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Die Wahrheit · 1924-01-25 · Heft 4 (25.1.1924) · page 13

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 4 (25.1.1924)
Date
1924-01-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 4 ziehend und zugleich abstoßend. Man wird ergriffen und kann doch ein Ablehnen nicht unterdrücken. Das kommt wohl daher, daß an entscheidenden Stellen der Verfasser die Atemlosigkeit modernsten Lebens schildern möchte und dabei in „eine Bizarrerie. der Darstellung, in Wortbildungen und Satzbilder verfällt", die auf die Dauer und in solcher Fülle und in dieser Maniriertheit unerträglich werden. Wäre das nicht, so würde der Essay über New-York unter dem Titel Man- . hätten zu einer der konzentriertesten und packendsten Schilderungen gehören, die je über eine amerikanische Großstadt geschrieben wurden. Mitunter ist die Originalität der Erfindung verblüffend, so wenn er in dem „Schieber" des nachkrieglichen Europa den letzten Nachkommen der einstigen raubiahrenden Normannen-Wikinger schildert. Vorzüglich gelungen ist der Essay 'über Wien. Uns interessiert besonders, was über das jüdische Problem gesagt wird. In Tagen, in denen der Rassenwahn, auf Blutreinheit ausgehend, sich austobt, liest der nicht von diesem Wahnsinn Ergriffene und gegen ihn sich Sträubende mit Befriedigung einen Satz wie diesen: „Rassä ist ein geistig Atmosphärisches." Aber indem man diese These, vom Verfasser geprägt, um den Einfluß der amerikanischen Landschaft auf die Entstehung einer amerikanischen Rasse zu erweisen, für das Judennro??lem akzeptiert, -heißt das nocli nicht, daß man seine Ausführungen über den Juden gutheißt. In einem besonderen Kapitel äußert er sich dazu. Er findet, „das Leben des Juden kreise um das Wort und nicht um das Ding". Schon das ist höchst anfechtbar. Aber nun wird diese Bemerkung noch übersteigert und zu Tode gehetzt, bis schließlich das ganze moderne Leben mit seiner Abstraktion ihm jüdisch beeinflußt erscheint. Nun darf rii&n sich nicht von dem gelegentlichen Lob und der Anerkennung blenden lassen, die mit solchem Urteil verbunden sein können, z. B. daß daher der strenge Gerechtigkeitssinn des Juden komme und seine Humanität; die Urteilsprägung im ganzen ist schief und oberflächlich, ist nicht wissenschaftlich, auch nicht intuitiv, sondern einfach literatenhaft. Man kommt dann zu so absurden und apodiktischen Bemerkungen, wie die, daß „der- Jude keine Kultur habe". Soll man sich erst Mühe geben, so etwas zu widerlegen?, Ereilich, wenn das Inbegriff der Kultur wäre, Geschautes in so gekünstelte Worte zu kleiden, wie es hier geschieht, dann hätte der Jude keine. Es ist so: eine Erscheinung wie die des Juden mit seiner Geschichte und dem Reichtum und der Differenziertheit der Leistung läßt sich nicht in einen Essay einspannen, und sei es noch so geistreich und wortschillernd. Dienemann (Offenbach a. M.) Der Briefwechsel Ferdinand Lassalles mit Gräfin Sophie you Hatzfeld*. (IV. Band von Ferdinand Lassalle. Nachgelassene Briefe und Schriften.) Herausgegeben von Gustav Mayer. — Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart. — Das Andenken Ferdinand Lassalles, durch die Alleinherrschaft des Marxismiis in der deutschen Arbeiterbewegung in den Hintergrund gedrängt, hat in neuerer Zeit mancherlei Auffrischung erfahren. Die seit einigen Jahren vorliegende, die gründliche Bekanntschaft mit dem literarischen und politischen Werk des 'großen Agitators vermittelnde vielbändige Ausgabe seiner Schriften durch Eduard Bernstein findet durch Gustav May e'r s Nachlaßherausgabe eine wertvolle Ergänzung. Der soeben erschienene Briefwechsel zwischen Lassalle und der Aristokratin, deren vermögensrechtliche Interessen er als kühner Retter in der Not mit Feuereifer siegreich verfocht und die dann in nie ermüdender Anhänglichkeit ihm jahrzehntelang Treue bewahrte, berührt mannigfache politische Probleme, manche zeitgeschichtliche Vorgänge und wirft interessante Lichter auf historisch bemerkenswerte Persönlichkeiten, —;sein Hauptwert aber besteht in der psychologischen Aufhellung der Persönlichkeit Lassalles, der in seinen Briefen an die „rote Gräfin" seinen überschwänglichen Gefühlen und seinem Temperament rückhaltlosen Ausdruck gibt. Wie ihn dabei nie "das Bewußtsein seiner Ueberlegenheit verläßt, wie er unbedingte Ergebenheit heischt, dabei aber" immer wieder seine un- V trennbare Verbundenheit mit ihr in Worten höchster Erregung " imd'tiefster Erschütterung bekennt, wie anderseits Sophie von Hatzfeldt auch die unleidlichsten Ausbrüche seiner rücksichtslosen Herrschsucht, wenn auch mit Kummer und schwer leidend, erträgt, nie den Gedanken fassend, dieses Verhältnis zu ihm zu lösen — das ergibt ein packendes Seelengemälde mit oft geradezu atemraubenden Höhepunkten. Tatsächlich liest sich der Briefwechsel stellenweise wie ein spannender Roman. O. H. Sonößr.-Rngebof Ides | Warenhauses I Brüder Schiffmann TeL 471^s ll.v Taborstraße 48 ™-4™» Unerreicht billige Kaufgelegentieit! 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