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Die Wahrheit · 1924-01-18 · Heft 3 (18.1.1924) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 3 (18.1.1924)
Date
1924-01-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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kratie. Üb getauft oder nicnt, auch weiterhin hieß es: Jüci . bleibt Jud. Druck aber erzeugt Gegendruck. J e 1 ä n g e r s i c h die Juden verfolgt und geächtet sahen, um so rascher besannen sie sich darauf, was sie diesem Lande bedeutet, was sie in diesem Lande vollbracht hatten. Daß es in Ungarn blühenden Handel, daß es Großbanken und eine rege vorwärtsstrebende Industrie gab, war ihr alleiniges Verdienst; doch Jüdischen Journalisten verdankte auch die Tagespresse ihr heutiges Niveau, Theater« stücke ungarischer. Juden wurden auf alien Bühnen der Welt gespielt, Bücher ungarischer Juden in alle europäischen Sprachen, übersetzt. Max Nordau, Hermann Wambery, Ighaz. Goldzieh er, Karl Goldmark, Ludwig ßarnay, Max Reinhardt, die Nobelpreisträger Barnay und Lenard — mag letzterer jetzt auch den Deutschvölkischen spielen — sie alle sind und waren ungarische Juden. Und alle geistigen Schichten Ungarns, das ganze geistige und wissenschaftliche Leben dieses Landes, in dem der autochthone „Herr" nur selten und ungern einen anderen Beruf ergriff als den des Offiziers ode/ des Staatsbeamten, zählt Juden zu seinen Besteh. Das alles fiel der Judenschaft Ungarns jetzt allmählich ein. Kulturelles Selbstgefühl begann ihren gebeujjten Rücken zu straffen. Und aus solchem Selbstgefühl: erwuchs mehr und mehr das Bewußtsein ihres persönlichen Wertes, ihrer individuellen Tugenden — nun erkannten sie auch den Nährboden, die Wurzel dieser Tugenden: Die Tradition ihres Stammes, die Ethik ihres Glaubens. Und dem Schimpf roher, ungebildeter Rüpel stellte sich — erst verein zeit, dann immer häufiger — jüdischer Stolz entgegen. Immer zahlreicher wurden jene, die sich ihrer voreiligen, feigen Flucht aus dem Judentum zu schämen begannen. Seit Jahr und Tag bereuen Hunderte und Tausende öffentlich ihre Abtrünnigkeit, sind glücklich, in die angestammte Glaubensgemeinde zurückkehren zu dürfen und geloben, von nun an nicht bloß «dem Namen nach Juden zu sein. Und dieses Gelübde — jeder Tag erweist es aufs neue - ist fast nie ein leeres Versprechen. Jüdischer Glaubenseiler, jüdisches Gemeinschaftsgefühl.ist jetzt in Ungarn auf ungeahnte Weise erstarkt. Die Spenden für eine neue große Synagoge fließen so reichlich, daß der Bau zweifellos binnen kurzem unter Dach gebracht sehi wird. Es heißt, daß die Wände dieses Gotteshauses aus Märmortafeln mit den vielen tausend Namen der jüdischen Krieger bestehen sollen, die für Ungarn starben. Und um den andauernden Schülerverfolgungen in den! Mittelschulen ein Gegengewicht zu bieten, wird ein jüdisches Gymnasium errichtet, dessen Professorenkörper von den Eltern der Schüler erhalten werden soll. Eine Stiftung Aladar Kaszabs ermöglicht es, den Bau einer jüdischen Poliklinik in Angriff zu nehmen, die das vollkommenste Institut dieser Art in Ungarn sein wird. Doch am weitaus schönsten zeigt sich jüdischer Opfersinn und jüdische Hochherzigkeit dort, wo es gilt, den schwer bedrohten Nächwuchs des. geistigen, des kulturfördernden Judentums Ungarns zu schützen. Aus den furchtbaren Bedrückungen und Verfplgungen der letzten. Jahre gehen die Juden Ungarns gestärkt und geläutert hejvor! Badgetreferat pro 1924. Erstattet in der öffentlichen Plenarsitzung des. Kultus Vorstandes am 9. "Jänner 1924 vom Ersten Sekretär Guido Fuchsgel \.k Geehrtes Plenum! Zum erstenmale seit dem Ausbruche^ des Krieges ist der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde wieder in die Lage versetzt, einen Voranschlag in Beratung zu ziehen, der nicht nur auf Hypothesen aufgebaut ist Durch die Stabilisierung unserer Währung und die Ordnung, die nunmehr in denJ Gemeindehaushalt gebracht werden konnte, hat sich die Möglichkeit ergeben, ein Budget aufzustellen, das den Tatsachen weitgehendst nahekommt. Maßnahmen administrativer Natur, "die tn unserem 'Buchhaltungswesen zur Durchführung gelangten, haben es ermöglicht, das Ziffernmaterial der ein^ zeihen Budgetkapitel auf das elfmonatliche Ergebnis des Jahres 1923 zu stützen und als die Vorberatungen des Budgets im Vertreter-Kollegium beendet waren, konnten auch bereits die vollen Ergebrusziirern des Jahres 1923 bekanntgegeben werden. Das vorliegende Budget weist ein ordentliches Erfordernis von 28' Milliarden KrGneu aus, welchem Einnahmen in der gleichen Höhe gegenübergestellt erscheinen. Dieses