Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 6 (8.2.1924)
- Date
- 1924-02-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 6 DIE WAHRHEIT Seite 3 trachter zugleich unterhalten, belehrt und gerührt werden konnte. Damit wurde die freie Entwicklung des Künstlers zum ersten Male eingeschnürt Merkwürdig früh regte sich der gestaltende Trieb. „Von Kindheit an war in mir eine unbändige Lust zum Zeichnen von allerhand unmöglichen Dingen. Es war ein Taumel. Ich hatte alle nur erdenklichen Phantasien im Kopf und alle wollte ich darstellen." Diese resümierende Erinnerung des Qreises, im Gespräch dem Verfasser mitgeteilt wird von einer Reihe näherer Nachrichten, die wir alten Zeitschriften, namentlich aber Jan Veth, verdanken, und von erhaltenen Knabenarbeiten bekräftigt Seit 1831 stapfte der damals achtjährige Knirps tagtäglich, sobald ihn die Elementarschule freigab, in den Zeichenkurs der „Minerva" und erklomm hier allmählich die Lernstufen von der Wiedergabe einer Vorlage und eines Gipsstückes bis zum lebenden Modell. Dann folgten, seit dem zwölften Lebensjahre, Privatlektionen, zuletzt bei C. B. Buys, der mit dem Jungen nicht zurechtkommen konnte und seine Zeichenweise viel zu „schluddrig" fand. Am 10. Mai brachte dann der „Provinziale Groninger Courant" eine Notiz über die Einsendungen für eine städtische Gewerbeausstellung, worin es unter anderem hieß: „Von J. Israels, Lehrling des Herrn Buys, eine Zeichnung nach Gips." Das war der sehr bescheidene Eintritt eines Genies in die Oeffentlichkeit. Aber schon vor- und nebenher hatte sich der Knabe aur eigene Faust versucht Die markanten Gestalten, die der Verkehr im Vaterhause seiner Beobachtung zuführte, ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Im Jahre 1912 konnten wir bei Goupil im Haag ein männliches Bildnis sehen, das von Israels' Hand die Jahreszahl 1837 trug, also von dem damals erst Dreizehnjährigen gemalt worden ist. Eine Talentprobe war es nicht weder in der tatsächlich „schluddrigen" Zeichnung noch in der stofflich schweren und dumpfen Farbe. Aber bemerkenswert daran erschien schon, wie erregt die Besonderheiten der Physiognomie angepackt, wie nachdrücklich sie dargestellt wurden. Die Aufmerksamkeit verbiß sich in die ■zunächst drastischen Partien des Kopfes, in die schief geratene, nach Art der Kinderzeichnungen aus dem en face des Gesichtes fast ins Profil verschobene Nase und in dem ganz merkwürdig herausgearbeiteten, gepreßten Mund. Eine Ausdruckskunst schien hier im Keimen. Diese und ähnliche Proben führten 1840 zur Entscheidung: Der sechzehnjährige Israels geht nach Amsterdam, um unter der Leitung des Jan Adam Kruseman ein Maler zu werden . . . Und er wurde einer — der reichste und tiefste, den die Geschichte der jüdischen Kunst kennt kleinste Honorar zu zahlen in der Lage ist Diese Tageszeitung, die vor dem Kriege eine Auflage von mehreren tausend Exemplaren hatte, hat heute eine sehr beschränkte LeserzahL Das Merkwürdige an dem Verfall des „Lemberger Tagblattes" ist, daß die galiziischen Zionisten es selbst sind, die dafür verantwortlich zu machen wären. Vor etwa fünf Jahren entstand bei ihnen die Idee, ein zionistisches Tagblatt in polnischer Sprache zu gründen. Der Zweck sollte angeblich der gewesen sein, die Polen mit den Wünschen der jüdischen Bevölkerung vertraut zu machen, ihnen zu zeigen, welch eifrige Landespatrioten die Juden trotz ihrer zionistischen Orientierung sind, und durch das zionistisch-polnische Sprachrohr die Polen für sich freundlicher zu stimmen. Die Polen rechnen aber momentan noch immer sehr wenig mit den Wünschen der jüdischen Bevölkerung, sind auch sehr wenig von den patriotischen Gefühlen der polnischen Zionisten überzeugt