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Die Wahrheit · 1924-01-18 · Heft 3 (18.1.1924) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 3 (18.1.1924)
Date
1924-01-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 3 DIE WAHRHEIT Seite 5 gehalten wird, bedauere ich, Deiner Einladung nicht Folg« leisten zu können." Diese Antwort sollten sich unsere Müller und Schulze der geschilderten Couleur hinter die Ohren schreiben. Man traut seinen gesunden Sinnen nicht, wenn man Tiraden dieser Herrschaften hört, wie: „Welch eine Ehrung itir den töten Orünfeld, wenn zu Allerseelen Hunderttausende (!!) an seinem Grabe defilieren!" Woran erinnert das? An „Könige" (Parade, Defilieren!)? Oder mehr an „Flamme" (öffentliche Schaustellung, Massenättraktion, Sich-in-Szene-setzen, Hang-Wurstetei!)? Es ist offenbar exzessive Hysterie. Die Frau eines hiesigen Großindustriellen wünschte sich, auf dem Döblinger Friedhof beerdigt zu werden, weil „man dort die schönste Aussicht habe". Ein Grünfeld muß neben der Luegerkirche liegen, weil er dort die sicherste Aussicht hat, sich von den Massen der lieben Wiener noch nach dem Tode nachsichtig sein Judentum — verzeihen zu lassen! Auf einem Grabstein des Zentralfriedhofes ist zu lesen: „Die Erde werde ihm leichter, als ihm das Leben war!" Warum soll es unserem Alfred Grünfeld umgekehrt ergehen? Ihm hat das Leben wohlgewollt. Er war zeitlebens von Freude und Friede umgeben, einer jener Glücklichen, von denen man sagen kann, der Erfolg sei mit ihnen geboren worden. Jetzt möge ihm wenigstens das eine Teil, der. Friede, ungestört bleiben! Streit um ein Grab hat, wie die Geschichte lehrt, schon viel Unheil gestiftet. Grünfeld aber verdient es, daß er in Frieden ruh', Friede walte über seinem Grabe, gleichviel, ob et ihm gewünscht wird mit einem- „Menucho neschauno" oder einem „Requiescat in pace"! Er war Jüdle und wird es in unseren Augen und Herzen bleiben. Von den Juden Ungarns. Von Ernst Qoth. Vor Jahren, als Franz M o 1 n ä r noch ein ständiger Nachtgast der Budapester Literatencafes war, machte er sich zuweilen den Spaß, die Bilder der diversen illustrierten Blätter mit neuen, zeitgemäßen Titeln zu versehen. So erschien einmal in „Ueber Land und Meer" eine Reproduktion des bekannten Gemäldes „Christliche Märtyrer in der römischen Arena", das just den Moment darstellt, da die wilden Bestien auf die Verurteilten losgelassen werden. Unter dieses Bild schrieb nun Molnar: „Zu jener Zeit hätte sich Baron Karl Hatyany wahrscheinlich noch nicht taufen lassen." Damals nämlich bildete ein Vorfall in der bekannten baronlsierten Familie Hatvany-Deutsch das Tagesgespräch Budapests. Ein jüngerer Sproß dieser Familie und Mitinhaber der Firma, Baron Karl Hatvany-Deutsch, der sich von seinen übrigen Verwandten seit jeher durch heftig zur Schau getragene feudale Neigungen unterschieden hatte, war zum katholischen Glauben übergetreten. Offenbar glaubte er so Aufnabrae Hl jene aristokratischen Kreise zu finden, zu denen er sich — ohne jede Gegenliebe — hingezogen fühlte. Der Familien- und Fifmenchef, Baron Alexander Hatvany-Deutsch, -aber beantwortete diesen Schritt damit, daß er jede weitere Beziehung zu seinem Schwager Karl abbrach und ihn sozusagen aus der Firma wie aus der Familie hinauswarf. Alexander v. Hatvany- . Deutsch nämlich — als Mensch wie als Geschäftsmann eine der bedeutendsten Erscheinungen Ungarns — war immer stolz darauf, es als Jude zum Baron, Magnatenhausmitglied und Großkreuz des Franz-Josef-Ordens gebracht zu haben, fühlte sich stets als Träger und Mehrer ehrwürdiger Familientradioneiv jüdischer Familientrariitionen, und hatte nur mitleidige Verachtung für jene armseligen, eitlen Narren unter seinen Standes- und Glaubensgenossen übrig, die, kaum in den Besitz von ein paar. Millionen gelangt, glücklich waren, allerhand suspektes Gfafengesiitdel auf ihre Schlösser, zu ihren Jagden' laden zu können. Doch aufrechte Männer seiner Art waren in der Judenschaft Ungarns spärlich gesät. Und das strenge Gericht, das er über seinen abtrünnigen Verwandten hielt, erregte um so größeres Aufsehen, als ja Karl Hatvany nur getan hatte, was in seinen Kreisen — in der eleganten jüdischen Gesellschaft, die bereits Güter, Schlösser, Rennställe, Adelsprädikate, Orden, nur eben keinen entsprechenden Umgang besaß — längst üblich war. Die Taufe bildete für diese Leute