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Die Wahrheit · 1924-02-15 · Heft 7 (15.2.1924) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 7 (15.2.1924)
Date
1924-02-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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seile 2 DIE WArtRttEÜ Nr. 7 fried) A i s 11 e i t n e r, Salzburg, Steingasse 33, an Stelle des angeblich abgesägten Sepp Koller. Aistleitner, ein junger Mann, war seit jeher ein fanatischer Hakenkreuzler. Trotzdem schrieb er am 29. September 1921 folgendes Schreiben an den s ozialdemokrati sehen Spar- und Konsumverein „Vorwärts" in Salzburg: Ich erlaube mir hiermit die höfliche Anfrage, ob in Ihrem werten Hause die Stelle eines Magazineurs oder Detaillisteu zur Besetzung käme, in welchem Falle ich mit untenstehendem Offert dienen würde. Am 10. Juni 1902 geboren, katholisch, nach Salzburg zuständig, besuchte ich die Volks- und Bürgerschule in Salzburg und trat nach Absolvierung derselben in das am dortigen Platze tätige Kolonial- und Spezerei Warengeschäft L. Bachmayer ein. Bortselbst hatte ich Gelegenheit, mich mit allen Arten des Geschäftes, wie Detail, En gros und Kontor vertraut zu machen. In den Jahren von 1917—1920 besuchte ich nebenbei die drei Klassen der kaufmännischen Fortbildungsschule in Salzburg. Ich verblieb im selben Geschäfte noch acht Monate als Gehilfe und kam am 18. April 1921 in das Mitterberger Kupferbergwerk nach Außerfelden, woselbst ich nun als Kontorist zur Zufriedenheit meiner Vorgesetzten in ungekündigter Stelle bin. Da meine Eltern in Salzburg seßhaft sind und ich außerdem wieder in Fach zurückgehen will, wäre mir meine Auf nähme,, wenn auch in der Provinz, sehr erwünscht Meine bisherixe politische Tätigkeit würde ich mit dein Falle der Anstellung einstellen. Indem ich Sie bitte, mein Offert zu berücksichtigen, bleibe ich, eine baldige Antwort erhoffend, Ihr ergebener Alois A-istleitner Industrieangestellter Außerfelden, Pongau. Man wird kaum einen gleichartigen Fall des schamlos prostituiertenhaften Preisgebens der politischen Gesinnung finden können. Früh krümmt sich, was ein Hakenkreuzler schon gewesen, . wenn er einen Unterschlupf bei den Sozialdemokraten erlangt. Leider haben diese den Idealismus des hoffnungsvollen jungen Mannes nicht zu würdigen ge~ Wüßt. So ist er denn zum Antisemitenbund gegangen und redigiert in'teutscher Treue fest das Sudelblatt „Eiserner Besen*'. Welch martialischer Qesinmingsathlet! Allerhand Hochachtung! Solchen Gesinnungskünstlern gebührt in der Tat ein eiserner Besen, aber ein wirklicher! Und von diesem Burschen lassen sich verblendete Menschen Moral predigen! Ebenso wie über diesen Burschen haben wir schwerwiegendes Material über die anderen Herren des „Eisernen Besen", namentlich über die Geldgeber dieses Sudelblattes, ein Material, an dem es nichts zu deuteln gibt, das beweist, wie wenig Recht diese Ritter vom „Eisernen Besen" haben, anderenMoralzupredigen, wo doch ihre eigene Moral einen doppelten Boden hat. Aber wir glauben, es wird das Vorgebrachte für^heute genügen« Und nun zum „Inhalt" des Hetzblattes. Zunächst in eigener Sache: Auf Seite 3 der Folge 4 findet sich unter dem Titel „D i e W a h r h e i t" folgende Notiz: Das Publikationsorgan der Union deutschösterreichischer Juden erscheint ab Jänner d. J. wöchentlich. Da wir aber gegenüber Judenzeitungen nicht zurückbleiben wollen haben wir uns entschlossen, ab 1. März ebenfalls wöchentlich zu erscheinen, für die Juden zwar keine erfreuliche Tatsache (was uns das schon aufregt!), aber desto begrüßenswerter für das arische Volk. Schließlich danken wir auch für die Uebersendung eines Spitzels, der dieser Tage vorsprach aber sofort erkannt wurde, mit Freimaurer werden wir jederzeit fertig, zumindestens wissen wir, auf welches Konto wir einen eventuellen Todesfall eines unserer Mitarbeiter buchen können. Das Verhältnis bleibt immer dann 1 zu 