Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 4 (25.1.1924)
- Date
- 1924-01-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 5 Antisemitisch klingt es, wenn M. S. 377 schreibt: „Nebenbei bemerkt r nur der katholischen Kirche (??) und' der protestantischen Orthodoxie (l) haben es die Juden zu verdanken, daß ihre Bibel immer noch als die erste Offenbarung des Judengottes (!) heilig -gehalten wurde."Mauthner war viel belesen^— nur das jüdische Schrifttum hat er nicht gekannt. Ueber Nietzsche bemerkt er (pag. 353), daß er kein Antisemit war, denn er habe den Antisemiten, die aus Grundsatz lügen, bittere Wahrheiten gesagt. Inbezug auf Lagardes Judenhaß äußert er sich S. 300: „Auch wo ich die Richtung der Schläge bedauere, darf ich ihre Wucht und ihre Schönheit lieben". Das ist Judenhaß vom ästhetischen Standpunkt aus betrachtet, hier ist wieder M. überobjektiv. Seite 19 rügt er „das unsinnige Lob, das diesem deutschen Plato (Moses Mendelssohn) gespendet worden ist". Heinrich Heine nennt er (S. 217) einen schlecht getauften Juden, man sei „kein Befreier, wenn man sich selbst nicht treu ist". Das Urteil können wir wohl unterschreiben. (jliickel von Hameln. Von S. Meiseis. Die Glückel! Eigentlich sollten wir sie alle so nennen, die kluge Glückel von Hameln. Man sollte von ihr sprechen, wie man von der Sarah, der göttlichen, von der Rahel, der geistvollen, spricht, obwohl die Glückel weder göttlich noch geistvoll war. Sie war weniger und zugleich mehr als das: sie war ein Mensch von gesundem Menschenverstand und mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Die Glückel war eine : Persönlichkeit, wenn das Wort die innere Geschlossenheit der geistigen und physischen Kräfte, das harmonische Zusammenwirken Von Kopf und Herz bedeutet. Kein Unechtes war in ihrem Wesen, keine Falschheit in ihrem Herzen, keine Heuchelei in ihrer Güte, kein Hochmut in ihren Reden und keine Scheinheiligkeit in ihrer Gottesfurcht. Die Glückel war ein jüdisches Weib und ein naturwahres Menschenkind. Glückel von Hameln war gewissermaßen die Stammutter der Hamburger Judengemeinde. Ihr Vater war nämlich einer der ersten deutschen, oder wie sie zu damaliger Zeit genannt wurden, hochdeutschen Juden, die die „Stättigkeit", das heißt die Erlaubnis zur Niederlassung, erhalten hatten. Als Glückel noch, keine drei Jahre alt war, wurden alle deutschen Juden — im Gegensatz zu den portugiesischen Juden, die vertragsmäßiges Niederlassungsrecht in Hamburg hatten — von Hamburg ausgewiesen. Sie zogen nach Altona, das damals unter dänischer Botmäßigkeit war, da sie vom Dänenkönig Christian IV. gute Schutzbriefe hatten. Nach einiger Zeit gelang es jedoch Loeb Pinkerle, dem Vater Glückeis, das Wohnrecht in Hamburg zu erlangen. Er war, wie Glückel gerichtet, der erste deutsche Jude, der sich wieder in Hamburg niedergelassen hatte; ihm folgten dann andere Juden aus Altona, die vor. der Austreibung in Hamburg ansässig waren. Loeb Pinkerle war demnach in gewissem Sinne der Begründer oder doch der Erneuerer der Hamburger Aschkenasimgemeinde. Da er sich eines großen Ansehens erfreute, wurde er zum Vorsteher gewählt, welches Amt er zum Wohle der Gemeinde lange Jahre bekleidete. Kann man also mit gutem Grund Loeb Pinkerle den Vater der Hamburger jüdischen Gemeinde nennen, so wird man auch ohne Bedenken seine Tochter, die Glückel von Hameln, als ihre Stammutter bezeichnen dürfen. Die Glückel wurde im Jahre 1646 in Hamburg geboren. In der kurzen Einleitung zu ihrer Lebensgeschichte schreibt sie: ..Es wird sich wohl am besten schicken, daß ich mit meiner Geburt anfange. Es war — meine ich — im Jahre 5407 { — 1646/47) in der Gemeinde Hamburg, daß mich meine fromme Mutter zur Welt gebracht hat Wenn auch unsere Weisen sagen: ,.Es wäre besser, wenn man nicht erschaffen wäre", weil der Mensch auf dieser sündigen Welt so viel ausstehen muß, so danke ich doch meinem Schöpfer und lobe ihn, daß er mich nach seinem Willen und Wohlgefallen geschaffen hat und bitte ihn, mich in seinen heiligen Schutz zu nehmen." .Aus diesen wenigen Worten spricht eine Jüdin, die so urjüdisch ist, daß man sie gleich auf den ersten Blick erkennt. Mit vierzehn Jahren heiratete die Glückel den wackeren, in geschäftlichen wie in gelehrten Dingen gleich gut bewanderten Chaim Hameln, dessen sagenumwobener Heimat sie ihren Namen verdankt. Ein Jahr wohnte das junge Ehepaar in Hameln, wo es gemäß der Sitte jener Zeit im Hause der Eltern Wohnung und Kost erhielt. Nach Ablauf dieses Jahres zogen sie nach Hamburg, „da Hameln kein