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Die Wahrheit · 1924-02-08 · Heft 6 (8.2.1924) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 6 (8.2.1924)
Date
1924-02-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT DeolscbOsferrelclilsdie Wochenschrift fflr jüdisdie Interessen nn dem Beiblatt: YerSKenfliihonüen der ..Union denlschfislerrddiisdier Juden** Redaktion und Administration: Wien II., HeinesMrafie 13. - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 8. Februar 1924 Nummer 6 Juden und Judentum im Drteil Andersgläubiger. Keine aus unseren Reihen hervorgehende Apologetik erreicht den Wert und die Bedeutung, die beabsichtigt wird. Immer wird man dem Ein- -:; wand begegnen, Richter und Partei in eigener Sache zu sein. Es war deshalb anerkennenswert, daß der rührige jüdische Buch- und Kunstverlag Max Hie kls eiaie von Rudolf Seiden veranstaltete Sammelbroschüren-Reihe erscheinen ließ, die Beiträge hervorragender Persönlichkeiten christlichen Glaubensbekenntnisses zur - . Judenfrage bringt. Die erste Folge dieses Sammel-; , werkes, die uns vorliegt, ist durch Namen von bestem Klang vertreten; es schrieben: Walter Bloem: Vom Kulturwert des Judentums; Michael Georg Conrad: Judentum und Judenstaat; Frh. v. G1 e i c h e n - R u s s w u r m: Gedanken über jüdischem Einfluß auf Denken und Dichten; Ferdinand Gregori: Die Juden; Carl ■! Hauptmann: Judentum; Prof. Walter K1 i nkel; Hermann Cohen; Franz Kranewitte r: Der Kulturwert des Judentums und Zion; Prof. Max Möller: Jüdisches Wesen, wie ich es sehe; Hugo Salus: Jüdisches Dichten: Prot. Ferd. T ö n n i e s: Spinoza und Marx. Die hier genannten Aufklärungsartikel sind durchwegs von großem ethischen und literarischen Wert. Als eine gewisse willkommene Probe möge der folgende Essay von dem vaterländischen Dichter Franz Kranewitter über den . JC n 11 u rwert des Judentums" dienen: Unumwunden sei es zugestanden: der Kulturwert des Judentums, insoweit es sich in seinen Schriften darstellt unid für diie Welt Geltung: hat, ist für mich em unbestrittener und unbestreitbarer. Ihm, z. B. gleich der Bibel verdanke ich einen großen Teil dessen, was ich geistig bin. Dabei möchte ich aber nicht so sehr die oft betonte religiöse als vielmehr die gemütliche und politische Seite, die in dem Werke zur Erscheinung kommt, betonen, eine Seite, die in meinem sonst auftoritätsfeindlrchen Empfinden fast die erstere an Großartigkeit und Tiefe der Anschauung überragt. Losgeschält von dem, was der Bildungsstufe der Zeh angehört, in der die einzelnen Abteilungen dieses wirklichen „Buches der Bücher" verfaßt worden sind, sind diese Schriften in ihrem Wesenskerne wirklich von dem Heiligen Geiste — nach katholischer Auffassung — ihren Verfassern in das Ohr diktiert: geeignet, ein Volk in allen Stürmen und Wasserfluten der Jahrhunderte über Bord zu halten. W^rhiaftiig — der alte Jehova war et» Meisterpsycholog, ein Mediziner und Gesetzgeber ersten Ranges, vor allem aber ein Diplomat und Herrscher, vor dein die Diplomaten der Jetztzeit noch vieles, ja eigentlich alles lernen könnten. Freilich sind seine Lehren nicht so plan wie etwa die Lehren des Schulmeisters oder Machiavellis hingeschrieben, sondern wie von einem guten Schriftsteller unter allerlei Symbolen und Bildern verhüllt. Ein Epigrammatiker ersten Ranges. Ist aber der Schleier, der sie deckt, vom gereiften Verstände einmal gehoben, so umstrahlt uns auf einmal statt des Dunkels hellstes, blendendstes Licht, das uns so unendlich vieles in der Geschichte der Völker, und gerade der Jetztzeit, verstehen läßt. Ueber die gemütliche Seite braucht man nur in Goethes „Werther" nachzulesen; in mir hat die „Biblische Geschichte" schon in meiner frühesten Jugend ähnliches ausgelöst. Dazu ist die Sprach gewalt, die sich darin offenbart, eine ganz abnorme, von schlagender Kraft und oft von berauschendem Bukett, an ihr hat sich entschieden meine Dichterkraft erweckt, befeuert und entzünder. Aber auch die Geschichte des j ü d iseben. Volkes als solches hat auf mich, auf inieine Charakterbildung und Weltanschauung richtttngbestirnmend gewirkt. Wie, erhaben erschienen mir nicht diese Propheten, die ohne Furcht und Zagen vor die Tyrannei ihrer Könige traten und ihnen ihre Schmach ins Antlitz schleuderten, wie groß der standhafte Mut der MakkabäcrJ Jerusalems, der heiligen Stadt Fall und Untergang selbst, in einem Auszuge aus Josephu? F1 a v i u s, war eine Lieblinigslektüre meiner zehnjährigen Jugend, welche die Erzählung vom Zerreißen des Vorhanges im Tempel, von den kämpfenden Parteien in der Stadt, von Johannes von Gichala, von Simon und Eleazar, der kämpfenden Geisterheere am Himmel und vom Geschrei „Lasset uns von hinnen ziehen" im Allerheiligsten bis zum Abgrund der Seele durchschauerte. Dazu noch die ihr Kind verzehrende Mutter, die Belagerungsmaschinen der Römer, der Feldhauptmann Titus, die Burg Antonia und die Türme Hippikos und Mariamne; gewiß der Urlkeim zu einer unheimlichen Ahnung, die mich im dritten Kriegsjahre plötzlich packte; dem deutschen. Volke könnte ein ähnliches Schicksal beschieden sein. Und auch jetzt noch, wie in meiner Kindheit, verfolgt mich die Geschichte dieses Volkes, die ich, ich kann sagen, mit der Muttermilch einsog, und drängt mich, ein Ereignis daraus zu gestalten, wenn Wind und materielle Lage günstig sind. In weiterer Ferne von diesem Urbildungselement meiner Jugend, das noch jetzt mein Begleiter ist, kommen diarm unter den neuleren Dichtern des jüdischen Volkes, vor allem Börne und Mein e. aber auch Auerbach, Feldmann.

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