Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 6 (8.2.1924)
- Date
- 1924-02-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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^ä«JL_ ...^ _______Pj£ WAHRHCTT _ _______________...... ____________ Nr. 6 Scirücking, Beck usw., die alle sowohl auf meinen Stil, wie auf meine Weltauffassurrg eingewirkt. Unter den Lebenden verdanke ich manches Arthur Schnitzler, Au:ernheimer und Saiten, von den zahlreichen Wissenschaftlern und F e u i 11 e t o u i s t e n ganz abgesehen. Eines Spinoza und besonders Richard Muther ganz zu schweigen. Immerhin ein so reicher Strauß von Männern, von denen ich gelernt und genossen, daß ich eigentlich nicht sagen kann, wie ich ohne sie wäre. Dazu kommt noch die Förderung, die ich durch einzelne Juden, sowohl in meinem Berufe als Dichter, wie als bloßer darbender Mensch gefunden habe. Immer ist mir der einzelne freundlich, helfend und tein^hanend' entgegejjgökommen, denn er ist seinem innersten Wesen nach nie ein Philister. Jeder, selbst der Widerwärtigste, hat in sich einen Zug in das Große, denn er ist nie ein Halber, sondern was er ist, ist er immer un düber all ganz. Die Jagend des Jozef Israels. Zum 100. Geburtstage des jüdischen Großmeisters. Von Prof. Max E i s 1 e r. Jozef Israels ist am 27. Jänner i824 in der Landstadt Groningen geboren. Sein Vater war ein jüdischer Kleinhändler, recht aufgeklärt und derart belesen, daß er selbst während der Mahlzeiten von der Lektüre nicht lassen konnte. Von ihm erbte der Knabe die unruhige, nach vielen Seiten hinstrebende geistige Struktur, darunter auch die Neigung für das Versemachen. Die Mutter, die der Sohn noch in späten Jahren mit ungelenkem Deutsch „sehr liebenswürdig", das heißt wohl „jeder Liebe wert", genannt hat, wirkte tieier im Gemüt. Sie sorgte frühzeitig für eine religiöse Erziehung und verhalf schon dem Kinde zu einer beträchtlichen Vertrautheit mit der hebräischen Sprache, mit ihrem Wohllaut und ihrer Weisheit. Jüdisches Wesen zog so, künftige Entwicklungen vorbestimmend, die ersten Kreise um den jungen Israels. Es war eine knappe, fast dürftige Häuslichkeit, in der er aufwuchs; gegen die Gasse lag ein. Trödlerladen und drinnen im Wohnzimmer drängten sich bald acht hungrige Köpfe um den Tisch, man mußte sorgen und rechnen, aber man hütete auch einen Schatz von gemeinsamen Herzensgütern. Der Knabe erlebte die jüdische Familie. Des weiteren sah er, wie sich Verwandte und Freunde — namentlich bei ihren rituellen Handhabungen und bei den gesetzmäßig wiederkehrenden Festen — zu einer eigenartigen, charaktervollen Welt zusammenschlössen. Das Geheimnis des gleichen Blutes, die gebeugte Würde des jüdischen Volkes, trat ihm feierlich und bedeutsam entgegen. Und zulezt führte ihn das Studium der hebräischen Sprache in die erhabene Sphäre der Bibel. Familie, Volk und Bibel, das waren die drei Kreise des Knaben und das «sind auch Kreise des Meisters Israels geblieben. Zu diesen Stimmungen der Stube, welche die Gefühlsweise des Künstlers grundlegend färbten, kamen nun draußen mannigfache Erfahrungen des Auges, die späterhin nicht weniger fruchtbar werden sollten. Groningen war eine reiche Stadt, der Hauptmarkt für Getreide, Oelsaat und Tabak, und beherrschte einen weiten Umkreis, dessen wirtschaftliches Leben auf Land- und Wasserwegen hier zusammenströmte. So bekam Israels, der Landstädter, von Geburt aus den Blick für das einfache, bäuerische Wesen mit auf den Weg. Und auch die holländische Landschaft umgab ihn seit der ersten Stunde. Auch über Groningen wölbte sich heimatlicher Himmel, feucht verschleiert, flüchtig und lichtgetränkt, fette Koraschwaden und karge Kartoffelfelder, die dem Maler künftig noch dienen sollten, lagen ringsum, und in dem Heide- und Moorland der nahen Feenkolonien war die große Oednis da, die sich in des Künstlers späteren Tagen mit der Erinnerung ah wüste Regenschauer vermischte. Nur eines fehlte. Aber wenn das Bürschchen^ was jeder Gioninger Junge gern und öfters tat, auf den schönen, hohen Mariinskirchtum hinaufstieg, dann sah er es schon in der Ferne — das Meer, die Nordsee. Diesen tiefen Einwirkungen