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Die Wahrheit · 1924-02-15 · Heft 7 (15.2.1924) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 7 (15.2.1924)
Date
1924-02-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7 DIE WAHRHEIT Sdte 3 daher sicher nicht nötig, einen „Spitzel" zu „übersenden". Deshalb erklären wir Herrn Alstleitner, wenn er nicht in seiner nächsten Folge eine klare Darstellung des Sachverhaltes gibt, öffentlich für einen böswilligen Verleumder! In einem Artikel „D e r A n t i s e m i t e n b u n d ander Arbeit" wird von der Interpellation des Hauptvorstandes Nationalrat Dr. Jerzabek wegen des Interviews des Bundespräsidenten Hainisch gesprochen. In der Interpellation hat Jerzabek ausdrücklich gesagt: Die antisemitische Bewegung in Oesterreich denkt nicht daran, die bodenständige jüdische Bevölkerung in ihren Rechten zu schmälern. Aber die „Besen"-Schreiber sind nicht so menschlich wie ihr Führer, sie lassen den Ausspruch Jerzabeks einfach in dem Artikel verschwinden. Sie wollen kein Inserat bodenständiger jüdischer Kaufleute in bürgerlichen Blättern dulden, sie ziehen die Ehre ihrer Mitbürger in den Kot, beschmutzen deren Privatleben und setzen sie durch ihren ordinären Spott herab. Das Gemeinste aber ist folgendes: Das Blatt veröffentlicht fortlaufend seit 11 Folgen Namen und Adressen von in Salzburg wohnhaften Geschäftsleuten, Agenturen, Aerzten und Rechtsanwälten „jüdischer (fremdrassiger) Volkszugehörigkeit" und stellt diese als „J u d e n k a t a s t e r" in jeder Nummer zusammen. Er wird von einer Flut von Schimpfworten garniert und dazu in einer Notiz die Parole ausgegeben: „In Zukunft jagt diese Heuchler zum TeüfeX'ä^nn^dbhhin'geMren sie und nicht in unser christliches Salzburg. Juden hinaus!" Den Mitarbeitern an dem „Jüdenkataster" wjrd die Verantwortlichkeit für die Richtigkeit ihrer Angaben überwälzt, wie aus einer im „Briefkasten" befindlichen Notiz hervorgeht, sie bleiben aber „ungenannt" (ebenfalls Stichwort für eine Briefkasten-Notiz). Die Leute beseelt also echt deutsche Tapferkeit! unten warte. Wir griffe« nach unseren Reisepäklech und begaben uns hinunter, um den Rettungswagen zu besteigen, der uns zur Flucht verhelfen sollte. So rasch jedoch flüchtet man nicht, selbst wenn man es noch so eilig hat, überhaupt aus dem Lande der „Päklech" und „Rädlech". Was verlangen Sie bis zur Bahn? — fragte ich. Ich wußte wohl, daß bei solchen Gelegenheiten, wo alles flieht, von einer Fahrtaxe keine Rede sein kann, was jedoch dieser Fiaker von mir verlangte, darauf war ich absolut nicht gefaßt. Sie werden — sagte er — geben zur Bahn ein „Rädel" und drei ..Päklech". Ich schaue mir diesen Kerl genau an, ob er nicht betrunken oder wahnsinnig ist. Ich meine — sage ich — wieviel verlangen Sie für die Fahrt zur Bahn? Sie hören doch schon — sagt er neuerlich — ein Rädel mit drei Päklech. Sind Sie bei Besinnung — frage ich ihn — woher soll ich Ihnen Rädlech nehmen, und woher Päklech? Wollen Sie uns denn nicht für Qeld zur Bahn führen? O ja, erwidert er, aber, wie ich Ihnen gesagt habe, es kostet ein Rädel und drei Päklech, und wenn Sie mich zu lange aufhalten, kommt es dann auf zwei Rädlech. Ich schaue meine Frau an. sie mich und wir beide den anscheinend verrückten Juden, der für eine Fiakerfahrt Päklech und Rädlech verlangt. Sie — sage ich ~ daß wir keine Rädlech haben, das sehen Sie doch und die paar Päklech, die wir mit uns haben, die brauchen wir für uns. Was wollen Sie denn? — sagt darauf der Fiakermann — soll ich Sie vielleicht gratis zur Bahn fahren? Nein — sage ich — das verlange ich ja gar nicht, ich zahle Ihnen, soviel Sie wollen. Nun, dann werden Sie — sagte er — jetzt, nachdem Sie mich schon eine halbe Stunde aufgehalten und handeln, ein Rädel und vier Päklech geben. Ich handle doch gar nicht — sage ich — aber woher soll ich Ihnen Rädlech und Päklech nehmen? Ohl — sagt er — Sie haben genug, Sie scheinen ein reicher Mann zu sein, Ich möchte mir die Hälfte der Rädlech wün- Die Salzburger jüdischen Kaufleute sind nun als untadelhaft reell und anständig in- und