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Die Wahrheit · 1924-01-25 · Heft 4 (25.1.1924) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 4 (25.1.1924)
Date
1924-01-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 4 DIE WAHRHEIT Seite 9 gehaltenen Sitzung der Bezirksvertretung Innere Stafit beantragte Bezirksrat Dr. F r e u d e r (bürgerlich-demokratisch) nach Alfre,d Grünfeld einen Platz oder eine Qartenanlage im ersten Bezirk zu benennen. Bezirksrat Kleebinder (Sozialdemokrat) begrüßt den Antrag namens seiner Partei und schlägt vor, den Getreidemarkt umzubenennen. Allerdings sprächen bei Lösung dieser Frage historische Momente mit. Als Bezirksrat H e i g 1 (christlichsozial) vorschlug," den Republikplatz umzubenennen (!), kam es zwischen den Christlichsozialen, dieser 'famosen Führerpartel der deutschösterreichischen Republik, und den übrigen Parteien zu lebhaften Auseinandersetzungen. Schließlich schlug Bezirksvorsteher-Stellvertreter Urbach (Sozialdemokrat) vor, es möge der Gemeindeverwaltung überlassen werden, welcher Platz im ersten Bezirk den Namen Alfred Grünfelds erhalten soll. Der Antrag wurde einstimmig angenommen. Verfehlte Diktatur. Unter diesem Titel schreibt die misrachistische „Jüdische Wochenschrift": Einzelne Wieijer Führer der zionistischen Organisation machen es dem Misrachi nachgerade schwer, innerhalb der Partei seine zionistische Pflicht zu erfüllen. Wüßte man nicht, daß bloß Eigendünkel und völlige Verkenraung -der wahren Kräfteverhältnisse seitens einzelner, infolge der Indolenz der Verständigeren zu diktatorischer Macht gelangter Personen zu diesen unhaltbaren Zuständen geführt haben, so wäre man versucht anzunehmen, diaß diese Diktatoren, oder richtiger gesagt der Diktator, von den ausgesprochenen Feinden des Zionismus und des jüdischnationalen Gedankens zu dem Zweck eingesetzt wurde, um die zionistische Partei in Oesterreich zu zertrümmern und dem Gedanken des Separatismus zum Siege zu verhelfen. Der tinglückiche Ausgang der letzten politischen Wahlen u. a.. eine Folge kurzsichtiger Vertrauensseligkeit brachte es mit sich, daß die jüdische Wahlgemeinschaft sich mit einem Gemeinderatsmandat zufriedengeben-mußte. Dieser einzige Mandatar der Juden von Wien fühlt sich seither als die Verkörperung des jüdischen Machtfaktors in Oesterreich und verfällt in seinem Machtdünkel im den logischen ^Fehler aller Diktatoren, seinen Zorn über die Orthodoxen außerhalb der Partei, deren Taktik er aufgesessen ist (?!), auf die Gesetzestreuen innerhalb der Partei auszulassen, die, obgleich sie die Entwicklung der Dinge voraussahen, aus Parteidisziplin bei den Wahlen treue Gefolgschaft leisteten, ohne die auch das Mandat des heutigen Diktators kaum sicher gewesen wäre. Der Herr Gemeinderat und seine Getreuen in der Bezirkssektion verteilen die wenigen Stellen im Fürsorge- und Ortsschulrat nach Gesichtspunkten, die auf das entschiedenste zurückgewiesen wenden müssen. Würde es sich bloß um kleinliche Personalien, um sogenannte Ehren und Titel handeln, wir würden, da uns viel ernstere Sorgen bedrücken, keine Minute bei solchen Nichtigkeiten verweilen. Aber der Herr Gemelnderat schädizt dabei uns äußerst wichtig erscheinende jüdische Erziehungsüiteressen und gefährdet in seinem Wahn die Einheit der Partei. Ein Mitglied des Misrachi war in der letzten Mandatsperiode als zionistischer Vertrauensmann Mitglied des Ortsschulrates. Der Betreffende, ein gesetzestreuer Lehrer, war zur Zeit seiner Ernennung nur deshalb nicht Mitglied des Misrachi, weil der Misrachi damals in Wien noch nicht entsprechend organisiert war. Der misrachistische Ortsschulrat hat sein Ehrenamt unter Anerkennung aller Faktoren getreu ausgefüllt. Es lag also kein plausibler Grund vor, ihn jetzt, da die Stelle wieder zu besetzen war. zu brüskieren und fallen zu lassen. Aber doch! Der gemeiniderätliche Diktator fand, daß der Herr. Ortschulrat .die große Sünde auf sich geladen habe; sich entsprechend seiner Gesinnung und Lebensauffassung der inzwischen geschaffenen Wiener Misrachi-Organisation anzuschließen. Ein Adjutant des Diktators bezeichnete den unglücklichen gesinnungstüchtigen Lehrer, für den übrigens auch die übrigen Mitglieder der Bezirkssektion eintraten, einfach als „R e n e g a t e n" ... Wir haben darauf in aller Ruhe.folgendes zu erklären: Der Misrachi ist nicht gewillt, diesen Affront ruhig hinzunehmen. Er erwartet unverzüglich unumwunden Antwort auf folgende Fragen: 1. Ist das Landeskomitee der Bezirkssektion Leopoldstadt untergeordnet oder umgekehrt? 