Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 4 (25.1.1924)
- Date
- 1924-01-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Er verwies auf die Theatre pare-Vorstellung im Opernhaus, deren Publikum, wie er humoristisch bemerkte, sehr gut, aber nicht sehr warm angezogen war, und auf das Gewimmel von Inseraten der zahllosen nächtlichen Vergnügungslokale, welche den Eindruck erwecken müssen, als ob Wien wieder die alte Phäakenstadt geworden sei, aber in einem viel moderneren und geschmackloseren Sinne als zur Zeit des Wiener Kongresses. Es ist tatsächlich ein ungeheurer Widersinn, wenn auf der einen Seite der Staat nur durch die Kredithilfe des Völkerbundes seine Existenz zu fristen vermag und wenn die Stadt Wien ihr finanzielles Gleichgewicht nur dadurch erhalten kann, daß sie auch bei den mittleren und unteren Schichten der Bevölkerung-die Steuerschraube fast bis zum Weißbluten anzieht, und wenn anderseits die sogenannten höheren Schichten, zumeist aber jene „neuen Reichen", die durch die geschickte Ausnutzung der Konjunktur während und nach der Kriegszeit in die Höhe gekommen sind, in Toilettenluxus und rauschenden Vergnügungen schwelgen und Milliarden zum Fenster hinauswerfen. Herr Dr. Seipel hat seine Einwendungen gegen diesen Unfug nicht in dem keifenden Tone eines Abraham a Santa Clara vorgebracht. Er ist klug und einsichtig genug, um zu begreifen und zuzugeben, daß eine Großstadt ohne ein gewisses Maß von Luxus nicht bestehen kann, daß neben .der Arbeit aüch das Vergnügen sein Recht besitzt und daß der Luxus Geld ins Rollen bringt, welches befruchtend auf die ganze Wirtschaft wirkt. Wogegen er seinen Warn- und Mahnruf erhebt, ist die Maßlosigkeit des Vergnügens, die Uebertriebenheit des Luxus, die uns nicht nur vor dem Auslande, sondern auch in unseren eigenen Augen nicht erhebt, sondern degradiert. Die „Union deutschösterreichischer Juden" hat während des Krieges zu wiederholten Malen Gelegenheit gehabt, in dem. gleichen Sinne zur jüdischen Bevölkerung zu sprechen. Die Ausführungen des Bundeskanzlers waren frei von jeder konfessionell len Einseitigkeit, und in Wahrheit muß betont werden, daß-an dem Prunk und Pomp, den er geißelte, Christen wie Juden den gleichen Anteil haben. Aber das alte lateinische Sprichwort: „Si duo faciunt idem, non est idem" — „Wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht dasselbe" — findet hier seine volle Anwendung. Was etwa der Mehrheit noch nachgesehen, ja vielleicht als besondere Eigenart wohlwollend gelten gelassen wird, wird gegenüber der Minderheit leicht gellässig' ausgelegt. £s isc ja nicht zu leugnen, daß sicn unter den „neuen Reichen" auch viele jüdische Familien befinden, welche rasch emporgestiegen sind und sicn in die alte Kultur, in die traditionelle Vornehmheit des Geschmackes dieser Stadt nicht so leicht und so plötzlicn, als sie reich geworden sind, hineinzufinden vermögen. Solche Männer und Frauen laufen Gefahr, durch ein Zuviel, durch ein allzu starkes betonen ihres Keichtums aufzufallen und mißgünstige Kritik' herauszufordern. Bei der Neigung cter Massen, gerade den Juden gegenüber Einzelerscheinungen zu verallgemeinern, für individuelle Geschmack- und Taktlosigkeiten die jüdische Gesamtheit verantwortlich zu machen, liegt hierin eine Gefahr für die ganze Judenschaft, vor welcher nicht eindringlich genug gewarnt werden kann. Wir sind keine kleinlichen Nörgler, die jüdische Religion ist eine durchaus lebensbejahende, und wir finden es vollkommen begreif7 lieh, daß Menschen, welche aus den Niederungen des Daseins zur Wohlhabenheit emporgestiegen sind, nunmehr auch ihre Lebensfreude bekunden und genießen wollen. Aber dies soll mit Vernunft und Herz geschehen; und insbesondere die jüdischen Frauen sollen ihren Sinn nicht an nichtige Aeußerlichkeken hangen. Eine Dame, welche der letzten Theatre pare- Vorstellung beiwohnte, erklärte lachend, daß das Interesse des Abends nicht bei den Vorgängen auf der Bühne, sondern bei jenen im Zuschauerraum, bei den Perlen und Diamanten und Toiletten der Frauen lag. Das ist es, was auch zweifellos den Bundeskanzler bewog. diese Vorstellung abfällig zu kritisieren und wir können ihm" nur durchaus zustimmen. In einem verarmten Staate, in einer Gesellschaft, in welcher sich der furchtbare Gegensatz zwischen dem Reichtum wenigjrund jler Not der Massen so grell auswirkt wie mÜesterreich, sollen solche Exzesse der Ueppigkeit doch vermieden wenden, und vor allem sollen die Juden sich von denselben zurückhalten. Den „neuen Reichen" steht ein weites Gebiet zur Betätigung offen, wenn sie von ihren Ueberfluß Werke der öffendichen Mildtätigkeit und Barmherzigkeit fördern helfen. Sie können es tun, ohne daß sie dadurch behindert werden, sich selbst noch jene Freuden zu gönnen, welche den Menschen auch innerlich. erheben und ihm zum Bewußtsein bringen, daß er ein Kulturmensch geworden ist. Siegfried Fleische r. Aus unseren Mitgliedschaften. Ortsgruppe Favoriten. Am 18. Jänner d. J. beging der Obmann der Ortsgruppe Favoriten der „Union deutschösterreichischer Juden", Herr Karl Weis, die Feier seines siebzigsten^ Geburtstages. Zur Vorfeier dieses Festes hatten sicham Abend des 16. Jänner im Sitzungssaale des Tempelvereines