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Die Wahrheit · 1924-02-08 · Heft 6 (8.2.1924) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 6 (8.2.1924)
Date
1924-02-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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r~ *JWio^ii»«Ciwta««B»*ireog«raBa£«sj>*:ra Veröffentlichungen lÄÄV ÖCP « I Poafsnarkassen- Konto „Union deutscnflsterreichischer Juden" | I : Postsparkassen-Konto | Nr. 9464 1 Telephon Nr. H-i-Tf Httntwm—iiWi^wnwtoiiinMMi tiHn»4>ini mni »»■■■■■■n—□■■■■■■« Der Chüzpenik. Als blutjunger Journalist suchte ich einmal den Abgeordneten ignaz Kuranda, das berühmte Micghed der alten Veriassungspartei, im Abgeordnetentoause auf mit der Bitte, eine aitierciiings etwas spießige Angelegemieit m der voiKSvenretung zur bpracne zu bringen. Kuranda nahm mich mit wohiwohenüem Lächern unter dem Arm, ging mit mir in den Wandelgängen am und ab und erkundigte sich eingenend nach memem Werdegang und meinen Zukunitspianen. Dann blieb er stenen, laüte mich an einem Rockknopie und sagte: „Sie sind noch ein junger Mann und können von mir lernen. Merken Sie sich für die Zukunft, was ich Ihnen jetzt sage: Jede Partei muß einten Chüzpenik haben, aber i c h muß -das nicht sein." Das Erlebnis kam mir in Erinnerung, als ich den neuesten Vorstoß des Abgeordneten Dr. Jerzabek gegen den Bundespräsidenten Dr. Michael H a i n i s c h las. Der bundesprasid mt hatte sich einem ungarischen Journalisten gegonäoer in sehr aibfääiger Weise über die Gewalttätigkeiten 'in Ungarn, über die Rassenschützler und über den Antisemitismus überhaupt geäußert. Die -diesbezüglichen Bemerkungen des Herrn Dr. riainisch entsprechen durchaus seiner von jeher betätigten Weitanschauung. Er war nie Parteimann im eigentlichen Sinne des Wortes, aber stets ein vornehmer Kulturmensch, der jedes ehrliche und tü'.btige Streben schälte und anerkannte. Seine Ansicht-nun, daß man auch die Juden, wenn, sie sich im Staate ehrlich und nützlich betätigen, als gleichberechtigte Staatsbürger behandeln müsse, versetzte den österreichischen Abgeordneten Dr. Jerzabek in gelinde Wut und er bestritt dem Bundespräsidenten, der nach der Verfassung nur eine repräsentative Stellung einzunehmen habe, das Recht zu einer derartigen Aeußerung. Wer ist Herr Jerzabek? Er ist Mitglied der christlichsozialen Partei, seines Zeichens Arzt und ein Radauantisemit der schlimmsten Sorte. Er steht an der Spitze irgend einer der vielen antisemitischen Organisationen, die es sich zur Aufgabe stellen, die Christen gegen die Juden aufzuhetzen. Wollte man das bekannte Wort Notnagels, daß nur ein guter Mensch ein guter Arzt sein könne, auf Doktor Jerzabek anwenden, so müßte man wohl zu einem recht absprechendten Urteil' über dde ärztlichen Qualitäten Dr. Jerzabeks gelangen. In der christlichsozialen Partei nimmt Herr Dr. Jerzabek gegenwärtig mä seinen Haßgesängen eine reche isolierte Stellung ein. Die Zeiten, in denen Lueger mit Hilfe von Viehtreibern und deren Ochsenziemern seine Macht errang und die Schneider und Oregon ihre Hetzorgien feierten, sind verblaßt. Die christlichsoziale Partei ist zahm geworden und hat sich aus einer Krawallpartei zu einer Staatspartei umgewandelt Das ist zum nicht geringen Teile das Verdienst jenes klugen und erleuchteten Staatsmannes im Priesterkleide, der heute an ihrer Spitze steht und dessen starke Begabung sich mit ebenso starken und mutig vertretenen ethischen Grundsätzen paart. Die christhchsoziale Partei hat denn auch ihren aggressiven Antisemitismus zum guten Teile abgebaut — wir konstatieren den Effekt, ohne die Gründe hierfür zu untersuchen — und sie räumt zumindest den sogenannten bodenständigen Juden das volle Recht ein, sich auf dieim Boden verfassuntgsmäßiiger Gleichheit für den Wiederauibau des Staates einzusetzen. Nur eine hohe Säule zeugt von verschwundener Niedertracht, und das ist Herr Dr. Anton Jerzabek. Er hat die Autgabe, die Verbindung mit dem „dummen Kerl von Wien" aufrecht zu erhalten und die untersten Niederungen der Wählerschart noch mit den alten judenhetzerischen Schlagworten zu füttern.. Mit einem Worte: Er ist der unerläßliche Chüzpenik der Partei! Aber er darf nicht aus seiner Rolle fallen, er darf nicht den Versuch unternehmen, die Partei nach oben hin diskreditieren zu wollen, er darf nur nach unten hin klärfen. Mit seinem letzten Debüt hat er die ihm zugewiesenen Grenzen überschritten und der Bundeskanzler hat nicht gezögert, ihn sofort energisch in seine Schranken zu verweisen. Dr. Seipel ist für das Recht des Bundespräsidenten, unter Umständen auch in der Judenfrage seine persönliche Meinung zu äußern, entschieden eingetreten, um so mehr, als sich Herr Dr, Hainisch vor Antritt seines hohen Amtes niemals auf den Antisemitismus festgelegt habe. Damit wäre die Episode abgeschlossen. Man brauchte sich über dieselbe nicht weiter zu ereifern, wenn nicht als wertbeständiger Kern derselben doch das Verdammungsurteil bliebe, welches der höchste Funktionär der österreichischen Republik über die derzeitigen Zustände in Ungarn mit Recht gefällt hat. Herr H o r t h y uod seine Leute liaben windich Pech. Dr. H a i n i s c h und Dr. M a s a r y k, zwei Männer von kulturellem Empfinden und aufrichtiger Wertschätzung altes Menschlichem, stehen an -der Spitze Oesterreichs und der Tschecho-Slowakei. Sie sind beflissen, alle guten, schöpferischen Kräfte ihrer Völker zu entwickeln und zu dem Aufschwung ihrer Staaten nutzbar zu machen. In Rumänien haben die Juden die Gleichberechtigung erlangt und durch den Vertrag mit Italien hat sich nun auch Jugoslawien, wo übrigens die Juden nie verfolgt waren, in das System der europäischen Zivilisation eingefügt. In Ungarn aber herrscht Herr Nikolaus Horthy mit seiner Meute von Bluthunden, mit H e j j a s, Pronay, Franczia-Kisz uod allem sonstigen Geeichter. Ungarn soll seine Konsolidierung diurcn Pogrome, diurcn Verschwörungen, durch grauenhafte Morde umd Bombenattenfcate und durch eine Justiz, welche aüen Vorstellungen von Recht und Gesetz Hohn spricht, vollbringen, Herr Horthy ist der Cnuzipenik Mitteleuropas! Noch trotzt er der allgemeinen Empörung, noch hält er seine Gewalt durch hunnische Grausamkeiten aufrecht,

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