Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 4 (25.1.1924)
- Date
- 1924-01-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 4 Moritz von Kassau als Gäste beiwohnten, ülückel -gibt eine fesselnde Schilderung von dieser Hochzeltsfeier; sie erzählt von Elia Cleves großem Prunkgemach, das mit goldenem Leder ausgeschlagen war, und von den vornehmen Gästen, die darin „akkommodiert" (so schreibt die Glückel!) waren, und von den auserlesenen Weinen und den feinsten Leckerbissen, womit die vornehmen Gäste traktiert wurden. Aber mitten im Bericht, sozusagen mitten" unter die fürstlichen Gäste und die auserlesenen Weine und die feineu Früchte und Konfitüren schiebt sie ihren kleinen Mordechai und fährt fort: „Mein Sohn Mordechai war damals ein Kind von-ungefähr fünf Jahren; es gab kein schöneres Kind in der Welt, und wir hatten ihn sehr schön und sauber gekleidet. Alle die Vornehmen haben ihn schier aufgefressen und besonders der Prinz hat ihn stets bei der Hand gehalten.'* Diese Schilderung offenbart uns einen Wesenszug, der echtjüdisch mütterlich ist. Sie zeigt uns, daß die Mutterliebe den tiefen Grundton ihres Herzens bildet, und daß alle ihre Gedanken und Gefühle nur als Nebenschwingungen dieses Grundtones zu betrachten sind. Glückel von Hameln ist durch ihre „Denkwürdigkeiten" berühmt geworden, hi sieben Büchelchen hat sie ihre. Lebensgeschichte beschrieben, und manches Büchelchen ist, da sie mit dem Wort nicht kargte, unter der Hand zu einem Buche angeschwollen. Aus dem Memoirenbuch, der Glückel spricht ein redseliges Altmütterchen zu uns, und wir hören ihr so gern, so herzensgern zu, weil Altmütterchen es doch so gut, so herzensgut mit uns Kindern meint. Es will mir scheinen, daß man sich die Glückel gar nicht anders vorstellen kann als ein Altmütterchen, das an lauen Sommerabenden in einer lauschigen Gartenecke oder in kalten Winternächten am häuslichen Herd ihre Kinder um sich versammelt und ihnen allerhand Geschichten, Begebenheiten aus ihrem Leben erzählt. Die Glückel erzählt ihre Lebensgeschichte, ihre großen und kleinen Freuden und Leiden, ihr W7ohl und ihr Wehe — wer wird da so "grausam ^ein und sie nicht ruhig ausreden lassen? Zumal da sie so schön und fesselnd zu erzählen versteht, Sie unterbricht sich öfters, flicht wie unabsichtlich in ihre Lebenserinnerungen hier eine erbauliche Erzählung, dort eine weise Lehre ein, sie kennt keine geordnete Reihenfolge, verwechselt nicht selten Zeiten und Menschen und macht zwischen Vor und Nach nicht immer den richtigen Unterschied — was tut's?. Sie ist nun einmal so, die kluge und gesprächige Glückel von Hameln, und ihr Buch ist ja -gerade deshalb so schön, weil es im Grunde nur die einzige sittliche Forderung enthält, sie so zu nehmen, wie sie ist. Ein Vielgenannter Gelehrter unserer Zeit hat die Glückel mit Frau Rat, der Mutter Goethes, verglichen. Das Kompliment, das diese Gleichstellung enthält, ehrt unsere Glückel um so mehr, als sie es vollkommen verdient. Und dennoch ruht die Aehnlichkeit dieser zwei hervorragenden Frauengestalten nur in der ihnen eigentümlichen natürlich ungezwungenen Redseligkeit und in der Lust zum Fabulieren. In allem andern war Glückel nur sie