Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 5 (1.2.1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Aufsähen hervorzurufen. Denn der Fall, daß ein Christenmädchen als Gattin des Sohnes in die jüdische Familie eindringt, ist längst kein Aüsnahmsfall mehr und wird geradezu als Alltäglichkeit hingenommen. Wenn durch die Häufigkeit eines Vorkommnisses auch dessen "Berechtigung schon erwiesen wäre, so wäre dieser Beweis, außer durch die tägliche Erfahrung, auch statistisch schon erbracht. Die Gemeinde Wien veröffentlicht im Ausweise der Eheschließungen für das Vierteljahr Juli— August—September 1923 nebst einer gewissen Anzahl von katholischen Trauungen: 384 Tempelt r a u u n g e n und 610 Z i v i 11 r a u u n g e n bei dem Standesamte. Da in dem angeführten Zeitraum© eine obligatorische Zivilehe noch nicht bestand, so dürfte ein großer Teil der 610 Ziviltrauungen auf Mischehen entfallen, deren einer Teil dem Judentum angehört. Man kann, also feststellen, daß in einem relativ kurzen Zeiträume von fast Tausend aus dem Judentum stammenden Personen mehr als sechshundert sich — mit Nichtjuden ehelich verbanden und nicht ganz vierhundert ihre Lebensgefährten aus der jüdischen Gemeinschaft * "gewählt haben. Das Verhältnis verschi ebt sich noch mehr zugunsten der Mischehe, wenn wir in Betracht ziehen, daß in den Tempeltrauungen auch jene Paare inbegriffen sind, deren nichtjüdischer Teil erst zum Zwecke der Heirat zum Judentum übergetreten war, so daß man ohne Uebertreibung konstatieren kann: Zwei Drittel der gegenwärtig in Wien geschlossenen jüdischen Ehen sind tatsächlich mehr oder minder verschleierte Mischehen und nur ein Drittel bleibt für die reine jüdische Ehe übrig, bei der ein jüdischer Mann ein jüdisches Weib treit. ' Schimpf und Ernst. Von Dr. M. Spanier, Berlin. Vor vierhundert Jahren ließ der Barfüßerrnönch Johannes Pauli eine Sammlung von spaßhaften und «rasten kleinen Geschichten unter dem entsprechendem Titel „Schimpf und Ernst" (Schimpf Scherz) erscheinen. Es waren zum großen Teil Predigtmärlein, die volkstümliche Prediger nach Art der Maggidim, wie sie noch heute im Osten wirken, gern verwendeten/Es ist denn auch jeder Geschichte eine kürze erbauliche Betrachtung angehängt, die man überschlagen mag, wenn man sich die Freude an der Erzählung nicht verderben lassen will. Denn Pauli kann meisterlich erzählen: schlicht, knapp, anschaulich, mit einem treuherzigen Humor, der manche. Derbheiten, wie sie im Stile der Zeit lagen, verklärt. Herausgegeben ist dieses Buch nunmehr in einer mustergültigen Weise von einem unserer besten Kenner der Volksliteratur, von Johannes Bolte.*) *) Alte Erzähler, neu herausgegeben unter Leitung von Johannes Bolte. Erster Band. Johannes Pauli „Schimpf und Ernst", herausgegeben von Johannes Bolte, I. Teil. Die älteste Ausgabe von 1522. Berlin, Herbert Stubenrauch, 1924. Ein 'zweiter Teil, der besonders den Fachmann interessieren dürfte, — er wird ein Wort- und Sachregister, die Geschichte des Werkes und Angaben seiner Quellen bringen — erscheint demnächst. Diese Tatsache gibt zu denken, und man wird sich wohl darüber klar werden müssen, ob dieser Boykott der jüdischen Frau, der im gleichen Verhältnis auch in andern Kulturzentren stattfinden dürfte, widerspruchslos ertragen werden öder in irgend einer Weise bekämpft werden soll. Man wird sich fragen müssen: Was zeichnet das christliche Mädchen vor dem jüdischen ans, um dessen Sieg in 60 von 100 Fällen zu begründen? Und woran fehlt es dem jüdischen? Mädchen, daß 60 heiratslustige jüdische Männer an ihm vorübersehen und es üngewähit lassen? Die Antwort, die noch vor dem Kriege gelten konnte, daß das jüdische Mädchen, mehr umhegt und umsorgt von der eigenen Familie, aber auch mehr abgeschlossen, durch diese, dem Bekanntwerden und der Bewerbung schwieriger zugänglich ist, kann heute nurmit Einschränkung gegeben werden. Denn auch das jüdische Mädchen tritt heute in Beruf und Sport mehr aus sich und dem Familienkreise heraus, als dies früher der Fall war. Indessen mag die Unterscheidung an dem noch immer bestehenden Grade der Zugänglichkeit liegen, bezüglich welcher das jüdische Mädchen dem nichtjüdiischen allerdings den Vortritt lassen muß. Wenn wir Holländers „Salomons Schwiegertochter" als typisch nehmen dürfen, so ist es in diesem Falle jedoch keineswegs ein rascheres Eingehen auf die erotischen Wünsche des Mannes, sondern nichts anderes als kaltsinnige materielle Berechnung, was dem Mädchen den Aufstieg in die wohlhabende jüdische Familie als erstrebenswert erscheinen läßt. Auch das heimische unerfreuliche Milieu der kleinbürgerlichen Enge oder des Proletariats, ah der Seite einer argwöhnischen) selbstsüchtigen Mutter oder eines polternden, trunksüchtigen Vaters, aus dem Der Herausgeber hat den Text mit der Sorgfalt behandelt, die man bei diesem gewissenhaften Gelehrten schätzt. Dem Auge des modernen Lesers sind mit der Großschreibung der Substantive, der neuzeitlichen Interpunktion usw. einige berechtigte Konzessionen gemacht worden. Eine fesselnd geischriebene Einleitung orientiert vorzüglich über Autor und Werk. Wer sich an unverwässerter altdeutscher Erzählungskunst vergnügen will, greife zu diesem auch äußerlich durch den kundigen Verleger vorzüglich ausgestatteten Buche. Den Autor Johannes Pauli hat man seit langem — das mag an dieser Stelle interessieren — für einen Juden gehalten, und man wird noch in mancher neuen Literaturgeschichte den Hinweis „von jüdischer Herkunft" mit oder ohne Fragezeichen finden. Bolte zeigt, daß davon keine Rede sein kann. Es ist ganz amüsant, einmal zu sehen, wie diese Meinung überhaupt entstehen konnte. Sie gründet sich erstens auf die Verwechslung dies Franziskaners Johannes Pauli mit seinem Ordensbruder Paulus Pfedersheimer, der wirklich ein getaufter Jude war und ungefähr gleichzeitig lebte. Neuere Forschung hat aber den Lebensgang beider Männer klar geschieden. Interessanter, weil an die neuen Methoden des Semi-Gotha und Adolf Bartelsscher Literaturforschung erinnernd, ist der andere Grund. Johannes Pauli hat seines verehrten Lehrers Geiler meisteriiche Predigten nachgeschrieben und nach