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Die Wahrheit · 1924-01-25 · Heft 4 (25.1.1924) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 4 (25.1.1924)
Date
1924-01-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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WAHRHEIT Dentschösterreichische Wochenschrift ihr jüdische Interessen Mit dem Deihlott; Veröffentlichungen der „Union deütschOsterrehhischer Juden 4 Redaktion und Administration: Wien Helneilrafie 13. - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 25. Jänner 1924 Nummer 4 Brief ans Deutschland. in den letzten Wochen hat das wirtschaftliche Leben in Deutschland eine völlige Umgestaltung erfahren und die Stabilisierung der Verhältnisse hat naturgemäß auch einen Rückschlag auf die so brennende jüdische Frage gehabt. Es ist an dieser Stelle von den verschiedensten Seiten immer wieder betont worden, daß ja letzten Endes der Antisemitismus eine wirtschaftliche Angelegenheit ist. Wenn nun durch die Einführung der Festwährung der kleine Mann nicht täglich sein Geld dahinfließen sieht, dann braucht er auch keinen Sündenbock, den er dafür verantwortlich machen kann. So haben die letzten' Wochen pogromartige Ausschreiungen nicht mehr gebracht, dafür aber erscheint ein neues Ereignis am politischen Himmel: Die bevorstehenden Wahlen. Dem Kundigen ist es gar kein Zweifel, daß die Reichstagswahlen, die nach der deutschen Verfassung in diesem Jahre stattfinden müssen, unter dem Zeichen des schärfsten völkischen Antisemitismus stehen wenden. Schon jetzt rüstet Knüppel-Kunze zu einer großen Flugblattpropaganda, und wenn auch gegenwärtig unter dem Ausnahmezustand die Agitation der deutschvolkischen Freiheitspartei noch nicht so stark in Erscheinung treten •kann, so ist doch gar kein Zweifel darüber möglich, daß wir in dieser Beziehung uns auf das Schlimmste gefaßt machen müssen. Der Ausgang der Wahlen ist völlig ungewiß. Die eben in Sachsen zum Austrag gekommenen Stadtverordnetenwahlen zeigen eine erhebliche Strömung nach rechts, auch Wahlen sind ja letzten Endes oftmals eine wirtschaftliche Angelegenheit, und den Rechtsparteien stehen ungeheure Geldmittel zur Verfügung. Tief bedauerlich bleibt es, daß das deutsche Judentum keine Einheitsfront bilden wird. Die kleine Gruppe des Naumannschen Verbandes nationaldeutscher Juden ist in mancher Beziehung schlimmer als die politischen Rechtsparteien und fällt selbst in antisemitischen Tagesblättern den Stammesgenossen durch Anzeigen in den Rücken. Leicht können diese Wahlen zu einem Schicksalstag des deutschen Judentums werden. Dringt der antisemitische Einfluß durch, dann droht für ganz Deutschland eine Regierung, wie sie sich gegenwärtig in Bayern auswirkt. Man darf auch keinesfalls damit rechnen, daß die übrige Kulturwelt gegen ein antisemitisches Deutschland scharf Stellung nehmen würde. Die politische Lage der Welt ist eine so komplizierte, daß man anderes zu tun hat, als sich mit dem deutschen Judentum gerade eingehend zu beschäftigen. Auch in Ungarn ist es ja zu einem Einschreiten des" Völkerbundes nicht gekommen. So wird vielleicht das kleine iiäuileiu der deutschen Juden, die Inseln in einem großen antisemitischen Meere, einen verzweifelten Kampf mit der über sie hereinbrechenden Flut ausfechten müssen. In dieser Lage klammern sich die Hoffnungen gar vieler an das Land der Väter, aber man muß sich auch hier darüber klar sein, daß die Aufnahmefähigkeit des Landes eine beschränkte ist. und daß vor allem die englische Politik in den letzten Monaten eine entschiedene Wandlung durchgemacht hat. Es ist nicht jüdische Art, auch in schwierigen Lagen zu verzweifeln, unsere Geschichte lehrt uns» daß gerade Epochen des Kampfes Epochen innerer Kräftigung gewesen sind, und der Allmächtige, der unsere Gemeinschaft durch die Jahrtausende geleitet hat, wird ihr auch weiter helfen. Ob allerdings nicht sehr viele deutsche Juden zu dem vertrautesten Freunde des Golus, dem Wanderstabe, werden greifen müssen, das können wir in diesem Augenblicke noch nicht entscheiden. Wenn wir eingangs sagten, daß die wirtschaftliche Lage eine Konsolidierung erfahren hat, so ist doch anderseits die Situation weiter jüdischer Schichten, so vor allem des geistigen Mittelstandes, eine verzweifelte geworden. Die Einnahmen der freien Beruie, aber auch vieler fest besoldeter Kreise stehen mit den weit über dem Weltmarkt liegenden Preisen in gar keinem Verhältnis, und es ist im jüdischen Interesse tief bedauerlich, daß gerade die kulturtragendsten Kreise am tiefsten von dieser Not getroffen werden. Würde nicht die Hilfe des Auslandes vorhanden sein, so würde wohl so mancher wertvolle Kopf in diesen Monaten winterlicher Not zugrunde gehen. Der Berichterstatter bedauert es, wenn er aus Deutschland letzten Endes immer nur Trübes melden muß. Doch bleibt ja^nichts anderes übrig, als die Dinge der Wahrheit gemäß darzustellen. Hoffen wir, daß beim nächstenmal manche unangenehme Prognose, die wir heute stellen zu müssen glaubten, nicht in Erfüllung gegangen sein wird. Dr. Willy Colin, Breslau. Die Stellung Fritz Mautimers zum Judentom. Von Dr. M. Spanier (Magdeburg). Der Dichter und Denker Fritz Mauthner ist am 22. November 1849 in Horitz bei Königgrätz (Böhmen) von jüdischen Eltern geboren, studierte die Rechte und wandte sich dann ausschließlich dem literarischen Berufe zu, lebte seit 1876 in Berlin, dann in Freiburg i. B. und schließlich in Meersburg am Bodensee, woselbst er im vorigen

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