Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 6 (8.2.1924)
- Date
- 1924-02-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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SdteÜ DIE WAHRHEIT Nr, 6 hat, detf größten Wahnsinn der Menschheit bedeutet, stürzen möchten, maßen sich an,- als Retter und Patentpatrioten des Staates gelten zu wollen. Wehe dem Staate, , in dem diese Herrschaften das Regiment führen würde! — Im Abendblatt der „Grazer Tagespost", eines Blattes, welches vor Jahrzehnten durch seine vornehme Haltung allgemeine Anerkennnung genoß, in den letzten Jahren jedoch die Schwenkung zum ödesten Rassenantisemitismus mitgemacht hat, bespricht ein anonymer arischer Arzt im Anschluß an die Altäre Hochenegg die „Not der Aerzteschaft". Was der Herr über den Idealismus der Aerzte und über die Rücksichtslosigkeit, mit welcher denselben durch eine ganze Reihe von Maßregeln der materielle Ertrag ihres idealen Berufes abgegraben wurde, zu sagen weiß, kann ohne weiteres als richtig zugegeben werden. Die Schlußfolgerung aus diesen Prämissen aber ist wohl eine der gemeinsten Verdächtigungen unserer jüdischen Aerzte, um so gemeiner, als sie, wie schon erwähnt, anonym erfolgt. Der edle Herr schreibt am Schlüsse seiner Ausführungen: „Ist es ein Wunder, daß unter solchen Umständen sich unter der Aerzteschaft allmählich ein stärkerer materialistischer Zug bemerkbar macht? Besonders unter jenen, die auf Grund ihrer Rassenveranlagung mehr Talent haben, sich dem Leben'anzupassen. Ist man besorgt, daß dieser Geist die übrige, immer noch unglaublich ideale Aerzteschaft ergreift, warum hat man dann den N umerus clausus nicht eingeführt, bei der Besetzung von Lehrkanzeln immer Volksfremde vorgezogen, obwohl Arier genug vorhanden gewesen wären. Geht die Schuldigen das Grausen an? Einmal reift eben jede Saat" — Hier werden also die Grazer jüdischen Aerzte beschuldigt, daß sie durch ihre „Rassenveranlagung" den materialistischen Geist in die Grazer Aerzteschaft hineingetragen haben. Wer die hiesigen Verhältnisse kennt, der weiß, daß gerade die Grazer jüdischen Aerzte in ihrer opferfreudigen Berufstätigkeit, in ihrer Menschenliebe und auch in ihrer Hilfsbereitschaft für die Armen jeglicher Konfession geradezu tadellos sind. Wenn der Artikelschreioer davon spricht, daß innerhalb der Grazer Aerzteschaft sich, ein materialistischer Geist bemerkbar macht, so kann das höchstens aui seine engeren Freunde, die wohl gleichfalls für die Einführung des Numerus clausus schwärmen, zutreffen. Sind schon die Beschuldigungen, welche Hofrat Hochenegg gegen die Aerzteschaft erhoben hat, nicht aus ganz reinen Quellen entsprungen, so riecht die Anschuldigung des anonymen Aeskülaps in der „Grazer Tagespost" erst recht nach sehr „materialistischen" Motiven. Unsere Grazer jüdischen Aerzte werden sich durch solche hetzerische Verleumdungen in der menschenfreundlichen Ausübung ihrer Berufspflicht nicht irre machen lassen. Und auch die Bevölkerung, welchen Standes und welchen Bekenntnisses sie immer sein mag, weiß genau zu unterscheiden, wer ein guter Arzt und wer ein Rassenhetzer ist. unsere Leser» l Die Redaktion der „W a h r h e i t" beabsichtigt nunmehr, da das Erscheinen als Wochenschrift gesichert erscheint, d i e „ W ahrh ei t" inhaltlich auszugestalten. Wir sind tiberzeugt, daß unsere Leser diese Ausgestaltung, die uns der stets wachsende Abonnentenstand ermöglicht, begrüßen werden. Wir wenden uns an Sie mit der Bitte, uns in unseren Bestrebungen mit aller Kraft zu unterstützen. I. Die Abojanementsgebühr (von K 50.000 halbjährig) uns mit Benützung des Ihnen zugegangenen Erlagscheines umgehend einzusenden. 2. Unsere Zeitung überall zu empfehlen, in allen Lokalen zu verlangen und für uns in allen Kreisen und mit aller Energie Abonnenten zu werben. 3. 