selbst,-die kluge, arbeitsame und mildtätige Hamburger Jüdin des siebzehnten Jahrhunderts. Nichts ist bezeichnender für diese Frau als der Umstand, daß sie ihre Memoiren geschrieben hat. Wer seinen inneren Wert nicht kennt, kommt für gewöhnlich nicht: auf den Gedanken, seine Lebensgeschichte niederzuschreiben. Bei aller Bescheidenheit hat die Glückel sich für wert gehalten, sich selbst zu verewigen. Das zeugt von einer gesunden Schätzungsgabe, die die eigene Person, ihre Umgebung und ihre Zeit richtig einzuschätzen weiß. Erstaunlich ist, wie geschickt Glückel die Sache anfaßt. Sie stellt sich mitten in ihre Umgebung und fertigt somit den Rahmen zu ihrem eigenen Bilde an. Die interessantesten Begebenheiten aus ihrem eigenen Leben und die wichtigsten Geschehnisse aus der Geschichte ihrer Zeit irägt sie zusammen und gestaltet daraus ein Kulturbild von bleibendem Wert. Glückel hat fast alles, was sie gesehen oder gehört, was' sie persönlich erlebt oder woran sie bloß als Zuschauerin teilgenommen hat, in ihrem Buche aufgezeichnet. Bald an dieses, bald an jenes Vorkommnis knüpft sie manche treffliche Bemerkung. In ihrem Urteil macht sich ein gewisses Sichgehenlassen bemerkbar, eine Ungezwungenheit, die wohltuend wirkt. Sie wirft so im Vorbeigehen irgend eine Bemerkung hin, mit einer Sicherheit, als sei jeder Zweifel an der Richtigkeit ihrer Auffassung ausgeschlossen. Ueber den schwedisch-dänischen Krieg spricht sie mit demselben Gleichmut wie über eine Messe in Frankfurt am Main, über den Chmielnicki-Aufstand spricht sie mit derselben Ruhe und Gelassenheit wie über einen belanglosen Handel mit so und so viel Unzen Perlen. Nur wenn sie von ihren persönlichen Erlebnissen erzählt, wechselt Glückel ihren Ton. Aber die persönlichen Erlebnisse machen nur einen Teil ihrer Memoiren aus, denn Glückel erzählt viel über vieles. Sie über- »efert uns manche wissenswerte Daten über das jüdische (icmeindeleben in Deutschland; über einen geheimnisvollen Judenmord, der durch die Unerschrockenheit einer jüdischen Frau aufgedeckt wurde.-macht sie recht ausführliche Angaben; sieberichtet uns über eine tragische Katastrophe, die sich in der Synagoge zu Metz ereignet hat. Nächst dem Briefwechsel Spinozas ist das Buch der Glückel wohl das einzige Werk, worin ein Zeitgenosse Sabbathai Zewis über die unter diesem Namen bekannt gewordene pseudomessianlsche Bewegung mit unparteiischer Sachlichkeit berichtet. Besonders zahlreich sind in den Denkwürdigkeiten die Berichte über allerhand Geld- und Geschäftsangelegenheiten. Werner Sombart hat sie gezählt, und er hat diesmal richtig gezählt: nicht weniger als an 609 verschiedenen Stellen in den Memoiren der Glückel ist von Geld, Reichtum, Erwerb usw. die Rede (auf 313 Seiten). Glückel liebt das Geld, sie besitzt den Willen , zum Reichtum, das steht fest (jede Seite ihres Buches beweist es); aber sie braucht sich dessen nicht zu. schämen. Ihr Wille zum Reichtum ist von der gemeinen Geldgier so weit verschieden wie Frömmigkeit von Bigotterie, wie Freigebigkeit von Verschwendungssucht. Der Reichtum war der Glückel nie Selbstzweck; sie wollte ein Leben in Ehren führen, deshalb strebte sie nach Reichtum. Es ist bezeichnend, daß Glückel