2. Teilen das Landes- . komiitee und das zionistische Exekutivkomitee die Ansicht, daß der Eintritt eines Zionisteh in den Misrachi-Verband einem Renegatentum gleichkommt? Der Herr Diktator hingegen möge sich gesagt sein lassen: Es ist noch nicht aller Wahltage Abend. Die Misrachisten gehören nicht zu jenen, die sich jemandem, dem sie mißliebig sind, mit ihren Stimmen aufdrangen ... | Theater, Kunst u. Literatur | Vortragsabend des Vereines der Tempelireunde. Mittwoch, den 16. Jänner 1. J. veranstaltete der Verein der Freunde des großen Leopoldstädter Tempels im Theatersaal des Cafe" Reichshof einen Vortragsabend, der sich eines zahlreichen Besuches zu erfreuen hatte. Nach einer kurzen Begrüßung der erschienenen Gäste durch den 1. Vizeobmann Redakteur Hirschfeld behandelte der Vortragende, Herr Schulrat Prof. Dr. Heinrich P o 11 a k, das angekündigte Thema „Judaea, Hellas, Rom" in einer so klaren und gründlichen Weise, daß auch der weniger Vorgebildete seinem Gedankengange mit Verständnis folgen konnte, und so interessant, daß trotz der zahlreichen Vorarbeiten der Hörer etwas Neues mit nach Hause nahm. Zum Schlüsse gedachte der Redner des verstorbenen Vereinsobmannes Dr. Eduard T h a 1 e r, worauf er dessen Nachfolger Herrn Kommerzialrat Alfred Landesberger zu seiner Wahl beglückwünschte. Herr Hirschfeld sprach dem Vortragenden den Dank der Versammlung aus und der Protektor des Vereines, Herr Rabb. Dr. G r u nw a 1 d, widmete ein Wort der Erinnerung Alfred G r ü n f e 1 d, dem verstorbenen Freunde des Vereines, und kündigte für Purim eine größere Veranstaltung an. „Das Zelt". In der nächsten Zeit erscheint die erste Nummer einer weuen großen illustrierten Zeitschrift für jüdische Kunst, Literatur und Wissenschaft „Das Z e 11". — Die Redaktion des literarischen und wissenschaftlichen Teiles leitet cremeinsam mit einem Redaktionskomitee Eugen Höflich, den künstlerischen Teil Universitäts-Professor Dr. Max E i s 1 e r und Architekt Josef Hahn. Schriftleitung und Verwaltung befinden sich Wien I., Christinengasse Nr. 4. EHsabeth-Heim-Redoute. Das seit mehr als einem Viertelbhrhundert bestehende „Elisabeth-Heim für Kriegswaisen. Lehrmädchen und Arbeiterinnen" veranstaltet auch heuer in den Sofiensälen eine Redoute, welche eine der vornehmsten Faschingsveranstaltungen zu werden versDricht. Unter der Leitung der Gattin des Vereinspräsidenten, Obermedizinalrates Dr. Krüger und Frau Bella Ehrenreich hat sich ein Komitee gebildet, welches noch eine Anzahl Damen und Herren kooptieren wird. Es ist Pflicht aller jüdischen Kreise, die Vorarbeiten zur Redoute nach Kräften zu fördern, zumal das gesamte Reinerträgnis für die Verpfleeoing der im Mädchenwaisenhause untergebrachten jüdischen Kriegswaisen und Lehrmädchen gewidmet wird! Anmeldungen sind zu richten an das Komitee der Elisabeth-Heim-P>doute (II., Leopoldseasse 15) oder. Herrn Dr. Heinrich Herbatschek (IL. Praterstraße 13). Otto Stobbe. Die Juden in Deutschland während des Mittelalters in politischer, sozialer und rechtlicher Beziehung. 3. Auflage. Berlin 1923. Verlag Louis Lamm: Sonderausgabe für den Philo-Verlag. 312 S. — Bedarf es eines Wortes über Stobbe? 1866 zum erstenmal erschienen, und damals epochemachend und grundlegend, ist es bis heute eines der wichtigsten aus den Ouellen schöpfenden Werke über die politische und soziale Geschichte der Juden im mittelalterlichen Deutschland. Man freut sich immer aufs neue über die Klarheit und Vorurteilslosigkeit, mit der der nichrjüdische Autor den ganzen schlimmen Stand des mittelalterlichen Juden auf die falsche und schikanöse Gesetzgebung der Staaten zurückführt. Nicht ohne Wehmut liest man die Schlußworte, in denen der Autor seiner Hoffnung Ausdruck gab. daß b*ld die l^ten Reste des Judenhasses getilgt sein werden. Wie die Zeiten sich geändert haben! Seit langem vergriffen, lieet das Buch nun wieder neu aufgelegt in unveränderter Gestalt vor; dem Verlage gebührt Dank für diese Neuherausgabe. Rabb. Dr Dienemann (Orlenbach a. M.) Hans Wehherg. ..Als Pazifist im Weltkriege." Hier spricht ein wahrhaft deutscher freier Mann mit dem unbeugsamen Mut des Bekenners "zur großen OeffentHchkeit. Tat es auch zu jener wüsten Zeit des Krieeswahnsiwis. als solches Bekennen höchst srefährifch war. Er vertrat in Wort und Schritt die JVleinune, daß Deutschland durch den Einmarsch in Belgien ein Verbrechen der Neutralitätsverletzunvr begangen, 'dessentwegen man sich schämen müsse, ein Deutscher zu sein, oder ,.Meine Wünsche bezüglich des Kriegsendes haben

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