Handelsplatz war". Mehr als fünfzig Jahre hat Glückel in Hamburg gelebt. Dreißig Jahre war sie mit Chaim Hameln in glücklichster Ehe verbunden, und sie gebar ihm dreizehn Kinder, Söhne und Töchter. Es war ein schönes Heim, das Heim des Chaim und der Glückel von Hameln, Gottes Segen ruhte darauf und der ma^ terielle Besitz und die zahlreiche blühende Kinderschar mehrte das häusliche Glück. Wenn Glückel in aufrichtiger Frömmigkeit mit ergreifend schlichten Worten ihrem Schöpfer dankt, daß er allezeit ihrem Hause getreulich beigestanden, und seinen Namen preist für alles Gute, das er ihrem Hause erwiesen habe, so hat sie wahrlich Grund genug zu solchem Dankgebet. Denn als junge, unerfahrene Kinder sind Chaim und Glückel nach Hamburg gekommen, und sie brachten es hier 7ü Wohlstand und Ansehen; draußen blühte das Geschäft, darinnen das Familienglück, und daraus erwuchs ihnen der Erdenkinder höchstes Glücksgefühi: d''e Zufriedenheit. Da kam das Schicksal und forderte seinen Tribut — Chaim Hameln starb. Die dreiundvier/igiährige Witwe mußte nunmehr das weitverzweigte Geschäft ihres Gatten allein weiterführen und •für die Erziehung der großen Zahl ih^r minderjährigen Kinder sorgen. Sie erwies sich in beiden Fällen als äußerst tüchtig und gewandt. Glückel bietet uns das bewundernswerte Beispiel einer Frau, die geschäftlich angestrengt tätig ist und dabei keine ihrer Mutterpflichten vernachlässigt. Glückel von Hameln als Mutter vereinigt in sich so ziemlich alle Vorzüge und Mängel, die als die spezifischen Merkmale der jüdischen Mutter anzusprechen sind. Soweit sie sich in Zärtlichkeiten ergeht, ist ihre Mutterliebe blind, sie hat dagegen hundert Augen, sofern Wachsamkeit bei der Erziehung nottut. Wer kennt nicht die Anekdote von der jüdischen Mutter, die auf die Frage, welches Kind denn in der Schule das ihre sei, prompt antwortet: das schönste. Das ist die Glückel von Hameln. Es ist höchst unterhaltend, in ihren „Denkwürdigkeiten" zu lesen, wie sie zu ihren Kindern redei, und vollends ergötzlich, wenn sie von ihnen spricht. Sie zählt die Häupter ihrer Lieben und findet jedes ohne Fehl und Makel: Loeb ist ein prächtiger Junge, wie man auf der ganzen Welt keinen zweiten findet, Josef desgleichen, Freudchen ist ein kluges, schönes Kind, wie kein zweites je gesehen worden ist. Zipora ist ein schönes Kind, das nicht seinesgleichen hat. Hendele ist eine Jungfrau, die an Schönheit und Tugenden nicht ihresgleichen findet, ein schöneres Kind als Mate ist in der Welt nie gesehen worden — und so geht es in demselben Tone weiter, vom ältesten bis zum jüngsten Kinde: alle sind sie schön und eins schöner als das andere und jedes obendrein das schönste. Die redselige Glückel wird zum sprudelnden Ouell, wenn sie von ihren K'"dern pbudert. Die Schilderungen ihrer Erlebnisse mit ihren Kindern zählen zu den schönsten Partien ihrer „Denkwürdigkeiten". Diese Schilderungen, naiv, kunstlos, wirken aufs Gemüt mehr als manche kunstgerechte poetische Erzählung. Manchmal aber wächst Glückel über sich selbst hinaus und liefert uns kleine Kabinettstücke von Dackender Lebendlekeit und kraftvoller Bildlichkeit. Und zwischendurch leuchtet Immer ihre Mutterliebe. Dieser Mutterliebe haben wir auch das herrliche Mpmoirenwerk der Glückel zu danken, denn nur für ihre Kinder, ihnen zu Nutz und Frommen, hat sie es geschrieben. Und dieses für ihre Kinder bestimmte Memoirenbuch handelt wiederum auch von ihnen, von den Kindern. Glückel wird nicht müde, von ihren Kindern zu erzählen, wobei sie allerdings Wichtiges und Unwichtiges ohne Wahl zusammenträgt und getreulich registriert. Besonders umständlich sind ihre Berichte über die glänzenden Heiratspariien ihrer Kinder. In diesem Punkte ist die Berichterstattung der Glückel fast lückenlos. Alle Einzelheiten werden uns mitgeteilt, selbst die Mitgift jedes einzelnen Kindes wird genauestens angegeben. So erfahren wir, um nur einige Beispiele anzuführen, daß Zipora 2200 Reichstaler in holländischem Geld mitbekommen, daß Nathan 2400 Reichstaler Banco als Mitgift erhalten habe; der Enkel Elia hat sogar, wie Glückel mit sichtlichem Stolz berichtet, „mit Geschenken nicht mehr als 30.000 Reichstaler zusammengebracht". Prächtig ist die Schilderung der Hochzeit ihrer ältesten Tochter in Cleve. Es war eine glanzvolle Hochzeit. Die Feier wurde noch dadurch ausgezeichnet, daß ihr außer sämtlichen Gemeindemitgliedern. von Cleve auch der Kurprinz Friedrich, nachmals Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg und später König Friedrich I. von Preußen, und Fürst