Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 6 (8.2.1924)
- Date
- 1924-02-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 6, DES WAHRHEIT Seite 9 Zunge reicht, in allen Tonarten der Klage von dem namenlosen Elend, das welsche Bosheit und Vernichtungswille über ein zusammengebrochenes Edelvolk gebracht hat Mit diesem Elend hat es seine volle grauenhafte Richtigkeit; ist es doch so weit gekommen, daß die einst reichen, stolzen Deutschen zum europäischen Bettler hinabgesunken. Womit es aber nicht' seine Richtigkeit hat. ist die dogmenhaft festsitzende, nach aller Welt verbreitete Behauptung, für das ganze Unglück sei nur die Entente, genauer: die Politik Frankreichs verantwortlich. Wer jedoch die Sache in anderem, wahrem Lichte sehen will, der lese im Jännerheft der „Weltbühne" Ludwig Güsseis aufklärenden Artikel: ,.Die Jagd nach der Null", wohl das Hervorragendste, was bisher zum Problem der Rettung Deutschlands vor die Oeffentlichkeit kam. Die Ausführungen Güsseis sind überwältigend durch die unerbittlich klare Sprache der Zahlen und nicht zu leugnender Tatsachen. Der Verfasser zerstört schonungslos die Legende vom frommen germanischen Lämmchen, dem der grimme französische Tiger Blut und Mark aus dem Leibe nehmen will. Nach Güsseis Darstellung ist auf deutscher Seite auch nicht ein Schatten ehrlicher Gutmachungsabsicht. Und er liefert die Beweise für seine Anklage. Die Ausrede auf die Zahlungsunfähigkeit, womit jede deutsche Reichsregierung ihren Gläubigern Sand in die Augen streuen wollte, war nichts als fauler Zauber. In den Jahren 1922/23 zahlte die englische Bourgeoisie 319 Millionen Pfund Einkommensteuer, die deutsche — deren sämtliche Fabriksschlote damals noch rauchten — bloß 10 Millionen Pfund. Die englischen Körperschaften steuerten zur Staatsfondserhaltung 19, die Deutschen nur 2,1 Millionen Pfund. Vom ersten Tage nach dem Friedensschlüsse verlegte sich Deutschland aufs Herunterhandeln der vorgeschriebenen Reparationen und blieb auch die geminderten Beträge schuldig. Die Null wurde der Leitstern, der Kompaß der deutschen Reparationsrepublik von Cuno bis Stresemann und Marx. Kein Wunder, daß endlich England und Italien, die früher zugunsten Deutschlands eintraten, entrüstet über dessen bösen Willen, abschwenkten und Poincare" freie Hand ließen. Als im Jänner 1923 die Feuerzeichen am deutschen Horizont aufstiegen, war es nach Güssel dieselbe gewissenlose, zahlungsunwillige Bourgeoisie, die sich und das Volk damit tröstete: Laßt sie nur kommen! Die Ruhrbesetzung ist das Schlimmste noch nicht! Und .,sie" sind auch alsbald, gekommen, und mit ihnen all der maßlose Jammer, die Geldentwertung, die Not und das große Hungersterben. Nachdem so die Jagd nach der Null beendet war, stieg die Zahl der Arbeitslosen von 42.000 anfangs des vorigen Jahres auf 3.450.000 am Ende desselben. Diese Zahlen allein sprechen Bände für das von Deutschen an Deutschen verübte Verbrechen. Wird die Jagd nach der Null auch in diesem Jahre betrieben, dann — meint Güssel sehr richtig — kann sie nur mit der sicheren Vernichtung des Reiches enden. Bösel und kein Ende. Das Wiener Organ der Hakenkreuzler veröffentlichte vor kurzem einen wüsten antisemitischen Hetzartikel geeen Bösel. Unter der Devise „Oesterreich wird von Bösel aufgekauft" forderte das Blatt zum Besuche von Protestversammlungen auf. Die Hakenkreuzler haben zu diesen Versammlungen auch antisemitische Hetzplakate vorbereitet, die von der Polizei beschlagnahmt worden sind. Wie es heißt, werden gerichtliche Schritte eingeleitet werden. Was diese gerichtlichen Schritte betrifft, hören wir zwar die Botschaft, doch fehlt uns der Glaube. Aber selbst wenn es so weit käme, ist noch immer anzunehmen, daß die „Schritte" auf halbem Wege unterbrochen werden. Nach den Erfahrungen, die man mit dem wackeren Jüngling Nowosad gemacht, ist ziemlich wahrscheinlich, daß die publizistischen Hakenkreuzbuben ebenfalls für steinhofreif erklärt werden, was ihnen eigentlich zugebilligt werden könnte. Es ist übrigens merkwürdig, daß es Leute gibt, die es dem jüdischen Philantronen BoseLübel vermerken, daß er die riesigen Zuwendungen nicht ausschließlich jüdischen Wohlfahrtszwecken widme. In diesem Sinne wurde unter anderem auch in einem vielgelesenen Prager jüdischen Blatte der Standpunkt vertreten, die an die Wiener Universität verausgabten Milliarden hätten ausgereicht. 