Bild ergibt sich daraus, daß die Einnahmsposten unter Zugrundelegung einer Reibe von \m, heutigen Plenum zu beschließenden Aenderungen des Tax-, und Gebührentarif es aufgestellt sind und der dann noch zur. Bedeckung der Aüsgabeu fehlende Betrag als Kultussteuereinnahme präliminiert würde.; Es wurde vermieden, in der sonst häufig geübten Weise vorzugehen und ein Präliminare vorzulegen, das mit irgend einem konstruierten Defizitbetrag abschließt. Es ist in den Einnahme-», posten mit solcher Vorsicht vorgegangen worden, daß Ueberschreitungen nach unten möglichst vermieden bleiben und es ist in den Ausgabeposten auf die ökonomischeste und sp2u> samste Verwehdung der Gemeindemittel Bedacht genommen. Reserven sind nur insoweit eingestellt, als deren Inanspruch-. nähme schon jetzt vorausgesehen werden kann und es. wird nach wie vor nötig sein, bei größeren Ausgaben die den Rahmen des Budgets überschreiten, jeweilig neue Bedeckiings-- möglichkeiten. zu schaffen. I. Kultus- und rituelle Angelegenheiten. 1. Einnahmen: Voranschlag 1923 ...........K 850,000.009 1924 .*,.',"....... „ 2.4OÖ.000.ÖOÖ Das elfmonatliche Ergebnis der Einnahmen pro 1923 beträgt K 2.349,876.757. Hiervon haben die erdentiiehen. Einnahmen K 2.233,(599.442, die außerordentlichen K li6,177.3T5 betrageU. - Im Voranschlag pro 1924 erscheint berücksichtigt: a) eine Erhöhung der Schacht- und Aufsichtsgebühren, b) die Einhebung von Bethauserhaltungsbelträgen bei den Inhabern von Stammsitzen in den Gemeindetempeln der äußeren Bezirke. 2. A usgaben: Voranschlag 1923...........K 2.100,000.000 1924............ 2.90o;ooo:obö Das elfmonatiiche Ergebnis der Ausgaben pro 1923 beträgt K 2.369,579.172. Hiervon außerordentliche Ausgaben für bauliche Herstellungen K 139,645.266. Die personellen Auslagen haben K 1.823.650.&75 betragen. Im Voranschlage pro 1924 erscheint berücksicht: die Besetzung einer Reihe freier Stellen im Status der Kantoren und Chörsänger, die Regelung der Maschgichimbezüge und.diverse dringende bauliche Durchführungen. Dieses Kapitel umfaßt die Gememdetempel, die tempo? rären Bethäuser, das Rabbinat, das Koscherfleischwesen und die sonstigen rituellen Angelegenheiten, sowie die Subventionen - an Bethäusvereine. Dank spezieller Zuwendungen, die der, Kultusgemeinde im abgelaufenen Jahre zugekommen sind,* konnte die Renovierung des Stadttempels durchgeführt werden, eine Maßnahme, die seitens der Gemeindemitglieder mit ungeteilter Befriedigung begrüßt worden ist. Die innere Aus-, gestalhmg des Leöpoldstädter Tempels machte dank "der anerkennenswerten Bemühungen des „Vereines der Freunde des Leopoldstädter Tempels ' weitere Fortschritte und die Opferwilligkeit der. Gemeindemitglieder in den Bezirken XII—XV hat die gründliche Renovierung auch dieses * Gotteshauses .ermöglicht. Ebenso konnten im Gemeindebethause des 21. Be-. zirkes und des 18. Bezirkes umfassende Renovierungen dank spezieller Spenden für diesen Zweck zur Ausführung ge% langen. Dennoch werden im Jahre 1924 eine Reihe von bau• liehen Herstellungen erforderlich sein, auf welche, "im Präliminare Rücksicht genommen ist. Die temporären Veranstaltungen; wurden im abgelaufenen Jahre erweitert. und sollen zumindest in unverkürztem Mäße auch im Jahre 1924 durchgeführt werden. Eine Reihe von Maßnahmen für Verbesserungen im Koscherfleischwesen und für die Beseitigung, eines Defizites aus diesem Titel sind im Vertreter-Kollegium getroffen worden und finden gleichfalls im Budget Berücksichtigung. Ganz besonders wird eine vom. Kultus vorstände - eingesetzte Spezialkömniission damit befaßt sein, jedweden hinsichtlich des Kaschrus auftauchenden Zweifel durch sofortige Ueberprüfung klarzustellen und zu beseitigen. Beztigb'ch der Mazzothversorgung hat die. israelitische Kultusgemeinde die Maßnahme getroffen, daß einerseits Mazzoth unter Aufsicht der Kultusgemeinde in ausreichendem Umfange her-, gestellt, anderseits die Einfuhr-von Mazzoth tunlichst hintan» gehalten werde. Durch die Einführung einer. „Mazzoth?- umlage" ist es möglich geworden, Minderbemittelten und Armen teils zu sehr ermäßigtem Preise, teils unentgeltlich Mazzoth abzugeben.. Diese Maßnahme hätte jedoch., nicht ausgereicht, um den Bedarf an Armenmazzoth zu bedecken und nur durch ausländische Hilfe war es möglich gewesen, auch auf diesem Gebiete eine wirksame Hilfstätigkeit zu; entfalten. Im Budget gelangt das Kapitel „Mazzoth" nicht zur Auswirkung, weil — wie schon angeführt —- die ArmenbeteUuöe5 aus den Mazzothumlagen bedeckt' werden muß. '" " (rortsetzurrg foigt.)

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