den fast selbstverständlichen Abschluß ihres meist sehr raschen Aufstieges, und wenn sie steh in vielen Fällen auch darüber klar waren, niemals vollwertige Mitglieder der domdinierenden Gesellschaftsklasse werden zu können, so-trösteten sie sich damit daß dies vielleicht ihren Kindern gelingen würde — was im manchen Fällen auch zutraf. Der Rassen- und Farmlienstotz. der sonst überall zu den erfreulichen Merkmalen angesehener, reicher, gebildeter Juden gehört, ging dieser Schicht der ungarischen Judenschaft völlig ab; die liberalen Anschauungen und Gesetze des Landes einerseits, die herrschende Korruption, das ständige Bedürfnis aller Regierungen, ihren „Wahlfonds" zu stärken anderseits, bewiesen ihnen immer aufs neue, daß mit Geld und Verbindungen alles zu erreichen sei und steigerten ihre snobistischen Gesellschaftsambitionen ins Maßlose. Wäre der Krieg nicht gekommen, so hätte man in Ungarn zweifellos bald auch jüdische Grafen gesehen; denn. die Baronie schien manchen dieser Emporkömmlinge nicht mehr erstrebenswert, seit es Dutzende jüdischer Freiherrnfamilien gab. Und wie es die Großen trieben, so trachteten es die Kleinen zu treiben, und die Söhne auch noch nicht getaufter, wohlhabender, bekannter Judenfamilien neigten fast stets dem widerlichen Typ des „jüdischen Gentry" zu — „Jünker" nannte sie einmal jemand, den „Junker" und das „Jüngel" zusammenziehend — und trachteten in sinnloser Verkennung ihres Herkommens, ihrer Bestimmung, ihrer Qualitäten, die hohlen äußerlichen Lebensformen des bei Zigeuaierrmtsik exzedierenden „Kavaliers" nachzuäffen. Dies aber war mehr als verachtenswerte Gesinnungslosigkeit, mehr als verwerfliche Unsitte, es war eine schwere Schädigung der Gesellschaft, des Staates. Denn just in Ungarn, wo das kapitalkräftige intelligente Judentum ein Kulturferment von höchster Bedeutung darstellt, hätte es den Grundstock eines stärken, selbstbewußten Bürgertums bilden müssen. Statt dessen splitterten seine besten, hierzu berufensten Schichten immer wieder ab, verdunsteten sozusagen in den Höhen einer komödiantenhaften Pseudofeudalität. Wo man ehrenwerte, fest auf selbstgeschaifenem Lebensgrund stehende Patrizier zu sehen hoffte, sah man unsichere und protzende Witzblatttiguren, die ihr bißchen Geltung unausgesetzt teuer bezahlen mußten, und hinter deren Rücken spöttisches Kichern nie verstummte. Sie trugen die Schuld daran, daß es in Ungarn, namentlich in Budapest, niemals ein rechtes, gefestetes Bürgertum gab. Hätte es eines gegeben, so sähe Ungarn heute anders aus: Es wäre dem Kommunismus nie gelungen, die bürgerlichen Kreise im Handumdrehen zu überrennen und auszuschalten. Ungarn bennde sich heute längst auf dem Wege zu jener Demokratie, die allein diesem Lande Wiedergesundung bringen kann und die es, wie die Dinge.heute stehen, erst auf schweren, opferreichen Umwegen erreichen wird. Nach der Niederwerfung der Bolschewiken setzte, wie man weiß, ein wütender, brutaler Judenhaß ein. Die ganze Judenschaft des Landes sollte nun dafür büßen, daß ein Teil jener, vielleicht gutgläubigen, doch gröBenwaiinsiniiigen Kaffeehausideologen, von denen die rote Flut entfesselt wurde, Juden waren. Kein Hinweis darauf, daß die überwiegende Mehrheit der ungarischen Juden stets aus begeisterten Nationalisten, ja Chauvinisten bestand, war wirksam — Jmd blieb Jud. Wie immer Ktten die Kleinen, Hilflosen am meisten. Die vermögende, einflußreiche Oberschicht des Judentums, dieselben Leute, die immer schon bereit waren, ihren Glauben gesellschaftlichen Vorteilen aufzuopfern, vermeinte auch -jetzt nichts besseres tun zu können, als die Taufe zu nehmen und so jede, auch die letzte Gemeinschaft mit den allgemein verfluchten „kommunistischen Verbrechern" demonstrativ abzulehnen. Ein Massentaufen begann, ein wahrer Tauftaumel, der selbst solche ergriff, denen bisher nichts ferner lag, als die Konfession zu wechseln. Sehnsucht nach Ruhe und Unbehelligkeit mochte manche Gewissensskrupel zum Schweigen bringen und vielfach wirkte wohl auch der immer wache, jüdische Wunsch mit, den Kindern ihren Lebensweg zu erleichtern. Besonders als bald der numerus clausus an der Universität eingeführt wurde. Allein es zeigte sich, daß nun die Taufe den Haß der Pogromhelden noch weit weniger, zu mildern vermochte, als früher die Exklusivität der Aristo-

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