außerhalb des Landes bekannt und auch die christliche Bevölkerung weiß diese Eigenschaften in vollem Maße zu würdigen. Davon abgesehen, ist aber ein allgemeiner Boykott, und ein solcher ist ja wohl mit dem „Judenkataster" beabsichtigt, strafbar. Deshalb richten wir an den Bundesminister für Justiz folgendes Offenes Schreiben: In Salzburg erscheint die Halbmonatsschrift „Der Eiserne Besen*4, welches sich als Hauotorgan für Deutschösterreich des deutschösterrelchischen Schutzver» baades ..Antisemitenbund" bezeichnet und sich eine mafilose Aufreizung zum Haß gegen die In Salzburg eingesessene jüdische Bevölkerung zur Aufgaber macht. Diesbezüglich verweisen wir au! die Tatsache, daß in jeder Folge des »Eisernen Besen" ein .Judenkataster" erscheint, welcher Namen, Beschäftigung und Adresse der in Salzburg wohnhaften und erwerbstätigen Juden umiaßt. Der Zweck dieses Judenkatasters Ist die Boykottierung der jüdischen Geschäftsleute durch die christliche Bevölkerung. Nach mehrlachen oberstgerlchtlichen Entscheidungen (P. E. vom 27. Oktober 1896, Zahl 12.384 und 12.385. Sg- Nr. 1988 und 1989) fällt auch der Boykott unter Jenen Degriff der „Feindseligkeit", welcher nach § 302 Strafgesetz das Vergehen der Aufreizung wider die verschiedenen Nationalitäten (Volksstämme}. Religious- oder andere Gesellschaften. Einzelklassen oder Stände der bürgerlichen Gesellschaft oder wider gesetzlich anerkannte Körperschaften oder überhaupt zur Herbeiführung feindlicher Parterangeti unter den Einwohnern des Staates begründet. Nach dem Preßgesetze ist die Anwendung des objektiven Verfahrens gegenüber solchen, durch die Presse begangenen Delikten nicht mehr möglich. Die Beschlagnahme kann nur durchgeführt werden, wenn gleichzeitig die subiektlve Verfolgung gegen die Urheber und Verbreiter eingeleitet wird. Wir erachten daher die Bitte vollauf begründet. datf das Bandesministerium für Justiz der Staatsanwaltschaft in Salzburg den Auftrag erteile, mit allen Ihr gesetzlich zustehenden Mitteln gegen die gefährliche Tätigkeit der Salzburger Halbmonatsschrift ..Der Eiserne Besen" einzuschreiten und namentlich gegen die In jeder Nummer fortgesetzte Boykottierung der Salzburger Judenschaft durch Einleitung des subjektiven Verfahrens und Beschlagnahme der betreffenden Nummer vorzugehen." sehen, die Sie nur in einer Seite Ihrer Brieftasche haben. Uns war es zur Gewißheit geworden, daß dieser Jude sieinhotreh' sei. Wie denn anders, ein Mann, der behauptet, ich hätte in meiner Brieftasche „Rädlech" versteckt. Wir waren schon' seneigt, uns um einen anderen Fiaker umzusehen, weil man erstens nicht wissen konnte, ob man mit so einem verrückten Kerl sicher fahren kann, und zweitens war jede Minute kostbar, die Leute liefen wie vor einer Feuerbrunst. Woher aber einen Fiaker nehmen? Es blieb nichts anderes übrig:, als den Mann zu überreden, vielleicht führt er uns doch für Qeld, sei es noch so viel, zur Bahn und nicht fttr Päklech und Rädlech. Also — sage ich — werden Sie uns endlich einmal sagen, wieviel ich Ihnen für die Fahrt bezahlen soll? Ja •— sagte er — Jetzt werden Sie mir ein Rädel und fünf Päklech zahlen. Jetzt frage ich Lhu schon in ärgerlichem Tone: Was haben Sie sich auf meine Päklech verlegt? Sie sehen doch, daß wir auf der Reise sind und die paar Päklech, die wir haben, für uns brauchen. Darauf der Fiaker: Was, die paar Päklech, Sie haben hunderttausende Päklech, Sie sind ein reicher Mann, das sieht man an ihrem Pelz, nur sind Sie ein geiziger Mensch und wollen einen armen Juden nichts verdienen lassen. Umsonst kann ich Sie nicht zur Bahn iühren — sagte der Fiaker — und machte Miene davonzufahren. Zum Glück kam der Hotelbesitzer, dem das lange Verhandeln aufgefallen war, und erklärte mir, daß man in Polen, zufolge der starken Entwertung der Polenmark, mit ganzen Geldpaketen zahlen muß, so daß hunderttausend Mark ein „Päkel". und eine Million ein „Rädel' heißen. Als wir dann am Bahnhot anlangten, bezahlte ich den armen Juden zwei „Rädlech" und fünf „Päklech44 -— (Fortsetzung folgt.)

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