Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 4 (25.1.1924)
- Date
- 1924-01-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2________ ______J________DIE .WAHRHEIT__________ _^ Nr. 4 Jahre starb. Großen Beifall fand sein in mehreren Auflagen erschienenes Büchlein: „Nach berühmten Mustern"', worin er den Stil hervorragender Dichter parodierte. Mauthners wissenschaftliche Leistungen liegen vor in dem dreibändigen Werke: „Beiträge zu einer Kritik der Sprache" und auch das zweibändige „Wörterbuch der Philosophie" bezeichnet er selbst als neue Beiträge zu einei* Kritik der Sprache. Nach Mauthner ist Denken und Sprechen dasselbe, wenn wir nämlich das vieldeutige Wort „Denken*' auf das begriffliche, abstrakte Denken einschränken. Denken und Sprechen sind ihm Bewegungen. Er erläutert das an dem Beispiel: „Der Hund läuft*' und „Der Hund jagt" und meint, die wirklichen Bewegungen des Hundes beim Laufen wie beim Jagen sind ganz genau dieselben. Auf weiteres können wir in diesem Blatte nicht eingehen. Wir müssen nun noch auf sein letztes, kurz vor seinem Tode abgeschlossenes Werk: „Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande" (vier Bände Lexikonoktav) hinweisen. Es ist in Wirklichkeit eine Geschichte der Atheisten. Er selbst zählt zu ihnen, er ist ein Feind jeder Abstraktion, nach ihm ist alles Wirkliche restlos erkennbar. Auch er argumentiert: . ..Kein Fernrohr habe Gott im Weltenraume entdeckt, also existiert er nicht." W i r f i n d e n k e i n e Befriedigung in dieser mechanistischen Naturauffassung. Der Atheist kennt kein positives Religions- oder Glaubensbekenntnis. Es mutet uns darum eigenartig an, wenn Mauthner in seinem „Wörterbuch" Bd. I unter Christentum Seite 116 schreibt: „Strauß hatte fast recht: wir sind keine Christen mehr. Aber das Christentum lebt dennoch unter uns weiter und lebt in uns, weil wir die Erben des Christentums sind.". So schreibt kein Jude, und wenn er auch die weltgeschichtliche Bedeutung des Christentums zu würdigen weiß. War denn M. ein Konvertit? Auch das nicht. In einer Schrift („Judentaufen", München 1912), die eine Zusammenstellung von Beantwortungen hervorragender Politiker, Gelehrter und Schriftsteller betreffs der Judenfrage enthält, hat M. sich folgendermaßen geäußert: „Gegen die Assimilierimg durch Taufe wendet sich der Spott der Christen und die Entrüstung der treugebliebenen Juden. Nicht ganz ohne Grund. Es ist ja an sich nicht unmöglich, daß ein erwachsener und gebildeter Jude aus Ueberzeugung Christ wird; nur daß mir ein solcher Fall in meinem! Leben nicht vorgekommen ist." Mauthners Charakterbild schwankt; er ist in lauter Subjektivitäten.feefangen. Der Marburger Philosoph Hermann Cohen, von Idealismus durchglüht, von gelehrten christlichen Männern als Autorität anerkannt, findet keine Gnade in den Augen Fritz Mauthners. Cohens. Standpunkt sei „ein rhetorischer, scheinheiliger Idealismus, verziert "tnit Brocken aus Platon, Kant und Hegel". Und weiter: „Vollends der religiösen Frage steht Cohen mit elenden Redensarten gegenüber, natürlich äußerst gebildet und modern, mit den Ansichten etwa eines jüdischen Protestantenvereins." Cohens Buch „Die Religion der Vernunft" nennt er „ganz beschränkt". So zu lesen in Mauthners Geschichte des Atheismus, Bd. 4. Man ist versucht,' Klopstocks Epigramm auf M. anzuwenden: „Ungerecht beleidigst du mich. Was brachte so sehr denn gegen dich selber dich auf, daß' du so hart dich bestrafst?" Von Wien nach Bukarest Ernste und heitere Reiserlebnisse von Josef Grob. II. Lemberg. Die Geschichte des nach dem Zusammenbruche des Weltkrieges neu erstandenen polnischen Staates muß nicht erst aus dem Geschichtsbuche studiert werden. Jeder Analphabet kann sie ohne Mühe