Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1924-02-08 · Heft 6 (8.2.1924) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 6 (8.2.1924)
Date
1924-02-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064071-3064077--12569-3080026
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

MLi DIE WAHRHEIT Nr. 6 Sämtliche Mitglieder der Familie — erzählt Ferenczy weiter — fuhren zur Premiere nach Wien, bloß zwei blieben zu Hause: Meine Großmutter, die Mutter Karl Goldmarks, und ich, der ich damals vier Jahre alt war. Aufgeregt warteten wir auf das Telegramm, das über den Erfolg des Abends Bericht erstatten sollte. Nacn 11 Uhr kam endlich die erwartete Botschaft. Wir trugen das Telegramm in die Nachbarschaft, um es uns vorlesen zu lassen, denn die Großmutter sah bereits so schlecht, daß sie es nicht lesen konnte, und mir, olbigleich ich schon damals lesen konnte, schenkte sie keinen Glauben. Unsere Nachbarin war die schöne Louise M e s z 1 enyi, eine Schwester Ludwig Kossuths. Wir weckten sie aus dem Schlaf und baten sie, uns das Telegramm vorzulesen. Es lautete: „Großer Erfolg. Nach dem ersten Akt siebzehumafl gerufen. Mit Gruß Karl." Bei der zweiten Vorstellung erschien Kaiser Franz Josef mit großem Gefolge. Ein Jahr später erlebte die Oper im Budapester Nationaltheater die Erstaufführung mit einer großartigen Besetzung. Damals ließ es sich auch die achtzigjährige Mutter Karl Goldmarks nicht nehmen, der Vorstellung beizuwohnen. Andächtig lauschte sie der Musik ihres Sohnes, plötzlich drangen Tränen aus ihren Augen und leise sagte sie zu ihren Kindern : „Mir ist, als möchte ich wieder meinen Simche Rüben singen hören!..." Im Zwischenakt erschien der damalige erste Kavalier Ungarns, Baron Friedrich v. P o d m anitzky, in seiner Eigenschaft als Intendant der Königlichen Hofoper, küßte der bescheidenen Kantorswitwe ritterlich die Hand und beglückwünschte sie herzlich zu dem Erfolg ihres berühmten Sohnes. Nach dem Schlüsse der Oper gab es unbeschreiblichen, begeisterten Jubel und Ovationen für Goldmark. Es war ein Festbankett für die Mitwirkenden vorbereitet, dem selbstverständlich der Meister den Glanzpunkt geben sollte. Tausende hatten sich beim Bühnenausgange eingefunden, aber ihr Warten blieb erfolglos. Goldmark hatte sich vor Schluß der Vorstellung, unbekannt wohin, eittfernt. Enidilüeh fand man ihm kn Vorzimmer der kleinen mütterlichen Wohnung, eben dabei, wie er, noch im feierlichen Frack, sich an einem Topf der von seiner Mutter bereiteten rituellen Färwerl (Tarhonya, eine ungarische Nattonafepeise) gütlich tat. Sein Hunger war groß, denn die Anstrengungen des Tages mit ihren Proben und Vorbereitungen ließen ihn an Speise und Trank vergessen, ebenso an das in Aussicht stehende, ihm zu Ehren veranstaltete Festbankett. Mein Oheim — so schließt der Bericht des Oberregissseuns Ferenczy — war zeitlebens ein bescheidener, anspruchsloser Mensch, der auch im Sonnenglanz seiner Berühmtheit mit großer Liebe seinen Verwandten zugetan blieb und gerne sich lim den entlegenen Gassen Oedeniburgs, Altofens und Deutsch- Kreuz bewegte, am den Stellen, wo er als unbekannter Klavierspieler seinen Lebensunterhalt fand. * Zweck dieser schmucklosen biographischen Skizze war vor allem, die Entstehungsgeschichte der „K ö itl g i n vom S a b a" zw schildern, womit ein Teil kunsthistorischen Wirkens, das von einem Großen in Israel geleistet wurde, verbunden ist. Meister Goidmarks unscheinbares G r a b befindet sich in der jüdischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofes. Es wurde durch unser Blatt wiederholt betont, daß die Judensehaift, allen voran die Wiener, eine Dank- und Ehrenschuld zu begleichen habe, indem sie der Ruhestätte Goldmarks eine seiner und unser würdige Ausgestaltung schafft. Dieser Empfindung g.a)b auch seinerzeit Herr Rabbiner Dr. Max G r u n w a 1 d von der Kanzel herab Ausdruck. Seine eindringlichen Worte fanden bei Herrn Kommerzialrat Alfred L a n d e s b e r g e r so kräftige Resonanz, daß er im vorigen Jahre ein Konzert veranstaltete, an dem sich auch der verewigte Meister Alfred Grünfeld beteiligte, um durch seine Kunst einen Fonds zu schaffen, aus dem eine monumentale Schöpfung hervorgehen sollte. Obwohl das Ergebnis des Konzertes mehrere Millionen aufwies, das von Kommerzialrat Landesberger aus eigenem noch bedeutend vermehrt wurde, war es dennoch (rieht .ausreichend, den Plan in der Weise zu realisieren, wie er den edlen Intentionen der Anreger vorschwebte. Es ergeht deshalb an unsere Glaubensgenossen heute die eindringliche Bitte, durch Zuwendung von Spenden an Herrn Kommerzialrat Landeslbenger*) die Herstellung eines Werkes zu ermöglichen, wie es großzügig gedacht ist. Mit der sinnfällig werdenden Ehrung des größten jüdischen Tondichters wenden alle, die dazu beitragen, auch sich selbst ehren. Aber noch eine andere Absicht hat uns bei Niederschrift dieser Zeilen geleitet. Im nächsten Jaihre wind nämlich das halbe S ä k u I u m voll, seitdem die Königin von Saba an der Wiener Hof oper zur Uraufführung kam und von hier ihren Triumphzug durch die Welt begann. An diese Tatsache soll angeknüpft werden, um die Freunde und Verehrer Goldmarks schon heute zu warnen, daß ein Jubiläum von solcher Bedeutung, von solchem Ewigkeitswerte nicht etwa in der Weise „verschlafen" werde, wie einst die Königin von Saba einen siebenjährigen Schreibtischschlaf erleiden mußte. Schon jetzt müßten die richtigen, maßgebenden und einflußreichen Persönlichkeiten die vorbereitenden Schritte unternehmen, auf daß alles in Wege geleitet werde, dem Namen des verewigten Meisters durch eine Festvorstellung gerecht zu werden, die des wichtigen1 AnHasses und1 des Gedächtnisses an den berühmten Mann, dem die Mitwelt soviel schuldig geblieben, voll und ganz würdig werde. Das Gewissen. In der C. V.-Zeitung erinnert Dr. J. Stanjek an ein Wort F i c h t e s, der aus der Tatsache, daß das Wort „Charakter" ein griechisches Wort ist, und daß der Deutsche keine eigene Bezeichnung dafür geprägt habe, den Schluß zieht: ..Das hatte der Deutsche auch nicht nötig; deutsch sein, heißt Charakter haben. Wenn man ein Deutscher ist, hat man, eo ipso, Charakter und braucht kein eigenes Wort." Dem stellt Stanjek ein Wort Treitschkes gegenüber: „Der Jude hat kein Gewissen; Beweis: Tn der Bibel (gemeint ist die jüdische Bibel) kommt das Wort „Gewissen" nicht vor." Irr einem Artikel der Zeitschrift „Ost-West" (August 1918) wird dieses Diktum mit folgenden Worten glänzend ad absurdum *) 1„ Seilerstätte 15. V, ■ ..

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.