Hand eines reichen Materials wies er nach, daß die völkischen Bestrebungen antichristlich gerichtet sind. Aehnlich bemerkte Kardinal Faulha^er in seiner Silvesterpredict zu München: Die Geister haben sich geoffenbart. Zuerst hieß es: Es geht gegen den Juden und die rote Internationale, dann hat man sich entlarvt und gegen die katholischen Kreise Front gemacht. Heute am Schlüsse des Jahres rufen wir nicht Feuer vom Himmel, sondern sagen: „Vater vergib ihnen, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern". Der unentwegte Graf Reventlow flegelt deshalb in seinem wiedererscheinenden ..Reichswart" den bayrischen Kirchenfürsten an und versucht mit der ihm eigenen Logik den Nachweis, daß katholische Parteien und Katholizismus zwei grundverschiedene Dinge sind. An allem . . . Vor einiger Zeit hat die Strafkammer in Braunschweig sich mit einem entsetzlichen Eisenbahnnmdück in Kreiensen beschäftigt. Ein Lokomotivführer wurde abgeurteilt An sich ein Vorfall, der mit Politik auch nicht das mindeste zu tun hat Aber bei unseren Deutschvölkischen ist nichts unmöglich. So hat denn Herr Ouindel, einst Direktor der ..Scheintodverhütungsgesellschaft m. b. H.", durch tiefes Nachdenken herausgebracht daß für das Eisenbahnunglück niemand anders verantwortlich sein kann als „AHjuda". In Nummer 37 des „Sturm" kann man lesen: -Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Not der Zeit die Beamten vom Dienst ahlenkt so daß die Schuld auf die internationalen Bank- und Börsenbanditen fällt, die in ihrer unermeßlichen Habsucht die ganze Welt Ins Unglück stürzen." Wollten wir uns die Logik des Herrn Ouindel zu eigen machen, dann könnten wir behaupten, daß auch an seiner mehrmonatigen Gefängnisstrafe die Juden schuld sind, die Herrn Ouindel wiederholt in seinem Leben das Augenlicht so^ geblendet haben, daß er nicht mehr zwischen Mein und Dein unterscheiden konnte. Kavaliersmäßig. Ist es ein Zeichen niederer Gesinnung, anonyme oder Pseudonyme Schmähungen hinausgehen zu lassen, so ist es nicht minder zu verurteilen, wenn Jemand vorgibt derartige Episteln empfangen zu haben, ohne daß eine Tatsache dahinter steht. Wir haben nun den deutschen Kavalier Graf zu Reventlow sehr in Verdacht, daß er sich in solchem Falle befinde. Er veröffentlicht In der Reichswartnummer vom 14. Jänner die angebliche „Stimme eines deutschen Staatsbürgers jüdischen Glaubens", die sich dahin vernehmen läßt: .ich lese in der Central-Verelns-Zeitung, daß der Lump Reventlow als Sachverständiger*) fungieren will. Er soll sich versehen, daß wir ihm nicht die Rede in Klump (?) schlagen. Wenn wir Juden nicht wären, hättet ihr Christen nichts zu fressen" usw. mit Grazie. Dieses Schreiben wird angeführt, um dem Centrai-Verein eines auszuwischen, macht aber sehr den Eindruck plumper Erfindung, denn kein wirklicher Jude steigt zu dem Schimpfniveau der Hakenkreuzler hinab. Der „Reichswart*4 will offenbar glauben machen, daß Rohheit nicht bloß Sache der arischen Rasse sei, sondern auch dem Juden, »beziehungsweise Central-Vereins-Zeitungs-Lesern eigne. Für diesen Anwurf wird jedenfalls der Erweis zu erbringen sein. Immerhin hat der edle Graf hier seine kavaliermäßige Existenz verleugnet *) Darüber, ob die Geheimnisse der Weisen von Zfon echt oder unecht sind. D. Red. Theater, Kunst u. Literatur I mwwwww^^——ufw.1.1 " *i-MBje^jBr-ai,^a*ivmjLiKB3r*MjMM. «.