und die Freundschaft, die zwischen Polen und Juden in Galizien herrscht ist in meinem letzten Kapitel gekennzeichnet. Dafür ist es dem einzigen, kleinen, inhaltslosen zionistischen Tagesblättchen mit dem polnischen Namen „Chwila" gelungen, in dieser kurzen Zeit die jüdischen Gefühle in der breiten Masse zu töten. Man sieht zwar auf Schritt und Tritt Juden mit der polnischen „Chwila" in der Hand. Möglicherweise verstehen sie etwas von dem Inhalt der sehr wenig Geistesanstrengung erfordert, das „jüdische" Wort jedoch ist fast zur Gänze verstummt Kein Wunder, daß deshalb der Aufruf des jüdischen Schriftstellerverbandes in Warschau, den hundertjährigen Bestand der jüdischen Presse zu feiern, einen sehr schwachen Erfolg hatte, weil eben das jüdische Zeitungswesen auf dem Sterbebett liegt. (Fortsetzung folgt.) Zum bevorstehenden Jubiläum der vKonigin Ton Saba". Ein Erinnerungsblatt für Karl G o 1 d m a r k. Nach dem Ungarischen von Ludwig Hirschfeld. (Schluß.) Die gefeierte Künstlerin Gomperz-Bettoiheim war eine Schülerin meines Omkels in Oadenburg, und dieser wandffce sich an sie mit 'dem Ersuchen* diaJiin zu wirken, daß man sekie Oper eaudlach wenigstens einer Beurteihiog würdige. An einem der berühmten Abende der GompeTz- Bettelheim, die das ganze künstlerische Wien vereinigte, ersucht die Hausfrau den anwesenden Franz L i s z t, den Einzugsmarsch aus der „Königin von Saba" zu spielen. Liszt kam diesem Ersuchen nach, spielte den Einzugsmarsch vom Blatte weg und erklärte begeistert, wenn die Oper selbst auch nur halb so trefflich wäre wie dieser Marsch, so sei ein Erfolg sicher, dessengleichen noch nicht dagewesen. Liszt war derart entflammt, daß er schon' am folgenden Tage den damaligen Intendanten der Hofoper Prinz Hohenlohe aufsuchte und mit eindringlichen Worten auf die hohe Bedeutung der Goldmarkschen Oper hinwies. Prinz Hohenlohe ließ darauf sofort den Hofoperndirektor Johann Herbeck kommen und befragte ihn sehr ungnädig: „Sagen Sie doch, Herr Direktor, was ist eigentlich mit der Oper Karl Goldmarks, die seit sieben Jahren in Ihrem Schreibtisch schläft?" Herbeck stammelte verwirrt und verlegen, es handle sich um eine unbedeutende Sache, an der nichts verloren gehe, worauf Hohenlohe entgegnete: „Darüber werde ich die Entscheidung treffen", und verlangte vom Direktor die Partitur. Einige Tage später wurde Goldmark zum Intendanten beschieden, der ließ sich von einem jungen ungarischen Korrepetitor „Die Königin von Saba" auf dem Klavier vorspielen. Dieser junge ungarische Korrepetitor war kein geringerer als der später zu Berühmtheit gelangte Hans Richter. Fürst Hohenlohe, ein feinsinniger Musikkenner, war von dem Gehörten so begeistert, daß er Direktor Herbeck kommen ließ und ihm die Weisung erteilte, er wünsche binnen sechs bis sieben Wochen der Erstaufführung der „Königin von Saba" beizuwohnen. Nun begann ein fieberhaftes Hasten mit den Studien, die, trotzdem alles Feuer und Flamme dafür war, einen derart unbefriedigenden Verlauf nahmen, daß Goldmark nach fünf Wochen bei einer Probe fast ohnmächtig wurde, so schwach war das bisher Erreichte. Direktor Herbeck verbrachte darob schlaflose Nächte, traute sich aber nicht, beim Intendanten eine Hinausschiebung des festgesetzten Termins zu erbitten. Um die Situation zu retten, meldete sich die gefeierte Künstlerin Wild, die Darstellerin der Sulamith, krank. Die Premiere wurde um acht Tage verschoben. Es wollte aber trotzdem nicht klappen und deshalb beschloß auch die Trägerin der Titelrolle, die weltberühmte M e t e r n a, sich krank zu melden. So mußte das Datum der Premiere wieder um acht Tage hinausgeschoben werden. Dann allerdings ging alles glänzend. Es war ein riesiger Erfolg.