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Die Wahrheit · 1924-02-01 · Heft 5 (1.2.1924) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 5 (1.2.1924)
Date
1924-02-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 5 Ihrem freien, unkontrollierten Verkehr noch viel eher geraten, und dann . . .?" — „Und dann?" sagte er „dann habe ich eben eine Christin zur Frau und kann deshalb doch ein guter Jude sein; im Gegenteil, die christlichen Frauen bedeuten eine Bereicherung und Vermehrung des jüdischen Volkstums und bilden mit ihrer unverbildeten Frische und Natürlichkeit eine notwendige und willkommene Auffrischung der jüdischen Rasse." Diese letztere Ansicht ist bei den nebelhaften Rassenkenntnissen der jüdischen Jugend eine stark verbreitete; sie ist auch die des schwächlichen Jungen Arthur in Holländers Roman, der sein in Degenerationsgefühlen dahinschwindendes Selbstbewußtsein an dem Besitz des Christenmädchens aufzurichten glaubt; allein nach kaum einem Ehejahre, ohne eigentliche Krankheit, an einer, seelischen Durchkältung sterben muß. Es bliebe ihm noch der allerdings unzureichende Trost — wenn er ihn noch erfahren könne — daß seine junge blonde Witwe nach dem gleichfalls plötzlichen Tode seiner Mutter ihre unverbrauchten Liebesgefühle dem als Witwer zurückgebliebenen Schwiegervater zuwendet. Und dies ist vielleicht der tiefere Sinne des Holländer'schen Romanes: Daß auch die Christin, in das wesensfremde Gebiet jüdischen Gefühlslebens verbannt, ihrem inneren Dasein einen Zwang auferlegt, der solange die materiellen Vorteile überwiegen, noch nicht als störend empfunden wird; aber sie auf Wege der Unnatur drängt, die natürliches Empfinden in ihr Gegenteil verwandeln. Wo dies aber nicht geschieht, da zieht der nichtjüdische Teil den jüdischen zu sich hinüber, unfehlbar und unvermeidlich. Und es findet eine Entjudung statt, in einem Maße und in einem Tempo, wie sie Generationen von Assimilation nicht hatten verschulden können. Es ist die Frage wohl t auf zuwerfen, ob das führende Judentum einer Entvölkerung untätig zusehen darf, die heute schon 60 von 100 erreicht hat und progressiv fortschreiten wird. Eben heute sagte mir eine jüdische Mutter, daß ihre drei Söhne, prächtige junge Leute, entschlossen wären, nur Christinnen zu ehelichen, und daß sie gar nichts dagegen tun könne. „Und die Kinder?" wandte ich ein. „Die werden ganz gute Christen werden," schloß sie mit schmerzlicher Resignation. Resignation — das ist die einzige Abwehr — wenn es eine Abwehr ist — die wir der immer weiter um sich greifenden Mischehe entgegenzusetzen haben. Auch davon ein charakteristisches Beispiel: Eine jüdische Mutter erklärte mir eines Tages, daß sie nicht -zugeben würde, daß ihr Sohn ein mittelloses jüdische Mädchen heiraten werde, zu dem er Neigung gefaßt zu haben schien. „Wenn das mittellose Mädchen aber eine Christin wäre? . . ." „Ja dann," sagte die jüdische Mutter, „dann wäre ja mein Sohn so verlieft, daß ich mir nicht helfen könnte, dann würde ja nicht er," sondern ich müßte nachgeben." Was kann auch die einzelne jüdische Frau und Mutter tun, wenn ihr eine Erscheinung gegenübertritt, die sie vielleicht nicht ganz unverschuldet trifft, die sie aber doch auch nicht allein verschuldet hat und die doch tief in ihr Empfindungsleben eingreift? Sie kann nur resignieren, gute Miene zum bösen Spiele machen und sich selbst zum Opfer bringen, um den Frieden in der Familie aufrecht zu erhalten. Öder wenn sie, zu feinfühlig um ein Kompromiß zu schließen, wie Frau Renate den Kampf aufnimmt, von allen unverstanden und verlassen, an gebrochenem Herzen sterben. Dies . sagt uns Felix Holländer ohne Beschönigung und ohne, falsche Sentimentalität; er sagt es uns mit der Gewissenhaftigkeit, die der Zefcchronist für alle ErscheinuiK gen bereit halten muß, soll eine den Tag über-. dauernde Wirkung von seinem Schaffen ausgehen! Rahel Edelstein-Friedmann. Zum bevorstehenden Jubiläum der „Königin von Saba". Ein E r i n n e r u n g s b 1 a 11 f ü r K a r 1 G o 1 d m a r k. Nach dem Ungarischen von Ludwig Hirsch f e 1 d. Budapest hat eine Sensation in dem-Ereignis, daß Karl Goldmarks „Königin von Saba" an der dortigen Königlichen Oper, neu einstudiert, in dreifacher Rollenbesetzung *seit Wochen das Repertoire beherrscht. Ein Ereignis, das um so bedeutsamer ist, als es im Zentrum .der „Erwachenden Ungarn" sich zuträgt Jung und alt, alle Stände, alle Klassen ohne Unterschied der Konfession sind voll der Begeisterung für dieses Werk des jüdischen Komponisten und lauschen ergriffen den wehmütig ernsten Melodien und Weisen, wie einst, als .der junge Komponist sie zum ersten Male hören ließ und wieder sie als Knabe aus dem Munde seines Vaters, des Deutsch-Kreuzer Chasens Reb' Simche R u b e n,. vernommen. Lang, lang ist's her, seitdem der fromme Sänger dem kleinen'Sohn jene Gesänge vorsummte, lang schon deckt die Erde den Deutsch- Kreuzer Chasen und auch Meister Karl Goldmark wurde zur ewigen Ruhe in der jüdischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofes bestattet. Auch die Uraufführung der „Königin von Saba" hat an der Wiener Hofoper im nächsten Jahr ein halbes Jahrhundert hinter sich. Mehr als acht Jahrzehnte sind verflossen, seit ein kleines, gedrücktes Männchen, Reb. Simche Rüben, nur .unter diesem Namen - war er seiner Gemeinde bekannt, m Feiertagssnachmittagen in seiner bescheidenen Kantorenwohnung jene Melodien vor sich hinsummte, denen sein kleiner Junge mit verhaltenem Atem lauschte und die später, durch ein Künstlerorchester interpretiert, mit hinreißender Pracht und; Tonfülle das Großstadtpublikum, wie in der Folge alle Welt begeisterte. Jene frommen, schwermütigen Weisen wurden bei einer Aufführung der Oper als Leitmotive derselben von der Frau des mittlerweile verstorbenen Reb Simche' Rüben erkannt. Jene Leitmotive des alten Chasen waren es, die, durch Karl Goldmark der Vergessenheit entrissen, sich zu der wunderbaren „Königin von Saba" erweiterten und künstlerisch ausgestaltet wurden. Von den elf Kindern Reb Simche Rubens ist nur eines, Frau Rosa Nobel, geborene Goldmark, am Leben und wohnt in Alt-Ofen, dem 3. Bezirk Budapests, im Alter "von 87 Jahren. Sie ist die einzige überlebende Schwester nach Karl Goldmark. Ihr einziger Söhn, bekannt unter dem Namen Friedrich Ferenczy, in den künstlerischen Traditionen . der Familie aufgewachsen und als feinsinniger Musiker

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