Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1924-02-15 · Heft 7 (15.2.1924) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 7 (15.2.1924)
Date
1924-02-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064071-3064078--12590-3080048
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite DIE WAHRHEIT Nr.? bei all den -bedeutenden Zeitepodien des Vereines hat Fuchs Stellung genommen und sich mit den Fragen des Tages und der Zeit auseinandergesetzt. Zur Jahrhundertwende des Emanzipationsedäktes läßt er in einem weiüausschauenden Rückblick und Ueberblick all' die geschichtlichen Phasen vor unserem geistigen Auge erstehen, die das Judentum in Preußen-Deutschland bis auf die heutige Zeit durchgemacht hat. Wir hören die Flammenworte, die Gabriel Rießer in das deutsche Parlament schleudert und wir hören, wie Eugen Fuchs sich mit dem spitzfindigen Begriff des „christlichen Staates" und des „christlichen Volkes" auseinandersetzt. Männer, die sich Historiker nennen, wie Treitschke, solche, die sich Philosophen nennen, wie Eduard v. Harnnann, operieren mit solchen Begriffen und bekommen es fertig, Behauptungen aufzustellen, die so wenig mit Geschichte, mk wahrer Geschichte — Kulturgeschichte, so wenig mit Philosophie — echter Philosophie gemeinsam haben. Gegen Männer und Anschauungen aber muß dauernd Sturm gelaufen werden. Immer wieder kehi?: das Wort: Die Juden sind Fremde und der Staat christlich — mit anderer Betonung, mit wechselnder Motivierung, aber immer mit der gleichen Engherzigkeit, BefanigenheSt, . Niedrigkeit, Nichtverstehen-wollen oder -können. Mögen nun ein Treitschke, ein fiartmann oder ein Sombart sprechen. In dem wohl berühmtesten Aufsatz, der „Glaube und Heimat'4 betitelt ist, hat Fuchs mit meisterlicher Klarheit Anschauungen abgegrenzt, die Anschauungen derjenigen gekennzeichnet, die — sagen wir einmal — eine „vaterländische Grundstellung" einnehmen. Er stellt Judentum sehr hoch. Für ihn ist Judentum etwas Geistiges. Wir setzen Judentum gegenüber den anderen Religionen und Bekenntnissen herab, wenn wir das in den körperlichen Narionsstaatsbegriff einzwängen, was ein universeller Religions- und Sittlichkeitsbegriff ist. Aus dem „Volk des-Buches" will er kein leibhaftes Wald- und Wiesenvolk machen. Die Nationen schließen sich immer mehr ab, die Idee aber schlägt Brücken zu den Nationen. Man wird an Tolstois Auffassung vom Judentum erinnert: Für Tolstoi ist das ideale Judentum symbolisiert in jenem jüdischen Weisen, der so in das Lesen der Bibel vertieft ist, daß er nicht gewahrt, wie die Jahrhunderte über ihn hingehen und Völker auf der Erde erscheinen und von ihr verschwinden. Mit Schärfe wendet sich Fuchs gegen die herabsetzende Bezeichnimg „Assimilanüen". Wer in deutscher Kultirr aufgewachsen, von ihren Früchten sich nährt, in Treue zum Judentum hält, nichts würdelos aufgibt, was seinem Wesen entspricht, den darf man nicht mit dem gewollt herabsetzenden Ausdruck „Assimilanten" bezeichnen. Es gehört zum Bilde des Mannes, daß er sich bestrebte, ein gutes Verhältnis zwischen all den großen jüdischen Organisationen herzustellen. In den meisten von ihnen war er selbst an hervorragender Stelle tätig. Eine jüdische Einheitsfront herzustellen, war ihm ein besonders sympathischer Gedanke. Die letzte der gesammelten Reden, die aus dem Jahre 1919 stammt, trägt die Ueberschrift: Was mm? Sie Faßt all das zusammen, was angesichts der Zeitlage zu sagen und zu tun ist. Sie wirft zum Schluß die besorgte Frage um das deutsch-jüdische Schicksal auf. Sie entläßt uns mit einer Hoffnung, wie sie der Kämpfernatur in Eugen Fuchs entspricht, entsprechen muß. Denn jeder Kämpfer muß in gewissem Sinne Optimist sein. Würde er sonst kämpfen? Wäre es sonst nicht besser und bequemer, die Hände in den Schoß zu legen und das Schicksal abzuwarten? Fuchs schließt mit den Worten — sie mögen uns eine Mahnung über das Grab hinaus sein: „Wennwir treu, selbstbewußt und einig sein werden, so ist mir um die Zukunft nicht bange. Der Kampf der Geister ist kein Unglück; wie im Handeln kommt es auch im Denken nicht auf die Erreichung eines Zieles, sondern auf die zielstrebende Bewegung an. Nur nicht Stagnation und Karnpfiosigkeft! Kamptbewegiung ist alles. Aus der Bewegung wird sich, so bin ich gewiß, die Wahrheit und das ergeben, was dem Judentum, dem Vaterland und der Menschheit am besten fromm! Völkische und konfessionelle Absperrung ist nicht das Menschheitsideal. Nation und Konfession sind nur Durchgangsstufen zum höheren Menschentum. Ich glaube an den messianisehen Beruf des Judentums, die Völker zu einer friedfertigen, freien und. gerechten Menschheit 7M vereinigen." Im Sinne unseres Denkers und Kämpfers wollen wir uns vor Augen halten, daß Besitz und Ehren, das Erreichte, nicht das Entscheidende im Leben ist. Uns allen — dies gilt besonders für eine Zeit wie die gegenwärtige — ist ein glückliches Leben nicht beschieden. Darum müssen wir — nach einem alten indischen Wort — ein heroisches Leben führen. Das sind die Lebensaufgaben, die man sich stellt — das, was die wahre Persönlichkeit ausmacht. Wie man sie meistert, das ist das Entscheidende—das W ie?. nicht das Was? — Wie man um seine Lebensziele kämpft, wie man seinen Mitmenschen zu helfen sich bemüht. Weit dahinter zurück tritt das, was einem als Erworbenes in den Schoß fällt. Darum wiederhole ich die Worte unseres toten Freundes, die er ja doch den Lebenden zuruft: „Wenn wir treu, selbstbewußt und einig sein werden, so ist mir um die Zukunft nicht bange." Handeln wir in seinem Sinne! Mitteilungen des Zentralvorstandes. Namhafte Spenden. Der „Union deutschösterreichischev Juden" ist von Herrn Josef Klinger aus einer von ihm durchgeführten Schiedsgerichtssache eine Spende von Kronen 1,000.000 und von Herrn Direktor Koloman Präger eine selche von K 500.000 zugeführt worden. Wir sprechen den hochherzigen Spendern hiermit unseren wärmsten Dank aus. Aus unserem Rechtsschut^und Abweiirbüro. Neues vom „Eisernen Besen". Die „Salzburger Wacht" berichtet, daß in den letzten Tagen Sepp Koller wieder, in Salzburg gesehen wurde und vom Antisemitenbund wieder in Gnaden aufgenommen sei, um am „Eisernen Besen" neuerlich mitzuarbeiten. Das Blatt fügt hinzu: „Wenn es wahr ist, daß Koller wieder auf dem Plane erscheint und die Antisemitenbündler sich wieder mit ihm gemein machen, dann richtet sich die ganze Gesellschaft neuerlich. Wir halten es für ausgeschlossen, daß ein moralisch so belasteter Mensch, den seine eigene Partei fortgejagt hat, sich neuerdings " als Moratwächter soll aufspielen dürfe."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.