Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 5 (1.2.1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. b DIE WAHRHEIT Seite 5 eine Anstellung ab Warenverkäuferht oder Maschmschreiberin schon einen1 sozialen Aufschwung" bedeutet, verschafft dem jüdischen Ehemann mit seinen Familientugenden, ohne langes Besinnen, den Vorzug von dem christlichen Standesigenossen. Denn selten ist es ein dem jüdischen Manne ebenbürtiges Milieu, aus dem er seine christliche Lebensgefährtin holt, zumeist ein sozial tiefet stehendes, sowohl was materielle als auch intellektuelle Mittel betrifft. Daher hätte, wenn bei der jüngsten Volkszählung die beiderseitige großväterliche Abstammung zu bekennen gewesen wäre, wohl diese von Vaters Seite mit „Rabbiner", von Mutters Seite mit „Hausbesorger" aber einbekannt werden müssen. Daneben ist es gerade der nationalfühlende Jude, der oft die Nichtjüdin zur Lebensgefährtin wählt — ein Widerspruch in sich, ein psychologisches Räisel! Wie sich dieser Jude die Vermischung seines Blutes mit dem ihm feindlich oder verständnislos gesinnter Vorfahren denkt, ob er wohl durch eine jüdische Erziehung seiner Kinder die Stimmen des fremden Blutes zu übertönen denkt, oder ob er wohl gar auf eine geistige und seelische Nachkommenschaft verzichtet und sein jüdisches Gefühl niit sich zu begraben vermeint — das sind Fragen, die nur er selbst beantworten kann — und vielleicht das nicht einmal! Eine Reminiszenz sei mir hier zu erzählen gestattet: Im Jahre 1915 wohnte ich einer von dem Züricher angesehenen Kaufmann Herrn W. S. veranstalteten Chanukafeier in.Zürich bei. Da ich erst kurz zuvor nach dieser Stadt gekommen war, ließ ich mir von dem Graphiker Josef Kaplan die anwesenden Persönlichkeiten, und besonders den Veranstalter des Festes und Gründer der zionistischen dessen Tode herausgegeben. Er trat damit in Konkurrenz zu Peter Wickram, der {unterlassene Predigten seines Oheims veröffentlichte. In der lateinischen Vorrede beschimpfte dieser nun in der Schreibart der Zeit seinen Konkurrenten auf das heftigste: Dieser krummbeinige getaufte Jude, dessen Ordenszuigehörigkeit er verschweigen wolle, habe die Predigten über die Evangelien, die er aus Geilers Munde gehört, sobald er nach Hause gekommen sei, mit seinen eigenen Einfällen und Possen vermischt, ohne Witz und Gelehrsamkeit niedergeschrieben, so daß ein verworrenes, unzusammenhängendes Gebilde daraus entstanden sei, und dies unbeholfene Machwerk habe der unverschämte Beschnittene trotz seiner dringenden Abmahnung drucken lassen. In Rahmers Literaturblatt habe ich bereits 1887 g&zßigt, daß, bei Johannes Pauli nichts den Juden verrate. Die gelegentlich In den Geschichten auftauchende .Judenfeindlichkeit entspricht durchaus dem Stile zeitgenössischer christlicher Schreiber. Das Holzschnittbild von Pauli — mag ihm auch nicht viel Beweiskraft zuzuschreiben sein — zeigi eher einen „dicken, roten, freundlichen Prälaten" als einen Juden. Bolte macht darauf aufmerksam, daß Pauli in einer bisher ungedruckten Predigt die Meinung äußert, daß Adam im Hebräischen-mit Vier Buchstaben geschrieben werde, was nur ein des Hebräischen völlig Unkundiger behaupten kann. Es est überhaupt keine historisch beweisbare Tatsache Bewegung in Zürich, den vorerwähnten Herrn W. zeigen. Ich erblickte einen älteren Mann, dem Strebsamkeit und Ehrenhaftigkeit ins Gesicht geschrieben standen. Ich gestehe, ich hatte den Zynismus, zu fragen: „Und wo ist seine Frau, die Gojte — denn als Zronist hat er doch wahrscheinlich eine Gojte zur Frau genommen?" Sofort aber suchte ich mich wegen des „schlechten Scherzes" zu entschuldigen; allein Herr Kaplan sagte: „Entschuldigen Sie sich nicht, Sie haben ganz recht geraten, seine Frau ist wirklich eine Gojte, und da sind auch seine zwei erwachsenen Töchter". Und er wies auf drei stämmige Schweizerinnen, die damit beschäftigt waren, Geschenke und Backwerk an die anwesenden Kinder zu verteilen, mit derselben gutherzigen Beflissenheit, mit der sie auch bei einem „Chrischtteste'* liebevoll gewaltet hätten. Ohne auch diesen Fall für typisch erklären zu wollen, ersehen wir doch daraus, daß auch vor etwa 25 Jahren, zur Zeit des ersten Zionistenkongresses zu Basel, ein Schweizer Zionist nur an der Seite einer Christin seinem Ideale nachzuleben sich entschloß, und sein von Vielen nachgeahmtes Beispiel ist also nicht etwa bloß auf Kriegs- oder Nachkrregssitten zurückzuführen. Einen jungen Palästinenser, der sich großer jüdisch-wissenschaftlicher Kenntnisse rühmte, sab ich in Zürich häufig in Gesellschaft christlicher Mädchen in den dortigen alkoholfreien Wirtschaften. Von mir darüber zuf Rede gestellt, sagte er, daß ihm der freie unkontrollierte Verkehr mit diesem, übrigens durchaus ehrbaren Mädchen besser zusage, als der mit jüdischen jungen Damen, aus welchem ihm eine Verpflichtung zur Ehe erwachsen könne. „In eine solche Verpflichtung können Sie bei anzuführen, die auf Paulis jüdische Herkunft schließen läßt. Wie kommt nun Wickram zu jenen Bemerkungen? Daß das Wort „Jude" hier als Schimpf verwendet wird in dem Stile, wie etwa der „Völkische Beobachter" über seine Gegner spricht, liegt auf der Hand. Ob er nun die unlautere Gewinnsucht des unbequemen Konkurrenten geißeln will, oder ob er wirklich an Paulis jüdische Abstammung — vielleicht in Verwechslung mit dem selbst m heftiger Polemik stehenden getauften Ordensbruder - glaubte oder ihn nur mit dieser Angabe zu diskreditieren suchte, dürfte schwer zu entscheiden sein. Aber es ist nicht zu tibersehen, daß man in der zügellosen Kampfart jener aufgeregten Zeit im literarischen Streite vor keiner noch so sinnlosen Bezeichnung zurückschreckte, wenn es galt, dem Gegner etwas anzuhängen. Und hängen bleibt — nach jenem bekannten Worte — dann immer eiwas. So spricht Philipp de Lorenzi in seiner Auswahl von Geilers Schriften von Paulis „Frivolität und den Ausgeburten seiner orientalischen Phantasie", eine sachlich in jeder Hinsicht unberechtigte Behauptung, die Bolte zutreffend als „unbegründete Gehässigkeit" kennzeichnet. Srj gehört das Thema von Paulis jüdischer Herkunft noch m einem besonderen Sinne zum Kapitel „Schimpf und Emst".