Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 6 (8.2.1924)
- Date
- 1924-02-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 6 ,Dl£_WM|RmiT Softe 7 noch stützt er sich auf eine Mehrheit, welche von Persönlichkeiten wie Gömbös, Eckhardt und U1 a i n geführt wird. Aber die Zeichen mehren sich, daß auch dieser Mensch den Höhepunkt seiner Allmacht überschritten hat und daß auch für Ungarn und damit auch für die ungarischen Juden eine bessere Zeit andämmert. Und ist einmal die Vorstellung erschüttert, daß der Antisemitismus in Ungarn ein Staatsprinzip sein muß, dann werden sich auch die Chuzpen-iks in Oesterreich ein anderes FeM für ihren Ehrgeiz suchen müssen. Siegfried Fleischer. Die Stellung der ciiristlichsozialen Partei Oesierreiclis zu den Juden. Zu der im Finanz- und Budgetausschuß erfolgten Interpellation des christiichsozialen Abgeordneten Dr. Jerzabek betreffend die Aeußerungen des Bundespräsidenten über die Judenfrage, schreibt man uns von geschätzter Seite: Wir wollen nicht in die Einzelheiten der Aeußerungen des Dr. Jerzabek eingehen, der zum Teil für die antisemitische Sache Stimmung machte, insbesondere was den Numerus clausus und die Ueberflutung Wiens durch die Ostjuden anbelangt, möchten jedoch als wesentlich feststellen, daß der genannte Redner uniier anderem sich auch folgendermaßen geäußert hat: „Die antisemitische Bewegung in Oesterreich denkt nichc daran, die bodenständige jüdische Bevölkerung in ihren Rechten zu schmälern, sondern wehrt sich nur dagegen, daß diese Nation besondere Rechte für sich in Anspruch nimmt. Gewiß soll in Oesterreich der Grundsatz gelten, der Tüchtige habe in erster Linie seinen Platz einzunehmen, aber es handelt sich oft nur um Anmaßung usw." Es ist nicht leicht, die Traiawefce diiieser Worte zu ermessen und mit Sicherheit zu beurteilen, wie weit diese Worte aufrichtig gemeint sind oder ob sie nur ein Gegengewicht gegen die Anziehungskraft der sozialdemokratischen Partei auf die Juden bilden sollen. Immerhin ist die Gedankenrichtung des Sprechers der christlichsozialen Partei, der aus seiner Abneigung gegen die Juden im allgemeinen kein Hehl macht, nicht überraschend. Es ist doch ein kleiner Fortsehnet dieser Partei im Verhältnis zur Judenfrage. Hat sie doch schon im letzten Wahlkampfe unterlassen, judenfeindliche Schlagworte zu gebrauchen! Jetzt anerkennt sie das erstemal öffentlich, -Gaß es in Oesterreich Gcmie bodenständige jüdische Bevölkerung gibt, deren Staatsgrundgesetzlieh festgelegten Rechte sie nicht anzutasten beabsichtiget. Dieser Wandel in den Anschauungen der christlichsozialen Partei verdient eine gewisse Beachtung. Er springt umsomehr in die Augen, wenn wir an die Worte KiMischaks erinnern, mit denen er die Anträge der zionistischen Partei wegen Anerkennimg der jüdischen Nationalität begrüßte: „Sind aber die Juden ein eigenes Volk, so sind sie bei uns Ausländer und haben nur Anspruch auf jene Rechte, die ihnen durch den Minoritätenschutz gewährleistet werden. Wir verlangen daher, daß in der Nationalversammlung ein Gesetz beschlossen werde, weiches die Rechtsverhältnisse der Juden als ausländisches Mmoritätenvolk m Oesterreich zur Regelung bringt (siehe „Wahrheir vom 26. Mai 1920, Nr. 7). Es war ein weiter Weg, der von dieser Aeußenmg eines christlichsozialen Führers zu der eingangs erwähnten führte. Das wachsende Verständnis der christiichsozialen Partei in der Judenfrage ist aber gewiß teilweise auch der gesunden Realpolitik dar österreichischen Juden, die sich rückhaltlos dem Wiederaufbau ihres Vaterlandes widmen, zuzuschreiben. - Dr. W. Aus unseren Mitgliedschaften. Ortsgruppe Leopoldstadt. Dienstag, den 29. Jänner d. J., fand im uranucate „ötaot vvien" eine Flenarversammhing der Ortsgruppe Leopoldstadi statt, welche infolge des schlecnten