Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 5 (1.2.1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Seite ä Wahrheiten vom Tage Präsident Hainisch gegen die Rassenschtitzler. Der „P e s t e r L1 o y d" veröffentlicht ein Interview seines Wiener Berichterstatters mit dem Präsidenten der österreichischen Republik Hainisch, der unter anderem über die sogenannte rassenschützlerische Bewegung sagte: „Diese Theorie ist wissenschaftlich ebenso falsch, wie im praktischen Leben töricht. Ich erblicke in der ganzen rassenschützlerischen Bewegung nur eine antisemitische Hetze und eine solche halte ich in einem Kulturstaat für absurd und verderblich. Die Juden, die ehrlich arbeiten und ihren Platz im wirtschaftlichen und geistigen Leben honorig ausfüllen, mit Gewalt in den Hintergrund drängen, ihnen Rechte nehmen, sie zu Bürgern zweiter Klasse degradieren wollen, ist ein unstatthaftes Vo.rgehen. Auch in Oesterreich gab es und gibt es Antisemiten, aber so . borniert sind sie nicht, daß sie die jüdischen Begabungen nicht anerkennen und die Betätigung der Juden im politischen und kommerziellen Lebenablehnen würden. I c h darf wohl erwähnen, daß ich einen Juden zum Finänzminister machen wollte, und als dies nicht gelang — seine Privatverhältnisse trügen daran schuld — so z.og ihn die Regierung zur Mitarbeit im Finanzministerium heran. Wir - haben in Oesterreich zwei Minister, in deren Adern jüdisches Blut fließt. (Gemeint sind die beiden Bundesminister Dr Kienböck und Dr. Grünberger. D. Red.) Hat das Oesterreich geschadet? Nein. Ihre Arbeit war für Oesterreich von großem Vorteil." Aus diesen offenen Worteir * unseres Bundespräsidenten geht hervor, daß er die antisemitische Hetze auf das schärfste verurteilt, ebenso wie es Bundeskanzler S e i p e 1 vor kurzem (siehe unsere Nr. 3) ebenfalls einem Berichterstatter des „Pester. Lloyd" gegenüber tat. Dies soll wohl, wie Bundeskanzler Seipel im Büdgetausschuß erklärte, nicht in Forin eines Interviews, sondern anläßlich einer ganz allgemeinen U n terhaltung mit dem Vertreter des Budapester Blattes geschehen sein. „Daher könne — sagte der Bundeskanzler weiter — mit gutem Grunde angenommen werden, daß auch bei dem Besuche des Herrn Bundespräsidenten eine Unterhaltung gepflogen wurde, ohne daß dem Herrn Bundespräsidenten gesagt worden wäre, es handle sich um ein Interview und ohne daß ihm der Text eines solchen vorgelegt worden wäre." Zu dieser Erklärung fühlte sich Seipel durch die Angriffe seines Parteigenossen Jerzabek gedrängt, auf die wir zurückkommen werden. Reichskanzler Dr. Marx gegen den Antisemitismus. Dr. Marx ist der Führer der Zentrumspartei, welche die parlamentarische Vertretung der deutschen Katholiken im Reichstage bildet. Es ist sehr zu beachten, daß er nicht nur verfassungsmäßige Gründe gegen die Judenhetze anführt, sondern daß er es auch als ein Gebot des Christentums anerkennt, dieser Hetze entgegenzuwirken. Die deutsche Zentrumspartei hat im Gegensatz zu den österreichischen Christ- Hchsozialen dem Antisemitismus stets widerstrebt, und auch die Verurteilung der deutschvölkischen Bestrebungen steht im strikten Widerspruche zu dem Bündnisse, welches unsere Christlichsozialen mit den Großdeutschen eingegangen sind. Dabei ist noch sehr die Frage, ob die reichsdeutschen Katholiken die Grundsätze der Lehre Christi nicht höher halten als die österreichischen. Denn' hier ist zuerst der verfälschende Satz gepredigt worden, daß die Nächstenliebe zunächst bei sich selber anzufangen habe. Reichskanzler Dr. Marx empfing einen Vertreter der Berliner jüdischen Telegraphenagentur, dem er auf die Frage nach seiner Stellung zum Judenproble-m unter anderem folgendes erklärte: „Die Rechte der Juden sind, soweit sie deutsche Staatsangehörige sind, durch die Verfassung gewährleistet. Dementsprechend hält auch die Reichsregierung an dem Grundsatz fest, daß niemand deshalb, weil er ein Jude ist, eine andere Behandlung er- * fahren dürfe als ein Nichtjude. Wie der Genuß aller bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte, sowie die Zulassung zu öffentlichen Aemtern unabhängig von dem religiösen Bekenntnis sind, so legt die Reichsregierung auch