fast nie das Wort Reichtum erwähnt, ohne ihm das Wort Ehre anzuschließen: Ihr Schwiegervater habe in Reichtum und Ehre gelebt, ihr Gatte sei in Reichtum und Ehre gestorben, sie selbst habe ihre Kinder in Reichtum und Ehre verheiratet. Auch der Hebräer gebraucht Reichtum und Ehre — oscher w'kabhod — als "eine Wortpaarung, die eine Begriffseinheit darstellt, ähnlich wie im Deutschen Haus und Hof, Feuer und Flamme, Amt und "Würden. Glückeis Hoffnung auf Reichtum und Ehre war nicht trügerisch. Die Glückel war eine Glückliche. Sie war eine vom Schicksal Bevorzugte, eine vom Glück Begünstigte. Im Hause wohlhabender und angesehener Eltern war ihr eine herrliche Jugendzeit beschieden. Dreißig volle Jahre des Glückes und der Zufriedenheit verlebte sie an der Seite Chaini Hamelns. Von den dreizehn Kindern, die sie ihm gebar, blieben zwölf am Leben und waren allesamt wohlgestaltet und wohlgeartet. Ihre Söhne waren Rabbiner, Vorsteher oder sonst angesehene Mitglieder in ihren Gemeinden; ihre Schwiegersöhne standen an Wohlhabenheit. Ansehen und Gelehrsamkeit den Söhnen.: nicht nach. Ihre Töchter waren .durch Schönheit-und Tugenden ausgezeichnet und lebten treu den Traditionen ihres Elternhauses. Das Geschlecht derer von Hameln breitete sich aus und zählte zu den angesehensten Familien der Judenheit. Ihre letzten Jahre in Metz, wo Glücke! mit Cerf Levv eine zweite Ehe einging und in dieser Ehe manche Enttäuschung erlitt, lebte sie (nach dem Tode ihres zweiten Gatten) im Hause ihres Schwiegersohnes, von den fhrfeen wie eine Fürstin verehrt. Glückel starb im Jahre 1724. im Greisenaiter von achtzig Jahren. („Menorah", Wien.) Heimkehr. Gegen Ende der kommunistischen Herrschaft und in der ersten Zeit des Regimes des weißen Terrors in Ungarn haben tausende Juden in Ungarn die Flucht aus dem Judentum ergriffen. Seit einiger Zeit macht sich, wie aus dem .Artikel in der letzten Nummer ..Von den Juden Ungarn s" von Ernst G o t h ersichtlich, eine jcesteigerteRückkehr dieser Fahnenflüchtigen zu ihrem angestammten Glauben bemerkbar. Das Mitglied des Budaoester Rabbiuats. Dr. Sieginund G r o ß m a n n, schildert diese Heimkehr der Flüchtigen im „E g y enl ö * e g": „Die dunklen Schatten grauenhafter Zeiten huschen an mir vorüber, während ich am stillen Schreibtisch meiner Amtsstube sitze. Es war vor etwa vier Jahren. Selbst die Erinnerung ah jene Zeit ist furchtbar. Einer nach dem anderen kamen sie, die Kleinmütigen, die Erschrockenen, die Unüberlegten. Sie kamen gesenkten Hauptes, mit. verschämten Blicken, mit stotternder Sprache vor ihren Seelsorger, um ihre Abtrünnigkeit anzumelden. ... Die wohlwollend tadelnden oder sirenge verurteilenden Worte der Rabbiner hatten sich, ganz unbewußt, tief eingewurzelt in den Herzen der Abschiednehmenden. Als sie sich damals entfernten, dachten sie wohl, daß sie die Tür, welche sie mit den jüdischen Eltern, den jüdischen Ahnen und der jüdischen Vergangenheit verbunden hatte, für immer hinter sich zugeschlagen hätten. Als. sie damals von uns-gingen, da waren sie wohl der Ueberzeugung, daß sie selbst und auch die anderen es bald vergessen.würden, daß sie Juden sind. Aber dort draußen In ihrem neuen Leben erwachte erst recht