Wetters und einer Anzahl gleichzeitig stattnndender anderer Veranstaltungen leiaer nicht den erwünschten Besuch ainwies. Der Oomann, Herr Medizinalrai Ur. ilaasc, begrüßte die Erschienenen und erteilte Herrn Sekretär Meise her das Wort zu seinem Keierate: „Unser Kampt ums Kecnt im letzten Jahre". Der Keterent bespraen zunächst die Stellungnahme der „Union"' zu den letzten rsationalratswahlen und verwies aut die Notwendigkeit, daß aucn angesients der bevorstehenden Neuwahlen der Kultusgememde womöglich ein einneitnehes Vorgehen mit allen judischen üruppen erzielt werde, denn die wiener Judenschait wurde es kaum begreiien, daß eine solche Einigung mir für die Nationalratswahlen, nicht aoer ihr die Kultuswahlen zustande kommen könne. (Zustimmung.) Kedner oespraen sedann die Interventionen des Xechtschutzbüros gegenüber den Studentenkrawallen und den Bestreoungen zur Einiührung des Numerus clausus, erklarte, daß nach den lmormationen der „Union" es zur Scnaiiung eines nach Nationalitäten differenzierten Studentenrecutes nicht kommen weide. In Angelegenheit jener Optanten, in deren ramiuen widersprechende Entscneidungen üoer die Zugenongkeit nach Kasse und spräche eniossen seien, dürfe aui eine Wiederaumannie und günstige Erledigung gerechnet werden. Sehr energisen habe die „Union" gegen die hakenkreuzlerisciien Versucne zur Beschränkung der verfassungsmäßigen rreizügigkeit in den Sommeririschen eingegrinen, und auch hier dune versichert werden, daß es den Uemeindepaschas von (irein und Spitz, von cnerding und Fieoerorunn nient gestattet sein werde, die Staatsgrundgesetze aui eigene Eaust auljtr Krait zu setzen. Dein Keierate folgte lebhaiter Beiiall. Uer. angekündigte Vortrag des Medizinalrat Doktor haase üoer „LiDerausmus und Orthodoxie im Judentum" wurde auf eine nacaste Versammlung verschoben. Ortsgruppe Graz. Nun hatten wir wieder unseren Faschingsrummel. Und der kam so: In den hiesigen Blättern kündigte das ülockenspielkino am Marktplatz die Abroliung eines rilmes „Amerikas Ost und West" an und dieses Schlagwort genügte, aaü gleich am Abend die Nationalsozialisten vor benanntes Kino zogen, um gegen den „jüdischen" (in nationalistischen Kopien ist alles, was an osi und West aiiAiin&i, jüdisch!) rnm zu demostrleren. Als sie aber eriuhren, daß der Film wohl arge Zoten, die für die Juden nicht geeignet erscheinen, nicht aber wie der seinerzeit gestörte Film „Ost und Vvest", uer, wie wir schon berichteten, vom iolklonstischen Standpunkte wissenschaftlich höchst wertvoll war, ernste Dinge enthält, zogen die rtelden blamiert ab. Um aber doch den einmai angebrochenen Abend nicht ungenützt verstreichen zu lassen, zogen sie vor das von Juden stark besuchte Cafe „Thonethof", um dort zu demonstrieren, was aber die Polizei rechtzeitig verhinderte. Mit Hecht löste diese Demonstration m der ganzen Bevölkerung Empörung aus und ein Augenzeuge machte seinem Aerger unter anderem in folgenden Worten Luit: Wohl habe ich diese jungen Demonstranten gesehen und frage, ob ein (aeschäitsunternehmen, das wahrlich genug an Steuer zu leisten hat, nacht Anspruch darauf erheben kann, daß sein Betrieb von der Polizei auch vor derartigen überflüssigen Demonstrationen geschützt wird. Ueberdies dürfte die Polizei am besten wissen, daß das Ende solcher nächtlichen Spaziergänge niemals abzusehen ist und daß hier mehr als irgendwo der Grundsatz gilt: Rechtzeitig bremsen! Tatsächlich, wohin soll das führen, wenn die Straße Zensur üben wollte über das, was rechtens ist oder nicht? Und solche Elemente, denen die schauerlichste Zote aus dem Wildwest wertvoller erscheint, als ein sittlich hochstehender Film, die, obschon sie nie Pulver gerochen, den Staat am liebsten wieder in einen Kriegt der, wie Professor Wenckebach erst kürzlich so treffend gesatt