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Die Wahrheit · 1924-02-01 · Heft 5 (1.2.1924) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 5 (1.2.1924)
Date
1924-02-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DIB WAHRHEIT Seite 7 Wie ein Ritualmärchen entsteht. Von Dr. Felix Kant e r, Zwittau (Mähren). Folgende Erzählung, aus mehr als einem Grunde interessant und lehrreich, hat den Vorzug, auf Wahrheit zu beruhen. Alle handelnden Personen sind noch am Leben und überdies bin ich in der Lage, jede Behauptung aktenmäßig zu beweisen. Diese Begebenheit spielte sich im März 1915 ab, kurz vor unsern Feiertagen; infolge der Zensurschwierigkeiten konnte sie nicht früher veröffentlicht werden, wa's sehr zu bedauern ist. Denn diese Erzählung enthält zugleich einen Beitrag zu der leider noch immer nicht geschriebenen Geschichte des Martyriums jener lausenden und abertausenden jüdische Familien aus Galizien und der Bukowina, die gleich nach Ausbruch des unseligen Krieges das Los der Evakuierung traf und die dann gehetzt, gejagt und gequält wurden ohne Mitleid und Erbarmen. /Sie waren eben Flüchtlinge, Juden, polnische Juden — und deshalb vogelfrei. ... Die ersten jüdischen Flüchtlinge trafen bei uns anfangs Oktober 1914 ein, kurz nach unseren hohen Feiertagen. Diese Flüchtlinge wurden indes über behördliche Verfügung nicht bei uns, sondern in die .umliegenden Ortschaften untergebracht, die zu Böhmen gehörten, in Dörfer und Marktflecken, wo zuweilen,keine einzige jüdische Familie wohnte und avö sich die Flüchtlinge begreiflicherweise um so einsamer und verlassener fühlten. Es ist ja selbstredend, daß wir es als unsere heiligste jüdische und zugleich patriotische Pflicht ansahen, uns dieser ebenso unschuldigen als auch unglücklichen Opfer des Krieges in jeder Beziehung anzunehmen, ihnen mit. Rät und Tat beizustehen und ihnen nach Möglichkeit ihr trauriges Los zu erleichtern. Ein vom Schreiber dieses ins Leben gerufenes Hilfskomitee sorgte in erster Reihe für Beschaffung von warmen Kleidungsstücken, Schuhen und Wäsche, mit denen die Flüchtlinge im Laufe des Winters (1914 bis 1915) öfters beteilt wurden. Die Beteüung fand in der Weise statt, daß alle Flüchtlinge in den verschiedenen Dörfern teils direkt, teils durch die Ortsvbrsteher verständigt wurden, sich an einem festgesetzten Tage in der fast allen gleich entfernten "Stadt P. zu versammeln, wo in den Wohnräumen ferner jüdischen Familie die Kleiderverteihmg vorgenommen wurde. Solche Verteilungen fanden in§ Läufe des Winters öfters statt und sie nahmen meistens einen ruhigen Verlauf. Die letzte Kleiderverteilung der Wintersaison "sollte in der Zeit zwischen Purim und Pessach stattfinden. Sämtliche Flüchtlinge wurden verständigt, sich um so bestimmter am Sonntag nach Purim in P. einzufinden, als vor Pessach keine Verteilung mehr stattfinden werde. Am Freitag aber setzte ein heftiger. Regen ein, der auch am folgenden Sonnabend anhielt. Wir waren im Zweifel, ob wir mit den bereits gepackten Koffern und Kisten nach P. fairen sollten, da zu befürchten stand, daß die Flüchtlinge infolge dier vorangegangenen starken Regengüsse und des schlechten Weges nach P. nicht Kommen werden. Zu unserer Ueberraschung wurden wir aber telephonisch, verständigt, daß die Flüchtlinge sich bereits in P, versammeln undmit Bestimmtheit auf die in Aussicht gesteilte Kleiderverteüifing rechnen. Unter solchen Umständen beschlossen wir, nach P. hinzufahren. } Vor unserer Abreise kam ein Flüchtling zu mir mit|der Bitte, ihm einen Anzug zu geben, da er nichts anzuziehen habe. Ich riet ihm, mit uns nach P. zu fahren, wo die Verteilung von Kleidern und Wäsche stattfinden werde. Allein er ließ sich nicht abweisen. Um nicht den Zug zu versäumen und keine langen Verhandlungen zu führen, zog ich meinen Rock aus und gab ihm dem Flüchtling hin mit dem Bemerken, alles andere werde er in P. bekommen. Diesen Rock wollte ich ohnehin einem Flüchtlinge überlassen. Ich erwähne es nur deshalb, weil dieser Rock einige Tage später im Genchtssaal eine grq^e Rolle spielte und fast dazu berufen wäre, als Indizienbeweis für einen — Ritualmord zu gelten. In P. fanden wir alle Flüchtlinge versammelt, die auf unsere Ankunft warteten. Allein kaum wurde mit .der Verteilung der mitgebrachten Sachen begonnen, als plötzlich zwei Gendarmen erschienen, die nach einem Flüchtling fragten. Es war dies der Flüchtling, den ich mit meinem Rocke beschenkre und der mit uns zusammen nach P. fuhr. Als sich dieser Flüchtling meldete, wurde er als verhaftet erklärt und sofort abgeführt. Dies alles spielte sich in einigen Sekunden ab. so daß wir kaum Zeit fanden, über den Vorfall nachzudenken. Die Kleiderverteüung wurde dann ohne weitere Störung zu Ende geführt und wir rüsteten uns zur Heimreise. Ich fragte vorher einige Flüchtlinge, ob sie nicht den Grund der plötzlichen Verhaftung des Flüchtlings wüßten und ersuchte sie, gleich am folgenden Tage zu einem Rechtsanwälte zu gehen, der für den Inhaftierten intervenieren sollte, und mir genau über alles zu berichten. Am folgenden Tage kamen schon in alier Frühe zwei Flüchtlinge zu mir mit der Nachricht, es sei mittlerweile noch ein zweiter Flüchtling verhaftet worden. Die Verhaftung der Flüchtlinge erfolgte auf Grund der Anzeige einer Frau, die behauptete, sie sei in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag auf freiem Felde von diesen zwei Flüchtlingen überfallen worden, um ein Sittlichkeitsverbrechen an ihr zu begehen. Da sie sich nach Kräften wehrte und um Hilfe rief, sollen die Flüchtlinge ein Messer gezogen haben, um sie abzuschlachten. Der Mann de» Überfallenen Frau hat die Anzeige bei der Gendarmerie erstattet und auf Grund dieser Anzeige wurden die zwei Flüchtlinge verhaftet und dem Gefängnisse eingeliefert. Es war für mich klar, daß diese ungeheure Anklage und Beschuldigung aus der Luft gegriffen waren und jeder Grundlage entbehrten. Nicht nur die geradezu wahnsinnige Behauptung vom Zücken des Schächtermessers, deren Tendenz klar und durchsichtig genug war, sondern auch die Schilderung des Ueberfalles überhaupt und das versuchte Sittlichkeitsattentat. Denn ich kannte die verhafteten Flüchtlinge zur Genüge; einer derselben war wegen seiner Kränklichkeit nicht einmal imstande, den kurzen Weg nach dem Hause, wo die Kleiderverteilung stattfand, zurückzulegen. Wie sollte er es wagen, ein robustes Bauernweib zu überfallen. Ueberdies standen die Felder und Wiesen infolge

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