darauf Gewicht, daß eine Differenzierung der Staatsbürger nach Rasse oder Religion nicht in sozialer und gesellschaftlicher Beziehung erfolge. Analog wird bei der Behandlung der Ausländer dahin gewirkt, daß dieses Prinzip durchgeführt wird, so daß eine Sonderbehandlung von Juden nicht stattfindet und nicht geduldet werden würde. Wenn nun von gewisser Seite versucht wird, die große Not des deutschen Volkes zu antisemitischer Hetze auszunützen, so findet diese Bewegung nicht nur keine Unterstützung von Seiten der Reichsregierung . und der einzelnen Landesregierungen, sondern sie wird auch als für das allgemeine Interesse überaus schädlich auf das entschiedenste bekämpft. Was meine persönliche Stellung zur Judenfrage betrifft, möchte ich auf meinen Brief an den Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens aus dem Jahre 1922 hinweisen, der kürzlich von dem parlamentarischen -Dienst der Zentrumspartei veröffentlicht wurde. Darin heißt es unter anderem: Wir Katholiken lehnen bei aller Betonung des Deutschtums und der Eigenart der deutschen Vclksstämme die durchaus verkehrten und zur Zersplitterung des Volksganzen führenden Bestrebungen der deutschvölkischen Bewegung ab . . . Ich glaube nicht, daß zu befürchten ist. daß weitere katholische Kreise der antisemitischen Agitation Folge geben werden. Sie würden damit dem Grundgeb'ot des Christentums wenigstens durch die Tat entgegenhandeln. Die vaterländisch gesinnten Juden dürfen im Kampf gegen die antisemitische Hetze auf die Unterstützung des katholischen Volkes und auch der Zentrumspartei rechnen." Zum Verbot der „Menschheit4*. Nachdem die deutsche pazifistische Wochenschrift „Die Menschheit" bereits 2K Monate verboten ist, fühlen die Militärs erst jetzt das Bedürfnis, eine Begründung des Verbotes der Oeffentlichkeit mitzuteilen. In einer offenbar inspirierten Mitteilung des Stuttgarter Wolff- Büros wird gesagt, daß die „Menschheit" verboten sei, weil sie Artikel veröffentlicht habe, „die eine offensichtliche Stärkung der französischen Emresserpolitik an Rhein und Ruhr darstellen". An dieser Begründung ist so viel richtig, daß die „Menschheit" vom ersten Tag des Ruhrkrieges a;i dessen schlimmen Ausgang voraussagte und zu einer unmittelbaren Verständigung mit Frankreich riet. Die „Menschheit" verlangte Frankreich gegenüber die Befolgung einer nachbarlichen Politik (wie sie für ein Volk, das so viele Nachbarn hat, selbstverständlich ist) im Sinne der. föderalistisch-pazifistischen Weltanschauung, wie sie Konstantin Frantz und Karl Christian Planck vertreten haben. Die „Menschheit" wandte sich gegen die nationale Machtpolitik, wie sie Helfferich und Konsorten zum Schaden des deutschen Volkes gegenüber Frankreich durchgeführt haben. Eine solche Politik würde nun freilich die deutschen Militärs ihrer Machtstellung, die sie sich in Deutschland anmaßen, entkleidet haben. Daher ist es verständlich, daß sie gegen die Vertretung dieser Art Politik mit allen ihrer Gewaltnatur entsprechenden Mitteln auftreten und die ..Menschheit" einfach verbieten. Eine "solche Reaktion der militärischen Psyche gegenüber der pazifistischen Ueberzeugung hat nach allem, was man von den deutschen Militärs weiß; nichts Ueberraschendes an sich. Die Eiterbeule platzt. Das ungarische Abgeordnetenhaus war in den letzten. Tagen der Schauplatz sensationeller Enthüllungen. Der Abgeordnete Viktor D r o z d y war in der Lage, nicht nur die Namen all der bedauernswerten Opfer, welche auf Befehl des Ivan H e j j a s seinerzeit aus Kecskemet in den Orgovanyer Wald geführt und daselbst nach unsäglichen Martern in der grausamsten Weise erwürgt oder gehängt, zum Teil sogar lebendig begraben wurden, bekanntzugeben, sondern auch die Namensliste der Mörder zu veröffentlichen. Unter diesen befinden sich außer dem Oberleutnant Ivan Hejjas noch drei seiner Brüder und der be-. rüchtigte Francla-Kiß. Es ist eine Liste von etwa fünfzig Personen, welche diese Bestialitäten besessen und die durchwegs unter dem Befehl des damali- TT/V/** AK AV/PD Kleiöer-, Pelze-u.Gummimäntel-Fa 1 fm\ L iVlA^^r I m\ Zentrale:- Detailverkauf: Jm « »w« m m fl*^ A » Wien 11., Glockengasse 24 Wien II., Taborstra