von Haus und Heimat konnte die Kunst der Umwelt auch nicht annähernd die Wage halten Zwar fanden sich in der Wohnung der Eltern einige lebhart beschilderte Tapeten, die der Bilderlust des Knaben anregend entsprachen, zwar konnte er bald in den Sammlungen von Bekannten bis zu höheren Erscheinungen der Malerei altholländischer, italienischer und moderner Herkunft vordringen. Aber bestimmender blieb vorderhand der lokale Groninger Kunstbetrieb, der in der Werkmeisterschule „Minerva" und in dem Vereine „Pictura" seine führenden Organe hatte. In ihren Preisausschreibungen und Jahresäüsstelhmgen dienten beide dem kleinbürgerlichen Geschmack des eingefleischten Provinzlers und bevorzugten deshalb das, was die Zeit ein „Genrebild" nannte, also eine Mischling, von welcher der Be- Von Wien nach Bukarest. Ernste und heitere Reiserlebnisse von Josef Grob. (Fortsetzung.) IIL Die jüdische Presse in Polen. Vor kurzem wurde überall, wo die jüdische Massenbevölkerur j wohnt, in Polen. Rußland, Rumänien und in den Vereinigten Staaten Amerikas, der hundertjährige Bestand der jüdischen Presse gefeiert Da ist es nicht uninteressant zu konstatieren, wie es jetzt in Polen, wo bekanntlich im Jahre 1824 die erste jüdische Zeitung, „Der Beobachter an der Weichsel", erschienen ist, mit der jüdischen Presse bestellt ist. Wie es auf dem Gebiete der jüdischen Presse im Anfangsstadiram ausgeschaut, ist nicht leicht zu eruieren, weil eine Zeitung kein Buch ist. das man aufbewahrt, und die Herausgeber der ersten jüdischen Zeitschriften vielleicht nicht darauf erpicht waren, Jahrgänge zu sammeln und sie den späteren Generationen zu erhalten. Aus den einzelnen Exemplaren jedoch, die sich hie und da bei Sammlern vorfinden, ist zu ersehen, daß die Entwicklungsepoche der jüdischen Presse eine sehr schwache war. Selten war einer jüdischen Zeitschrift der damaligen Zeit eine längere Lebensdauer beschieden, was wahrscheinlich auf den zumeist sehr schwachen Inhaflt zurückzuführen ist. Erst in den Achtzilgerjahren des vergangenen Jahrhunderts begann der wahre Aufstieg der jüdischen Presse. Rußland, Amerika und Polen waren die Hauptzentren des Entwicklungsprozesses und die bedeutendsten jüdischen Schriftsteller fanden in der jüdischen Presse ihr Sprachrohr, durch das sie ihre geistigen Schöpfungen der breiten Masse vermittelten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte die jüdische Presse eine derart hohe Stufe erreicht, daß sie nicht nur kulturell sehr hoch eingeschätzt werden konnte, sondern auch ihr Einfluß auf (die Politik mancher Länder lind Staaten kein geringer war. Besonders in Amerika mußten die Staatslenker sehr mit der jüdischen Presse rechnen und wenn Amerika heute eines der wenigen Länder ist, wo der politische Boden noch nicht antisemitisch verseucht ist, so trug nicht wenig der große Einfluß, den die jüdische Presse in diesem Land auszuüben vermag, dazu bei. Aber auch in Polen war die jüdische Presse zum mächtigen Faktor geworden. Wenn es kn alten Kaiserparlament im Jahre 1907 möglich war, vier ausgesprochen jüdische Abgeordnete dorthin zu entsenden, so war dies vor allem das Verdienst der jüdischen Presse. Auch kulturell war sie in Polen nicht minder einzuschätzen, sogar höher als die großen jüdischen Papers in Amerika. Die breite jüdische ,Volksimasse hatte dadurch, daß ihr die Möglichkeit gegeben war, eine „jiddische" Zeitung zu lesen, nicht nur Gelegenheit, politisch aufgeklärt sondern auch geistig befriedigt zu werden. "Vor dem Kriege gab es keine einzige größere Provinzstadt in Russisch-Polen und Galizien, wo nicht eine jüdische Tages-, zuanindestens aber eine Wochenzeitung erschien. Und heute? Von all den Zeitungen sind kaum noch elii Zehntel am Leben, und zwar in Russisch-Polen. Dagegen in Kleinpolen (Galizüen), wo vor dem Kriege bereits eine große Anzahl Zeitungen sich entwickelt hatte und in höchster Blüte stand, existiert heute nur mehr eine einzige Zeitung, das „Lemberger Tagblatt", dessen Erscheinen jedoch von Tag zu Tag fraglicher wird, weiä es ganz einfach, trotzdem es das Parteiorgan der galtzischen Zionisten ist nicht einmal zwei stabilen Mitarbeitern1 auch nur das