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Grund genug für den Antisemiten Jerzabek, den Bundeskanzler Dr. Seipel scharf zu interpellieren, wie es käme, daß vom Staatsoberhaupt der österreichischen Republik die verfassungsmäßige Pflicht der Parteilosigkeit verletzt werde und gleichzeitig das Prinzip des Antisemitismus. Dr. Seipel entgegnete dem unwilligen Christlichsozialen sachlich und klug, wie es die Art unseres Bundeskanzlers ist, ohne daß sich der Anfragende und seine Parteigenossen darob beruhigen mochten. Wir hätten auf den groben Klotz Jerzabek gerne den erforderlichen groben Keil gesetzt gesehen, denn es will uns bedünken, der Interpellant habe die Grenzen seines Fragerechtes überschritten. Er hätte sich vor allem darüber klar sein müssen, daß mit der Uebernahme des Amtes eines Bundespräsidenten dieser keineswegs das Gelübde der Schweigsamkeit abgelegt hat Es bleibt ihm auch in seiner hohen Stellung unbenommen, sich über große Zeitfragen zu äußern. Daß er dies nicht im Geiste Jerzabeks getan, darin liegt nach den Begriffen der Antisemiten aller Schattierungen die große Schuld. Wer aber zu prominenter Stellung berufen, den Eid auf jene Verfassung abgelegt, die Gleichberechtigung aller Staatsbürger verkündet, kann niemals sich gegen eine Klasse der letzteren erklären. Vom Bundespräsidenten der deutschen Republik, Herrn Marx, weiß man, daß er sich erst vor kurzem zur Judenfrage in einer Weise geäußert, die mit jener des Bundespräsidenten Hainisch im wesentlichen übereinstimmt. Judenhaß ist eben nicht das Alpha und Omega der Regierungskunst. Solcher Trumpf bleibt den dunklen Ehrenmännern überlassen, die nach der Regierungsgewalt streben. Und auch da ist ein Kennzeichen, das heute nur die großdeutschen und großmagyarischen Führer gemeinsam haben, die in ihrer Verblendung nicht verstehen können, daß in der Realpolitik lediglich das System der gesunden Vernunft möglich ist. Und worüber sieb die „Deutschösterreichische Tageszeitung" aufregt! Präsident H a i n i s c h in seinem Gespäch mit dem Vertreter des „Pester Lloyd": „Ich stamme aus einer deutschen arischen Familie, aber der Umstand, daß mein Großvater in Tyrnau lebte und dort heiratete, kann natürlich die Rassenschützler zu albernen Schlüssen veranlassen." Die tägliche Hakenkreuzlerzeitung vom 29. v. M.: „Man war ja bei Dr. Hainisch, der dem Judentum schön auf Grund seiner Abstammung sehr nahe steht und dessen Gattin ebenfalls eine Jüdin ist, auf eine philosemitische Anschauung von vornherein gefaßt." Auch hier zeigt sich eine Uebereinstimmung mit Reichskanzler Marx, der ebenfalls als Judenstämmling verdächtigt wurde. Die Judensozi als Muster empfohlen. Und zwar vom hochgeborenen Grafen Rewentlow, der in seiner wiedergestatteten Zeitschrift sich dafür einsetzt, daß grundstürzende Aenderungen des völkischen Gedankens vorgenommen werden müßten in der Weise, wie die Sozialdemokratie seit fünfzig Jahren gearbeitet; Werbungen im großen und kleinen. Die Völkischen aber reden an dem völkischen Zukunftsstaat vorbei und herum, was die Sache um keine Haaresbreite fördert. Damit die, die es angeht, gleich wissen, wie die Sache anzufassen, liefert der edle Graf die edelsten Grundsätze des von ihm gedachten Staates. Ohne auf deren Gesamtheit einzugehen, möchten wir nur die eine Forderung herausgreifen: Der völkische Staat muß bestrebt sein, die Ansammlung großer Reichtümer zu verhindern, bzw. zu beseitigen. An diesem „beziehungsweise" müßte der völkische Staat scheitern. Wenn einmal dem Stinnes oder Krupp: die Ansammlung großer Reichtümer nicht gestattet sein soll, dann wird auf alles Völkische gehustet, und die Herren Schriftleiter mögen auch zuschauen, wer ihnen die Futterkrippe füllt. Durch eigenes Verschulden. Ein altes Sprichwort: „Die richtige Armut kommt nicht von Gott" gilt für den Einzelmenschen so wie für ganze Gemeinwesen*Seit dem Schmachfrieden , von Versailles begegnet man, so weit die deutsche