5. Der letzte Satz erscheint vollkommen sehleier1 häft, dagegen ist das aus der „Uebersendung eines Spitzels" abgeleitete „Wissen" ganz eindeutig. Wie schon einleitend bemerkt, haben wir uns bisher um den „Eisernen Besen" nie gekümmert, sind nicht einmal im Tausch verkehr mit ihm gestanden, haben es llffPl Feuilleton \WßWm Von Wien nach Bukarest. Ernste und heitere Reiserlebnisse von Josef Grob. (Fortsetzung.) IV. „PäkteciT und „Rädtech". Was sind „Päklech" und was „Rädlech"? Das hätte ich, selbst wenn ich das ganze Lexikon durchgeblättert hätte, nie gewußt, weil man darin — bitte, suchen Sie nach! — weder „Päklech" noch „Rädlech" finden kann. Wohl hörte Ich diese zwei Worte in Polen auf Schritt und Tritt, bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten; die Bedeutung derselben jedoch wußte ich nicht und sie interessierte mich auch nicht. Das heißt, ich wußte schon, was ein JPäkel" und was ein „Rädel" ist, denn ganz unverständlich sind diese Worte doch nicht: Päkel, das soll ein Paket und Rädel ein Rad sein. Ich hatte auch nicht wenig Unannehmlichkeiten mit meinen „Päklech", weil einem bekanntlich die größten Scherereien auf der Reise die Pakete machen, besonders jetzt bei den unvermeidlichen Grenzrevisionen. Auch das „Rädel" gehört nicht minder zu den Reiseunanriehmlichkeiten. Wie oft kracht gerade ein Rad, wenn man zwei Meilen von der Bahnstation ist. Nur haben diese Päklech und Rädlech, deren einziger Zweck, der zu sein scheint, den Reiselustigen das Leben zu versauern, mit jenen, die den Kopf dieses Kapitels zieren, gar nichts Gemeinschaftliches, weil die Bedeutung der letzteren eine ganz neue und für Polen eigenartige ist. Mir war es beschieden, auf recht merkwürdige Weise die Bedeutung der polnischen Päklech und Rädlech zu erfahren. Der Zufall wollte es, daß kurz vor meiner Abreise aus Lemberg der Generalstreik angedroht und in 24 Stunden auch durchgeführt wurde. Streike zählen in der ganzen Welt zu den unangenehmsten Erscheinungen, nicht aber in Polen. Dort ist Streik gleichbedeutend mit Rummel, und bei einem Rummel geht es. lustig zu. Gin kleiner Streik, ein kleiner Rummel, um wieviel lustiger bei einem Generalstreik. Das „Lustigste" bei einem Streik in Polen ist nämlich das Schladen. Man schlä&i ganz einfach jeden, der einem unterkommt, und in Polen trifft es sich von selber, daß, wenn schon Hiebe ausgeteilt werden, niemand anderer sie bekommt, als Juden. Kurz, ein Streik bedeutet soviel wie ein kleiner, unoffizieller Pogrom, bei einen Generalstreik dauern die Schlägereien und Ueberfälle fast ununterbrochen an, so lange eben gestreikt wird. Kein Wunder, daß in dem Moment, als der Generalstreik proklamiert werden sollte, alle Juden, die nicht in der Hauptstadt ihren Wohnsitz hatten, sich zu flüchten begannen, um wenigstens mit heiler Haut nach Hause zu kommen. Die Fiakerleute, die in Lemberg zum überwiegenden Teil Juden sind und in ruhigen Zeiten oit ganze Tage auf den Standplatz stehen, weil sie keine Fahrgäste haben, wurden mit einem Male große Herren, gesuchte Persönlichkeiten. Man mußte sich die Füße wund laufen, bis man einen der Herren traf, der einen zur Bahn führte. Die Grodecka, die lange Straße, welche sich dorthin zieht, war schwarz von Fiakern, vollgepfropft mit Flüchtlingen, die bestrebt waren, den letzten noch verkehrenden Zug zu erreichen. Auch mir war es kein besonderes Bedürfnis, das Ende des Generalstreiks in Lemberg abzuwarten, ich packte meine Reisepäklech zusammen (es waren ihrer vier oder fünf) und beauftragte den Hoteldiener, einen Fiaker aufzustöbern, der uns — meine Frau und mich — zur Bahn bringen sollte. Wenn auch nicht bestimmt bekannt war, ob und wann ein Zug abging, war es doch auf jeden Fall ratsamer, am Bahnhof - als in der Stadt zu sitzen. Atemlos erschien endlich der Hoteldiener, mit der freudigen Botschaft, daß der Fiaker bereits

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