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Die Wahrheit · 1924-02-01 · Heft 5 (1.2.1924) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 5 (1.2.1924)
Date
1924-02-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 8 _ DIE WAHRHEIT _ Nr. 6 des starken Regenialles unter Wasser, gewiß kein geeigneter Ort zu galanten Abenteuern, und dazu war die Nacht, in der der vermeintliche „Ueberfair* stattgefunden haben sollte, total finster. Dies fiel?ogar dem Untersuchungsrichter auf, der allem Anscheine nach sich redlich Mühe gab, aus diesem „Fall" eine zweite Kil'sner-Affäre zu inszenieren. Aul die Frage des Richters, woran sie die Attentäter erkenne, gab die Unschuld vom Lande zur Antwort: sie erkenne ihn an dem Gehrock, den er anhabe-. Diesen Gehrock trug in der fraglichen Nacht kein anderer als — ich selbst. Und nicht nur in dieser Nacht, sondern sogar am folgenden Tage, etwa 2 bis 3 . Stunden vor erfolgter Verhaftung-des einen Flüchtlings, war der fragliche Gehrock nicht nur in meinem Besitze, sondern auf meinem Körper! Ueberdies gelang es den verhafteten Flüchtlingen, einen glänzenden Alibibeweis zu erbringen, der .jedem unvoreingenommenen Richter genügt hätte, das ganze Verfahren einzustellen. Diese zwei Flüchtlinge waren nämlich den ganzen Sabbath bei einem arideren Flüchtlinge in einem andern Dorfe, wo ein Gottesdienst stattfand. . Infolge des strömenden Regens blieben sie den ganzen Tag (Sabbath) und auch die folgende Nacht bei dem Flüchtling, in dessen Haus der Gottesdienst abgehalten wurde. Dieses bestätigten sämtliche Flüchtlinge, die an dem Gottesdienste teilnahmen. Dem Untersuchungsrichef genügte diese Aussage nicht; vierzehn Tage blieben die Flüchtlinge im Gefängnis und nun sollten sie dem Kreisgerichte in Ch. eingeliefert und dem Staatsanwalt übergeben werden. Die Intervention der Rechtsanwälte, die ich sofort mobil machte, blieb ohne Resultat und es machte auf mich den Eindruck,' als wollten sie sich für polnische Flüchtlinge nicht besonders exponieren. Ein Rechtsanwalt erklärte mir sogar klipp und klar: Die Behauptung vom gezückten Messer ist ein Blödsinn, aber der Ueberfall der Frau zu unsittlichen Zwecken könnte schon möglich sein. Lumpen gebe es überall zur Genüge und auch polnische Juden seien keine Heiligen. Kurz entschlossen wandte ich mich telephonisch an den Sekretär der „Union" in Wien, Herrn Siegfried Fleischer, der schon in ähnlichen „Affären" intervenierte und von dem ich wußte, daß er nicht ruhen und rasten werde, um dem Recht zum Siege zu verhelfen und die. Wahrheit an den Tag zu bringen. Umgehend traf Sekretär Fleischer ein und begab sich zunächst allein nach P., um den wahren Tatbestand zu eruieren. Mit den nötigen Informationen ausgestattet, reisten wir gemeinsam nach Ch., um den ganzen Sachverhalt dem Staatsanwalt zu schildern. Unterwegs sagte mir Sekretär Fleischer folgendes: Innerhalb 24 Stunden bin ich beim Justizminister, dem ich vom empörenden Vorfall in P. ausführlich Bericht erstatten werde. Und er hielt sein Versprechen! Zwei Tage darauf erschienen die Flüchdinge bei mir, um mir ihren Dank abzustatten für ihre Befreiung, einen Dank, der in Wirklichkeit nicht mir, sondern dem Leiter der Rechtsschutzabteüung. der „Union", Herrn S. Fleischer, gebührte. Auf Intervention des Herrn Fleischer kam vom Justizministerium der strikte Befehl, die verhafteten Flüchtlinge sofort in Freiheit zu setzen und die durch nichts begründete Anklage fallen zu lassen. Gleichzeitig erging an alle Staatsanwaltschaften ein Erlaß, Anklagen ähnlicher Art ohne weiteres abzuweisen und ähnliche Beschuldigungen nicht zum Gegenstand einer Anklage , zu machen. Bald darauf klärte sich der ganze Vorfall auf. Die „Überfallene" Frau war in P. als Fabrikmädchen beschäftigt. Einen Teil des Wochenlohnes, den sie am Sonnabend ausbezahlt erhielt, gab sie in einer Schnapsschenke in liederlicher Weise aus. Als sie in später Stunde in deroutem Zustande nach Hause kam, wurde sie von ihrem Gatten recht unsanft empfangen. Um ihr langes Ausbleiben zu rechtfertigen, erfand sie das Märchen vom UeberfaÜ auf freiem Felde, dem Attentat und dem gezückten Messer. Alles war erlogen; zwei unschuldige Menschen mußten deshalb zwei Wochen im Gefängnisse schmachten — sie waren nämlich Juden, polnische Juden. Aus unserem Rechtsschuti-und Abwehrbüro. Empfang beim Bundeskanzler. Eine Abordnung der „Union deutschösterreichischer Juden", bestehend aus dem Präsidenten Dr. Jakob 0 r n s t e i n und dem Sekretär Siegfried Fleischer, wurde am 26. Jänner vom Bundeskanzler Dr. Seipel empfangen. In der nahezu einstündigeh'Aussprache wurden eine Reihe von Fragen erörtert, welche fttr die Wahrung der staatsbürgerlichen Interessen der österreichischen Juden von großer Bedeutung sind. Die Diskussion berührte auch die dem Geiste des Friedensvertrages von Saint Germain widersprechende Auslegung des Artikels 80 dieses Vertrages bezüglich des Optionsrechtes und Bundeskanzler Dr. Seipel nahm die Gelegenheit wahr, um zu erklären, daß für ihn zur Beurteilung von Sprache und Nationalität einzig und allein das persönliche Bekenntnis maßgebend sei und daß die Rassentheorie seiner wissenschaftlichen Ueberzeugung widerspreche. Die Deputation gewann den Eindruck, daß der Bundeskanzler eine Schmälerung der verfassungsmäßigen" Rechte der österreichischen Juden in keinem Falle zulassen werde. Aus unseren Mitgliedschaften. Ostgruppe Wiener-Neustadt. Sonntag, den 17. Februar, 4 Uhr nachmittags, findet im Sitzungssaale der Wiener-Neustädter Kultusgemeinde eine Plenarversammlung unserer Ortsgruppe Wiener-Neustadt statt, 4n welcher der Präsident der „Union" Herr Dr. Jakob Ornstein über die Tätigkeit unserer Organisation im letzten Jahre und Sekretär Fleischer über die Frage der Einigung aller österreichischen Juden Im Abwehrkampfe sprechen werden. Als Hills-Sekretär wird Junger Mann, guter Stilist, redegewandt, Ölenolypis', g$€»SW€jhrf. xur . .' schriftliche Offert*» an ,,Union deutsch» fisterr. Juden11! IX., Berggasse Nr. 4 Zur Saison! SSSSSSSaS MuKHKlKiS mmmmmmmmmmm^^m^mm Leitung des bestrenommlertenlnnabers der Firma F . ■ ar

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