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Die Wahrheit · 1924-01-18 · Heft 3 (18.1.1924) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 3 (18.1.1924)
Date
1924-01-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT, Nr. 3 Mitteilungen des Zentralvorstandes. Kooptterungen. Der Zentfalvorstand hat in seiner letzten Sitzung die Herren Rechtsanwalt Dr. Josef T i c h o und Rechtsanwalt Dr. Edmund Kern in seine Mitte kooptiert - Lüden Wolf in Wien. Der Sekretär der Anglo-Jewish- Association und des Jewish Foreign Kommittees in London! Herr Luden Wo 1 f, den eine Reihe wichtiger Angelegenheiten bezüglich der Stellung der rumänischen und ungarischen Juden durch Mitteleuropa führte, weilte mehrere Tage in Wien, und das Präsidium der „Union deutschösterreichischer Juden" fand Gelegenheit, sich mit diesem hervorragenden Vorkämpfer der jüdischen Rechte in intimem Kreise über eine Reihe wichtiger, auch für die österreichische Judenschaft bedeutsamer Fragen auszusprechen. Wahrheiten vom Tage Aus unseren Rechtsschutz- und Abwehrbüro. ^Studentenrecht" Nach der Besprechung beim Bundespräsidenten haben sich die Rektoren der österreichischen Hochschulen dieser Tage neuerlich zu einer Beratung zusammengesetzt welche der Schaffung eines „Studentenrechtes" galt. Die vorliegenden berichte über diese Konferenz lauten ziemlich unklar. Diese Unklarheit scheint in einer Divergenz der Anschauungen zu wurzeln, welche sich in der Versammlung selbst ergeben hat. Der Begriff eines „Studentenrechtes" entbehrt bis jetzt ebenso einer mäteriellrechtlichen Basis, wie der Begriff der akademischen Freiheit. Es gibt im Grunde genommen nur zwei gesetzliche Bestimmungen, welche auf unserem Hochschulbetrieb Anwendung finden. Die eine ist der Artikel 17 des Gesetzes über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger, welcher lautet: „Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei", die andere der Artikel n, Absatz 2, des zitierten Gesetzes, welcher bestimmt: „Der Genuß der bürgerlichen und politischen Rechte Ist von dem Religionsbekenntnisse unabhängig". Alles andere, was die Rektorenkonferenz so sehr beschwert, wie die Frage der Studentenverbindungen, des Farbentragens und der studentischen Wohlfahrtseinrichtungen, beruht mehr oder weniger auf niehtkodifiziertem Gewohnheitsrecht - und wurzelt eigentlich in mittelalterlichen Zuständen. Es scheint auch, daß in der Konferenz widerstreitende Meinungen zutage traten und daß man sich nicht recht klar darüber geworden ist, ob ein einheitliches Studentenrecht für alle Hochschulen geschaffen werden kann, oder ob es jeder einzelnen Hochschule überlassen bleiben soll, ein solches Recht nach ihren lokalen Bedürfnissen zu statuieren. Es ist kein günstiges Zeichen, daß die Wiener Universität nicht durch ihren derzeitigen ausgezeichneten Rektor Dr. D ö 11 e r, sondern durch den sattsam bekannten Prorektor Dr. Diener vertreten war. Als erfreulich muß dagegen bezeichnet werden, daß der bisherige Kanzleidirektor Dr. Blumauer, dieser radikal-deutsche Agitator, endlich in den Ruhestand geschickt wurde. —- Die Rektorenkonferenz ist auch mit den Vertretern der verschiedenen studentischen Parteirichtungen in Fühlung getreten. Die deutschen Rassenantisemiten verlangen, daß zu der mittelalterlichen Einrichtung der studentischen „Nationalitäten" zurückgegriffen werde, wobei natürlich den Deutschnationalen eine Vorzugsstellung eingeräumt werden müsse. Die Vertreter - der deutsch-demokratischen Hochschüler-Vereinigung, des jüdischen Hochschulausschusses und der sozialistischen Studentenschaft fordern eine Gesamtvertretung aller akademischen Bürger. Dieser Standpunkt würde allein der Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre, sowie insbesondere der universellen Bedeutung der Wiener Universität entsprechen. Es muß abgewartet werden, wozu sich alle diese Verhandlungen verdichten werden, und es muß strenge darüber gewacht werden, daß das Resultat dieser Besprechungen den staatsgrundgesetzlichen Bestimmungen nicht zuwiderlaufe. Mit uns hat auch die sozialdemokratische Partei das dringendste Interesse daran, daß die Rassenhetze an den österreichischen Hochschulen nicht gesetzlich legitimiert werde. Bundeskanzler Dr. Seipel über die Rasseithetze. Bundeskanzler Dr. S