«aauiwuimt Die Toller-Premtere in Wien. Schon um 3^11 Uhr ständen am Sonntag hunderte Menschen vor dem Raimund- Theater. Man sah ungewöhnlich viel sozialdemokratische Arbeiter, aber auch Gegner; jugendliche Nationalsozialisten mit bunten Kokarden und Hakenkreuzen im Knopfloch. Sie waren herbeigekommen, um getreu der Ankündigung des Blattes unseres Vizekanzlers und Justizministers Frank, der „Deutschösterreichischen Tageszeitung", die Vorstellung, wenn möglich, durch Johlen und Pfeifen zu unterbrechen. Es gab aber nur kleinere Reibereien. Der Schauspieler Hans M a r r vom Deutschen Volkstheater trat vor Beginn der Vorstellung vor den Vorhang und bat, den Dichter ruhig anzuhören und diese Wohltätigkeitsvorstellung, in der „Der Hinkemann" nur einmal (..Warum nur einmal?" rief man aus dem Publikum) zur Aufführung gelange, durch keinerlei politische Demonstration zu stören. Die Folge dieser ruhigen Rede, die mit allgemeinem Applaus quittiert wurde, war eine glänzende Aufnahme des Tollerschen Dichtwerkes, eine Aufnahme, die das geistige Wien ehrt Nur einmal, in der vierten Szene, mußte ein Wachmann im zweiten Rang einschreiten; ein Ruhestörer wurde herausgeholt und, da er sich sträubte, mit Gewalt aus dem Hause gebracht. Dieser Provokateur war natürlich — ein deutschnationaler Student. Obwohl man von einer Studentenschaft, die für den Numerus clausus auf der Universität Krawall schlägt, auch an einer anderen Kulturstätte ähnliche Bübereien erwarten durfte, ist man doch Immer wieder entsetzt von ihrer kindischen Unreife, die diesmal besonders klar zutage trat, da Tollers Stück, aüf das wir zurückkommen, eine rein menschliche Tragödie gibt, die. der politischen Opposition keine Angriffsfläche bietet. 0. H. Vortragsabend. In der Zeit unseres modernen Kunstbetriebes, in der die größte Reklame den größten Erfolg verbürgt und man fast, rettungslos dem Dilettantismus in , seinen.; , mannigfachsten Formen ausgeliefert ist, bedeutet eine Erschein nung, wie die Oskar Tellers, der . sich uns ' mit einem feingewählten Programm von Revolutionsdichtungen am 9.. d. M. vorstellte, geradezu eine Wohltat. Der junee Künstler hat seinen älteren und routinierteren Kollegen gegenüber den großen Vorzug, noch frei von jeder Manier und den dadurch bedingten, effektvoll sein sollenden Mätzchen sein Allerbestes, sich selbst, zu geben. Das empfand auch das Publikum, das er während der ganzen Vortrags.dauer zu stets erneuten, stürmischen Beifallsäußerungen hinriß. Aus dem klug differenzierten Programm seien besonders die Gedichte von Morris R o s e n f e 1 d (von Alfons Petzold aus dem Jiddischen übersetzt) und insbesonders der erschütternde Notschrei des Franzosen Marcel M a rtinet: „Du gehst zum Kampf", der das Problem des Weltkrieges in grandioser Weise behandelt, hervorgehoben. — Alles in allem: Der in seiner schwarzen Chaluzim-Bluse vor uns auf dem Podium stand, ist vielleicht heute noch nicht das, was man einen „perfekten" Vortragskünstler nennt, er hat, besonders in technischer Hinsicht, noch zu lernen, um das zu werden, was er schon heute verspricht; aber dort oben stand ein Mensch, der mit echter Empfindung, nach dem letzten, höchsten Ausdruck seiner Ueberzeugung rang. Und schon aus diesem Grunde war der Abend für jeden Besucher ein Gewinn. — Wie wir erfahren, wird Oskar Teller die Reihe seiner Vorträge mit einem der jüdischen Literatur gewidmeten Abend fortsetzen, was wir herzlich begrüßen. A. R. Vortragsabend des .Schriftstellers Josef Grob. Sonntag, den 24. Februar 1924, findet im Festsaale des Hotel Kontinenthai, IL, Taborstraße 2, ein Vortragsabend des bekannten jüdischen Schriftstellers Josef Grob, der vor kurzem von seiner . erfolgreichen ausländischen Vortragstournee zurückgekehrt ist unter Mitwirkung namhafter Kunstkräfte statt. Nach den Vorträgen Tanz. Tombola, usw. Ein Teil des Rein-, ertrages ist für wichtige Wohlfahrtszwecke bestimmt. Besinn nräzise 7 Uhr 30 Min. abends. Karten sind zu hn^en: Cafe Neubauhof, VII.. Neubaugasse 66, Redaktion „Die Wahrheit", IL, Heinestraße 13, und an der Abendkassa. EHsabethhelmredoute. Wie bereits gemeldet, findet Dienstag, den 19. d. M. in den Sofiensälen die dritte Maskenredoute des Elisabethheims statt. Karten können im Vorverkauf, sowohl im Heim IL. Mazlgasse 7, als auch bei sämtlichen Komiteemitgliedern. die daselbst zu erfragen sind, bezogen werden.

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