6000 Juden nach Palästina zu bringen. Wir haben selbstverständlich keine Ahnung, ob und welche Beträfe Herr Bösel für zionistische Zwecke eingestellt hat und der Korrespondent des gedachten Blattes ist wohl ebenso ahnungslos, denn es ist nicht die Gepflogenheit des Herrn Bösel, irgendeine, sicher aber nicht die Post „Förderung jüdischer Zwecke" an die große Glocke zu hängen. Aber es kennzeichnet jeden wahrhaft großzügigen Wohltäter, daß er sich nicht ausschließlich konfessionell festgelegt. Mit dieser, von uns wiederholt betonten Anschauung sollte hüben und drüben der müßige Streit um die humanitären Bestrebungen des Union - Bank - Präsidenten erledigt sein. Angebliche Revision des Bellls - Prozesses. Der berühmte russische Rechtsanwalt A. S. S a r u d n i », der dem Verteidigerkollegium im Beilis - Prozeß angehört hatte, richtete an die Sowjet - Regierung das Ersuchen, auf Grund des in Verhindung mit dem Mord an den Knaben Juschtschinski im Jahre 1911 gesammelten Materials eine Revision des Prozesses des seinerzeit in Kischinew wegen Ritualmords verurteilten, später freigelassenen Juden Beilis anzuordnen. Er begründet sein Revisionsverlangen damit, daß die geeen die Juden in Verbindung mit dem Beilis-Prozeß erhobene Blutbeschuldigung für immer aus der Welt geschafft werden müsse. Die Sowjet-Regierung ist daran, eine besondere Rechtsbehörde für die Frage der Revision dieses Prozesses zu schaffen. Die Meldung klingt in dieser Form nicht ganz verständlich, denn Beilis ist von der gegen ihn erhobenen Ankläffe freigesprochen worden. Dieses im finsteren Rußland gefällte freisDrechende Urteil stand und steht in grellem Gegensatz zu der zweimaligen Verurteilung des gleichfalls wesen angeblichen Ritualmordes -- selbstverständlich unschuldig — angeklagten Leopold Hilsner durch die Kreisgerichte in Kuttenberg und Pisek. tiilsner ist wohl nach zwanzigjähriger Kerkerhaft begnadigt worden, eine Revision des gegen ihn ergangenen Fehlurteiles konnte jedoch trotz allen Anstrengungen im alten Oesterreich nicht erzielt werden. Die russischen Wilden sind doch bessere Menschen! Ein Assimllant. In der Wiener „Wage" schreibt J a n u s unter diesem Titel: Der Z'onismus ist „Neue Freie Presse"- fähig geworden. Bekanntlich durfte früher sein Name nicht in diesen heiligen Spalten gekannt sein. Jetzt ist er rezipiert worden, und wer will, mag von dieser Erscheinung auf die Bewegung selbst urteilen. Einer der Monner. die gewiß nicht durch direkten Einfluß, aber durch seine Tätigkeit, mitgewirkt habeu. daß der Zionismus Wohlgefallen bei diesen Herren erlangt hat, ist Rutenberg. Ein Bekehrter. Er war damals, als der Gouverneur der Bodenkreditanstalt Taussig dem Zaren die Geldmittel für seine Progroms verschafte, russischer Revolutionär, also ein verwerfliches Subjekt. Er hat auch angeblich den Popen Gapon, der bewußt Tausende von russischen Bauern vor die Maschinengewehre des Großfürsten Wladimir geführt hat, um ein Exempel statuieren zu lassen, mit eigener Hand umgebracht. Also ein Romantiker der Politik, den man von sich fernhalten muß. Aber jetzt hat er sich dem modernen Zeitgeist assimiliert. Er hat sich dem Großkapital zugewendet und will mit dessen Hilfe Palästina elektrifizieren. Ah. das ist doch was anderes! Syndikate, Aktien, Beteiligungen, Dividenden, das mutet heimlicher au und diese Politik ist verständlich. Herr Rntsnberg weiß auch, was er soll. Er hat sich glänzend, nicht bloß dem Zeitgeist an sich, er hat sich auch dessen Einzelheiten und dessen Denken assimiliert. Vom Balt bis zum Jordan, von New-York bis Wien bei allen reichen Juden schnorrend, hat er erfaßt, wie man sich in die national empfindende Vö'kerfamilie derer, auf deren Sympathien es ihm ankommt, einzufühlen hat. In einem Interview (das in einem Palästina-Reisebuch erschienen ist und das die ..Wiener Morgenzeitung" bereitwillig abdruckt) schläet er auf — den Achtstundentag los. Die österreichischen Wasserkraftwerke? O. ganz gut, recht interessant, aber — wie will man da bei einem Achtstundentag fertig werden? In Palästina arbeiten seine Arbeiter — seine lieben Juden — mehr als acht Stunden. Das m^g man Herrn Rutenberg glauben, vielleicht eher als seine Berichte von den englischen Kapitalbeteiligungen. Abpr diese Wahrheit, die da aus dem Osten kommt und die auf die eben zu bearbeitenden Wiener Eindruck üben soll, dieser Hinweis auf das allen Unternehmern gelobte Land, in dem es so etwas wie soziale Einrich- JAC. MAYER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detail verkauf: Wien II., Glockengasse 24 Wien II.» Taborslraße 44