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Die Wahrheit · 1924-01-18 · Heft 3 (18.1.1924) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 3 (18.1.1924)
Date
1924-01-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 3 Am Tage der Beisetzung, etwa eine Stunde vor Beginn, wurde der amtierende Seelsorger von der Kuitusgemeinde verständigt, daß die rituelle Trauerfeier auf das Trauerhaus beschränkt bleiben werde. Gleichzeitig erfuhr er, daß nach ihm an der Bahre Grünfelds der Präsident der Kultusgemeinde sprechen solle. Den amtlichen Auftrag führte der Rabbiner pflichtgemäß aus. Die üblichen jüdischen Obsequien wurden im Trauerhause vollzogen! und dann die Leiche — auf den christlichen FriedL h o f überführt. •- Was war inzwischen geschahen? Was hatte alle von jüdischer Seite getroffenen Maßnahmen in letzter Stunde umgestürzt? Die Tagesblätter haben darüber mehr als liebsam sich verbreitet. Erklärungen und Gegenerklärungen stehen einander schroff gegenüber. Wir wollen zu (diesem Zwist keine neuen' Brände tragen. Doch grundsätzlich dazu Stellung zu nehmen, sist unsere Pflicht als jüdisches Organ. Die Beerdigung des ungetaufteri, ja gut jüdisch gesinnten Grünfeld auf einem christlichen Friedhof hat in der jüdischen Bevölkerung eine Erregung wachgerufen, die beweist, daß es sich hier nicht um eine einfache Familienangelegenheit handelt. Wiederholt haben Juden anderseits letztwillig bestimmt, auf einem christlichen Friedhof beigesetzt zu werden. Familiäre Rücksichten waren hierfür bestimmend. Die israelitische Kultusgemeinde hiat trotzdem unter Mitwirkung eines Rabbiners die rituelle Zeremonie in der Leichenhalle des jüdischen Friedhofes vornehmen lassen. Hiej lag also eine ausdrückliche entsprechende WiWenskundgebun,g des Verstorbenen vor, während in dem Falle Grünfelds, alle, die ihn kannten, die entschiedene Empfindung hatten, daß gewaltsam gegen seihen Wunsch und Willen vorgegangen wurde, daß Grünfeld seine jüdische Beisetzung für so selbstverständlich gehalten hat, daß er eine letzt - willige Verfügung hierüber für überflüssig ansah. Hätte ihm der Kultusvorsfand also die Zeremonie verweigern sollen? Daß die Kultusgemeinde, ja das Judentum, freilich, wie es oft geschieht, auch diesmal durch die Schuld Von Leuten aus seiner eigenen Mitte, auf das Gröblichste verletzt worden war, warum sollte der Tote es büßen? Ja, es lassen sich sogar Stimmen vernehmen, die dem Kultusvorstande nicht nur die Veranstaltung einer offiziellen Trauerfeier verübeln, sondern ihm an der unglückseligen Entwicklung der Dinge vor der Beisetzung Schuld beimessen wollen. Bei ruhiger Erwägung des Für und Wider müssen wir feststellen, daß die jüdischen Freunde des Verewigten, vor allem Herr Kornin.-Rat L a n d e sberger, alles aufgeboten haben, um dem Juden GrünfeM sein Recht und die Ehre des Judentums tn dieser Affäre zu wahren. Daß der Kultusvorstand eine solche Haltung eingenommen hat, ist ohne Frage auf eine einsprechende rituelle Entscheidung der zuständigen geistlichen Stelle zurückzuführen, von der er »in solchen Fragen auch sonst sich beraten läßt. Allein nicht nur die Judenschäft Wiens hat Grund, sich hier beleidigt zu fühlen. Dem Andenken des Dahingeschiedenen vor allem hat man einen schlechten Dienst erwiesen. Es widerstrebt uns, das naheliegende Wortspiel ausbeuten zu wollen, daß mitunter ein Ehrerigrab das Grab der Ehre des Beerdigten werden kann. Aber in den Augen der jüdischen Oeffentiichkeit ist es doch dem Andenken Grünfelds nicht förderlich, daß sich immer mehr die Mutmaßung verdichtet, er müsse doch getauft gewesen sein, weil er sonst nicht mit Genehmigung der Kirchenbehörde ein Grab auf dem christlichen Friedhofe gefunden hätte „zur linken Seite der Friedhofskirche'V wie ein hiesiges, nichts weniger als konfe'ssionelles oder natiönalistksches Blatt betont, d. h. der bekannten Luegergedächtniskirche. Diesen Vermutungen könnte man am wirksamsten entgegentreten, wenn man so bald als möglich auf Grünfelds Grab einen Denkstein errichtete, der auch die üblichen hebräischen.Zeichen "nicht vermissen ließe... Weit beachtenswerter ist aber eine andere Tatsache. Wie kommt 'es, diaß bei der Leichenfeier kein Vertreter der Regierung, etwa des Unterrichtsininisters, zu sehen war? Wir haben hierfür nur eine Erklärung: So wie man ganz gegen den friedfertigen, so durch und durch harmonischen Geist Grünfelds jetzt eine k o nfessionelle Polemik hervorgerufen hat. so hat man aus seinem Begräbnis auch ein P o 1 i t i k u m gemacht. Der I n t e r k o n f e s s i o n a 1 i s m u & ist hier in Aktion getreten. Was die Kirchenbehörde zu der Beisetzung eines Juden auf einem christlichen; Friedhofe — nicht 'einmal in, einer Gruft, die man als. Familieneigentum ansehen könnte, sondern in einem Emzelgrabe — sagt, entzieht sich unserer Kenntnis, Bezeichnend aber ist der Bericht in dem bereits zitierten Blatte: „Auf das Grab wurde bloß ein Kranz gelegt, der der sozialdemokratischen Kunststelle, auf dessen r o t e r S c h 1 e i f e es heißt usw." Wir glauben nicht fehl zu gehen mit der Annahme, daß die Regierungsstellen am Grabe Grünfelds erschienen wären, wenn er auf dem jüdischen Friedhofe liegen würde. Nach alldem muß man erklären, so unsterblich der Ruhm Grünfelds, so unsterblich ist die Blamage der G'schaftlhiiberei. die hier am Werke war. Sie war sich sicherlich der Verantwortung nicht bewußt, ein Praecedens zu schaffen, das noch zu manchem Konflikt führen dürfe. - „Das war kein Heldenstück, Octavio■!" Dieser Manager, wie wir hören, noch kein „gewässerter Jude", um mit Lueger zu reden, aber doch jedenfalls ein sehr „gemäßigter Israelit", „ein gemischtes Subjekt", wie Pernersdorf er diese Art „Mosaisten" bezeichnet hat — er wußte genau so gut wie wir, daß es derzeit in Wien noch keine, „interkonfessionellen" Ehrengräber gibt und daß em Friedhof kein Pantheon ist. Er hätte seine vorurteilsfreien Freunde christlicher Herkunft, die Grünfeld für den christlichen Friedhof in Anspruch raabinen, doch nur einmal fragen sollen: „Würden Sie damit einverstanden sein, daß man Sie — über hundert Jahr' — auf dem jüdischen Friedhof beerdigt?'4 Die Antwort hätte ihn ernüchtert. In Budapest wurde kürzlich ein bekannter christlicher Schriftsteller von einem jüdischen Freunde zum Weihnachtsabend eingeladen. Die Antwort lautete: „Lieber Freund! Ich nehme grundsätzlich nur Einladungen an, die ich zu erwidern hr der Lage bin. Da aber in meinem Hause kein Seder

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