e i p e 1 hat sich vor wenigen Tagen einem ungarischen Interviewer gegenüber über Rassenhetze und über das Csongräder Attentat mit jener Offenheit und jenem Freimut, die wir an ihm zu schätzen gelernt haben, ausgesprochen. Er erklärte, nach dem Berichte des „Pester Lloyd", wörtlich folgendes: „Die empörenden Vorfälle in Csongräd sind, wie mir scheint, nur ein Glied, hoffentlich das letzte Glied einer Kette. Ich kann mir nicht verhehlen und ich stehe nicht an, es auszusprechen, daß ich in diesen Verhetzungen, ob sie nun in Worten oder Taten zum Ausdruck kommen, eine Absicht, eine böse Absicht erblicke, die darauf gerichtet ist," das Konsolidierungswerk Ungarns zu stören, womöglich zu zerstören. Die Rassentheorie — ein wissenschaftlicher Irrturn — hat auch anderwärts ihre Anhänger, so bei uns in Oesterreich, doch zu Ausschreitungen wie in Ungarn führte sie nicht, kann und darf sie nicht führen." Herr Bundeskanzler- Dr. Seipel hat sich von jeher als Gegner des Rassenantisemitismus bekannt. Es ist daher nur um so mehr zu bedauern, daß er._ durch die parlamentarischen Kräfteverhältnisse gezwungen, die großdeutschen Wortführer dieser Rassentheorie "in seine Majorität und in sein Ministerium aufgenommen hat. Dfe Waber und Frank waren kein Vorteil für die Konsolidierung Oesterreichs. .; i i; Aus dem Irrgarten der Dummheit. Diesmal sind esdie woblgepflegten Anlagen des „Hammer**, die allein das Er»- götzen der Leser bestreiten. In erster Linie der Führer eines Jugendbundes, der allen Jung-Germanen den Weckruf zijV schreit. Kurt Holler heißt dieser „Edeling", als welchen er sich selbst bezeichnet. Nicht genug dringend kann er jedem echten Jungen, jedem wackeren Mädel empfehlen, die nordisch-ger>- manische Rasse durch Zucht rein zu halten. Nicht fortpflanzen, emporpflanzen ist sein Nitzscheideal. Das deutsche Volk muß wieder vorwiegend nordisch werden. Wir werden Ehegatten aus nordischen Blutwahlen. Jung-Kurt spricht wie ein Buch, Rassenkunde des deutschen Volkes von Dr. Günther, er hat w seine Jugend eine erstaunliche Belesenheit, die freilich nur völkisch gerichtet ist. Er verweist rühmend auf das schöne Buch: „Der neue Glaube" von Theodor Fritsch. Durch diese klare Reklame entstand bei uns der Verdacht, dieser germanische Jüngling habe vor kurzem seinen 70. Geburtstag.begangen und heiße in Wirklichkeit Theodor Fritsch^1 Jeder hilft sich, wie er kann. — Da lobe ich mir den angeblichen Großgrundbesitzer aus Mecklenburg, der unter der Chiffre G. L. und. der Spitzmarke „Der Fluch der Dummheit" seine Beobachtungen zum besten gibt. Nach solchen gäbe es statt Mitmenschen bald nur noch Mitbestien. Zwei Prinzipien beherrschen die Welt, ein gut-rohes und ein schlecht-rohes. Ersterem gehören der Militarismus und die breiten Schichten der Nationalen an, denen jede Spur von Klugheit abgeht. Der mecklenburgische Großgrundbesitzer muß es wissen, da er ja gewiß .ein Gut-Roher ist. ,J3ummheit ist das größte Laster der Welt", versichert der Mann der Selbsterkenntnis, der auf Wilhelm II. gar schlecht zu sprechen ist. Bedeutende Männer von gut völkischem Charakter würden dem Staate und Volke bessere Sicherheiten bieten. Aber wie doch, wenn sie als Gut-Rohe, als unverbesserliphe Trotteln dem größten Laster der Welt, der Dummheit verfallen sind? — Auch Herr F. Roderich Stoltheüh soll wegen seiner hervorragenden Irrgartenpflege Anerkennung finden. Er pflanzte dort „Merkworte", die tatsächlich merk-würdig sind. Beispielsweise: Im Grunde ist die jüdische Politik einseitig und armselig, konzentriert sich auf Trug und Fälschung, Zersetzung und Zerstörung". Hört es alle Völker! Walther Rathenau, der Jude und Aufbauminister, der das Vertrauen und die Bewunderung aller Deutschlandfeinde genoß, war nach Stoltheims Meinung ein Zerstörerl Dann: „Unter arischen, d. h. ehrenwerten Nationen war es von jeher Sitte, Feindschaft und Fehde vorher anzusagen." Leider weiß es die Weltgeschichte anders. Hat vielleicht Alarich, als er vor Rom zog, um es zu zerstören, diese Absicht vorher durch seinen Botschafter der römischen Regierung kundgemacht? Und Krim- 1AC. MAYER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detailverkauf: Wien II., Glockengasse 24 Wien .IL, Taborstraße 44

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