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Die Wahrheit · 1924-01-18 · Heft 3 (18.1.1924) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 3 (18.1.1924)
Date
1924-01-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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!Mäea«Bt«i(nip*<utsMSMaj;tt>a»3ca2i*lM;tt»aaz«z*anc*a?(a«9^ öei* nni<unniiBnannHinuiHuaM| | Wien IX. 1 | Berggasse 4] 5 — I c s Postsparkaasen-Konto |. „Union deutschösterreichischer Juden" | Te!eph^ £V*„ wrtllirnMmilwnmT"""a,"'"1"r"'",*"'tr"'""",""'*,"t" «^Jn.>.^.«.fMsc.ja>3m»»^jn«»iiaaj«s>»Bg^ii>nm4P»iHiTUC«3jna3a.V'3gaaairmMj<«M3««M>ml Die Pflichten des Besitzes. .. Das Anerbieten des Präsidenten der Unionbank, Herrn Siegmund Bösel, für das Defizit im Betriebe der Wiener Universität aufkommen zu wollen, wird in der Oeffentlichkeit lebhaft diskutiert. Antisemitische und jüdische Blätter erheben gegen Herrn Bösel wegen dieser munifizenten Bereitwilligkeit, dem Staate eine seiner wichtigsten Aufgaben zu erleichtern, heftige Vorwürfe. Den Deutschvölkischen geht es wider den Strich, daß der Jude Bösel die erforderlichen Mittel beistellen soll, damit die Jungen Herren ihren nationalen Gefühlen auf der Universitätsrampe und in der Aula mit Gummiknütteln und Schlagringen kräftigen Ausdruck geben, können. Die zionistischen Organe machen Herrn Bösel den Vorwurf, daß er — wieder in seiner Eigenschaft als Jude — der Universität bedingungslos, helfen will, obwohl ihm die judenfeindlicheri Strömungen, die gegenwärtig nicht nur in der deutschvölkischen Studentenschaft, sondern auch unter den Professoren herrschen, bekannt sein müssen. Man hätte es in zionistischen Kreisen wohl liete gesehen, wenn Herr Präsident Bösel seine Freigebigkeit nicht der Wiener Alma mater, sondern '^^Universität in Jerusalem zugewendet hätte. In beiden Parteilagern wird das klare und ruhige Urteil durch einseitige und daher schiefe Betrachtung getrübt. Präsident Bösel ist zu seinem Anerbieten clurch den Vortrag veranlaßt worden, welchen Bundeskanzler Dr. Sfeipel unter dem Titel „Staat und- Gesellschaft" vor kurzem in der Wiener politischen Gesellschaft gehalten hat und in welchem an die;. Wohlhabenden Kreise der dringende Appell gerichtet wurde,, angesichts der finanziellen Notlage des Staates für diesen suppletoriseh zur Erhaltung unserer wichtigsten wissenschaftlichen Anstalten und Kunstinstitute einzutreten. Die Aufforderung des Bundeskanzlers war frei von jeder Einseitigkeit. Sierichtete sich an den Patriotismus aller, ohne Unterschied der Religion oder der Abstammung. Es stand auch unseren christlichen Milliardären, den Herren SchÖller, Krupp, Böhl er, Blecknva h ri, Seybei, Gustav Rath und wie die Vielen noch heißen mögen, frei, dem Rufe des Kanzlers zu folgen und ihre Liebe für Oesterreich zu betätigen, in welchem, sie vor, während und nach dem Kriege ungezählte Milliarden verdient haben. Aber wie schon im Kriege die Juden überall an der Spitze standen, wo es sich um die Minderung der Kriegstibel, um die Zeichnung der Kriegsanleihe, um Verwundete npf lege usw. handelte, während die nichtjüdischen Milliardäre gerade nur so viel taten, als ihnen von den Behörden abgezwungen werden konnte, so geschieht es auch jetzt In Deutschland sind es die Stinnes und Thyssen, welche den Währungsverfall zu ungemessener Bereicherung benützen, in Oesterreich sind es die zum großen Teile a«s dem Deutschen Reiche eingewanderten nichtjüdischen Industriebarone, die von einer Zuwendung eines Teiles ihrer Reichtümer für öffentliche und Wohlfahrtszwecke, d. h. also von den Pflichten des Besitzes nichts wissen wollen. Wir würden es begriffen haben, wenn durch die deutschvölkische Studentenschaft und durch die Reihen unserer Großdeutschen im Parlamente ein Sturm der Entrüstung darüber gegangen wäre, daß die nichtjüdischen Reichen zu einem freiwilligen Opfer für unsere Wiener Universität sich nicht bewegen ließen. Statt dessen erheben unsere Hakenkreuzler in ihren Zeitungen und in Straßenplakaten neuerdings die unr sinnigsten Vorwürfe gegen Herrn Bösel, und selbst in den Büros unserer höheren Bürokratie wird grießgrämig darüber gezischelt und getuschelt, daß der Staat sich wieder einmal von jüdischem Gekte abhängig gemacht habe. Wir haben keinerlei Veranlassung, die Verdienste des Präsidenten Bösel zu rühmen, aber er hat zu wiederholten Malen und auf den verschieden^ sten Gebieten bewiesen, daß er nicht nur ein kluger und erfolgreicher Geschäftsmann, sondern auch ein Mann von tiefem Verständnis für die sozialen Pflichten des Reichtums ist, daß er Herz und Sinn für die Bedürfnisse des Staates und für die Not der Armen besitzt. Es ist gewiß keine Schande für die- Juden, daß eine Persönlichkeit von so weitem Blick und so offener Hand aus ihren Reihen hervorgegangen ist, und deshalb finden wir auch die Vorwürfe überspannt, welche von zionistischer Seite gegen ihn erhoben werden. Präsident Bösel denkt und empfindet als Deutschösterreicher, und es gibt keine bessere Widerlegung der unsinnigen Agitation für die Einführung des Numerus clausus an den deutschösterreichischen Hochschulen» als daß es ein¬ Jude ist, der die Mittel für den ungestörten Fort-: betrieb der Wiener Universität bereitstellt. Diese Tatsache ist viel wirksamer, als wenn Bösel sein Anerbieten an politische Bedingungen geknüpft hätte, die ihn in den häßlichen Zank und Streit der Parteien hinabgezogen hätten. Zwischen seiner Opferwilligkeit und der erbärmlichen Gesinnung, welche jüdische Studenten von dem Besuche der Mensa academica ausschließt, besteht ein so ungeheurer Kontrast, daß derselbe jedem klar und nüchtern Denkenden zum Bewußtsein kommen muß. Während die Rektorenkonferenzen im geheimen Kämmerlein darüber beraten, wie auf Umwegen ein deutschvölkisches „Studentenrecht" geschaffen und den Staatsgrundgesetzen ein Schnippchen geschlagen werden £ann, ist es ein stolzer, aufrechter und staatstreuer Jude, der als Erster und bis jetzt Einziger dem eindringlichen Appell des Bundeskanzlers Folge geleistet hat. Das ist eine Kulturtat, die ihm hoch angerechnet werden muß, auch wenn seine Neigung sich bis jetzt der Universität in Jeru^- salem nicht zugewendet hat. Siegfried F1 e i s eher.

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