studieren, wenn ihn der Zufall nach Lemberg geführt. In dieser Judenstadt haben sich die Polen anläßlich des Wiederaufbaues ihres Staates zwei' unvergängliche Denkmäler errichtet. Sie sind für die Juden allerdings sehr traurige Wahrzeichen, für die zivilisierte Welt aber ein ewiger Schandfleck. Gleich wenn maiHn die einstige Hauptstadt Galiziens hineinkommt, starrt einem das eine Denkmal mit tausend anklagenden Augen an. Das ist das im Jahre 1918 zerstörte und niedergebrannte Judenviertel. Bis heute noch stehen die verwüsteten Ueberreste einstiger Judenwohnstätten, ganze Gassen, von denen nur einzelne Wände zurückgeblieben sind, als ewige Ankläger gegen das Volk, das das eigene .Auferstehungsfest nicht anders begehen konnte als mit Strömen' von Judenblut. Drei Tage und drei Nächte lang hat das polnische Militär die Bewilligung bekommen; im Judenviertel zu morden und zu rauben, zu brennen und zu plündern. Das Wehgeschrei der in der alten Taure-Sohow-Schul eingesperrten Juden, die von allen Seiten von den Bestien in Menschengestalt angezündet wurde, klang so iange zum Himmel, bis der größte Teil der Einschlossencn den Flammentod gefunden und mit ihm die heilige Bundesiade samt den darin befindlichen Thorarolleri. Ganze Gassen .wurden abgesperrt und angezündet. Niemand konnte sich vom Scheiterhaufen retten, denn wer es vorzog, durch das Fenster in die Tiefe zu springen, wurde von dem Militär, das die Häuser umzingelt hatte, unbarmherzig niedergeknallt. Und so stehen noch heute die erschütternden Ueberreste des Lemberger Pogroms vom Jahre 1918 und die polnische Regierung trifft nicht die geringsten Anstalten, entweder durch Restaurierung oder aber durch gänzliches Abtragen sie zu verwischen. Sollte jedoch einmal eine Zeit kommen, in der die Klagemauern vom Lemberger Judenviertel verschwinden sollten, dann triit das zweite Trauerdenkmal dem Beschauer vor Augen, die Abteilung am Lemberger Judertfriedhof, auf der die heiligen Märtyrer, die verbranntem und gemordeten, die erwürgten und erschlagenen, ruhen. Unvergessen wird mir die Stunde bleiben, in der ich, an den heiligen Gräbern stehend, mit zitternder Hand Einzelheiten dieses blutigen Feldes in mein Merkbuch einschrieb. Auf einem Stein ist der Name Israel Feigen bau,m zu lesen. Das ist — sagt mir der Friedhoisdiener -• ein armer Fleischhauerjunge gewesen. Er brachte den Mut auf, sich in die brennende alte Synagoge zu stürzen, um wenigstens die heilige Thora zu retten und ist mit der Thora in der Hand verbrannt: Israel und die Thora. Die Asche dieser beiden Brandopfer wurde in einem Grabe zur Ruhe gebettet. David Rubinfeld, der Schuldiener, wollte das Gotteshaus nicht verlassen, stand an der Tür und kämpfte gegen die wilde Horde, bis ihn diese niederschlug und den leblosen Körper in die Feuersbrunst schleuderte. Ich stene beim.Grabe dieses treuen Schuldieners und überschau« das ganze Feld, auf dem 83 Opfer, deren Namen bekannt sind und eine große Z^ahl namenloser Helden ruht, und frage miieh:^ Gibt es noch ein Volk, das solche Schamosim hat? Und nicht müde wird der Friedhofsdiener, mir die Ereignisse der drei Trauertage zu schildern, zeigt mir Gräber, in denen ganze, von der Mordbande umgebrachte Familien ruhen, schildert mir Szenen, die fast unglaublich klingen; aber von den Umstehenden bestätigt werden. Ich schreibe, schreibe, so lang? m'ine Kräfte es erlauben, und als ich tief erschüttert den Tudcnfriedhof verließ, da glaubte ich. Stimmen höten, Stimmen von Toten, die mir nachrufen, mich auffordern' und beschwören', der zivilisierten Welt kund und zu wissen zu g-'ben, was, als ein angebliches Kulturvolk im zwanzigsten Jahrhundert sein Auferstehnngsfest "feierte,. in' Lemberg geschehen. / (Fortsetzung folgt.) , '