Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 3 (18.1.1924)
- Date
- 1924-01-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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,Jfc;:JL.-_........r^„________....._ .PiE vor allen anderen Kundgebungen an diesem Tage ,:habe die im Gotteshause seinem Herzen wohlgetan. " Es liegt ein Brief von seiner Hand vor mit einer Betonung seines Judentums, wie sie nur aus dem Herzen eines unbedingt treuen Juden kommen kann. Aufrichtige Trauer bemächtigte sich dieser Tage aller Wiener ohne Ausnahme bei der Nachsicht vom Hinscheiden Grünfeids. Er w>ir der Spielmann von Wien, dem willig selbst jene sich ge- . fangen gaben, die sonst unwillig werden, wenn man einen Juden gelten läßt. Seine Kunst übte einen Zauber, vor dem alles schwand, was Seelen trennt. Lieder ohne Worte, d. h. ohne das, was Völker und ,■ Menschen trennt. Uns Juden aber war er mehr.. Das Judentum betrauert in ihm einen treuen Sohn, der seinen Stamm zu neuen Ehren gebracht und die Farben seiner Mutter durch alle Anfechtungen in Ehren getragen hat. Kein Wunder, daß im Kreise seiner jüdischen .Freunde sogleich der Oedanke auftauchte, die Trauerfeier um Grünfeld in den Tempel zu verlegen. Das war sicherlich im Geiste des Verewigten. Grünfeld, der Künstler, gehörte der Menschheit; die Kunst kennt keine Scheidungen und Schranken. Der Mensch Grünfeld aber, seine individuelle Gemütseinstelkmg war durchausjüdisch gerichtet. Das Judentum wollte so seine Dankesschuld an den Mann abtragen, der wie wenige jene Atmosphäre der Friedfertigkeit hat schaffen helfen, die uns hier in Wien, allen Störenfrieden und Beispielen und Lockungen von auswärts zum Trotz, die bürgerliche ^Eintracht erhalten hat. Da kam das Anerbieten eines Ehrengrabes sei- . tens des Wiener Bürgermeisters. Wiener Größen jüdischen Bekenntnisses, darunter Wiener Ehrenbürger, ruhen in Ehrengräbern aiuf Friedhöfen, die, ebenso wie die christlichen, Eigentum der Wiener Kommune, aber doch als besondere jüdische Abteilungen von anderen Gruppen konfessionellen Charakters getrennt sind. In Wiener Grund und Boden liegen die Leichen der einen wie der anderen. Nur sind durch diese Scheidung die Bekenntnisse kenntlich gemacht, nach denen die hier Bestattejen sich im Leben unterschieden haben. Interkonfessionell werden selbst die Bestattungen nach Verbrennung im städtischen Krematorium nicht durchgehend^ vollzogen. Auch die Asche wird zum großen Teil auf einer konfessionellen Gräberstätte beigesetzt. Für eine Erdbestattung gibt es aber derzeit nur die Beerdigung auf dem Friedhofe des zuständigen Bekenntnisses. Als im Zeichen des Burgfriedens während*des Krieges ein gemeinsames Heldengrab auf dem katholischen Friedhofe zustande kam, erregte es hier?eberiso wenig, wie in analogen Fällen anderwärts, aoich hur 'den geringsten Anstoß an irgend einer Stelle, daß jüdische Kriegsgefallene auf Wunsch;fhrer. Angehörigen auf dem jüdischen Friedhof beerdigt wurden. Niemand erblickte hierin einen Ausdruck konfessioneller Rückständigkeit'der Toleranz der anderen gegenüber. Wir Juden sind genügsam . und vollauf zufrieden, wenn man uns im L e b e n Duldsamkeit entgegenbringt und uns nach Verdienst in; den Reihen der lebenden Mitbürger unseren jPlatz einräumt. Tin Tode aber erheben wir keinen Seite 3 Ansprach auf Aufnahme in die Reihe der Helden- und Ehrengräber. Wir sehen ja jetzt, wie fadenscheinig der Burgfrieden war und wie geringkarätig jene Töleranz ist. Wer bürgt uns dafür, was einst .mit unserem Grabe geschieht, wenn der tolerante Wind, der angeblich jetzt in-Wien wahrzunehmen sein soll, wieder einmal -umschlägt? Wir wollen in dem gleichen Boden mit den Unseren ruhen, die für uns und mit uns gekämpft unter dem gleichen Banner. Wir wollen, daß unsere Hinterbliebenen, bei Akten der Pietät an unserem Grabe sich in keiner Weise geniert fühlen durch Rücksichten auf die anderskonfessionellen Besucher eines Nachbargrabes. In der josephinischen Aera wurden solche Bedenken und Argumente in den Wind geschlagen. Man hat dafür Sturm geerntet und Schiffbruch erlitten. Wien hatte Zeiten, in denen sich der konfessionelle Friede deutlicher kundgab, als in unseren Tagen. Aber damals, als man noch nicht vom Hakenkreuz sprach, dachte man nicht daran, Juden durch Beerdigung im Schatten, des K r e u z e s zu ehren. Ein Adolf F i s c h h o f liegt in einem Ehrengrabe der jüdischen Abteilung des Zentralfriedhofes. Das hindert nicht, daß bei der Märzfeier, am Gedenktage seiner Tat, das dankbare Volk sein Grab auf dem jüdischen Friedhofe ebenso aufsucht, wie die Gräber anderer Freiheitshelden auf den christlichen Friedhöfen. Ein Sonnenthal, gewiß auch ein Liebling der Wiener, hat an Ruhm und Volksgun&t nichts eingebüßt, indem er sich auf einem jüdischen Friedhofe beerdigen ließ. Fachgenossen Alfred Grünfeids, ein Brüll und G o 1 d m a r k, hätten auf dem Zentralfriedhof 1. Tor als Nächbarn' zu ihm nicht weniger gepaßt, als jetzt Ziehrer und Chiavacci. Und blicken wir ins Ausland! L a s s a 11 e liegt auf einem jüdischen Gottesacker in Breslau. In dem Paris, in dem ein Cremieux, ein dezidierter und führender Jude, Minister werden konnte, bestellte Napoleon HL selbst einen Rabbiner für das Leichenbegängnis eines Ratgebers seiner Krone fFould), der ihm als Jndj bekannt gewesen war. Und Rathen au?! Regierung und Volk ehrten den Toten an der Stätte seines Wirkens. Beerdigt aber wurde er in jüdischer Erde nach jüdischem Ritus. Der Rabbiner sprach an seiner Gruft. Somit wurde das Anerbieten des Bürgermeisters an die Hinterbliebenen Grünfeids an sich wohl als Ehrung von allen Juden vollauf gewürdigt. Ebenso erschien es aber seinen jüdischen Freunden als selbstverständlich, mit den: Dank für diese Auszeichnung dem Bürgermeister, der dafür auch das rechte Verständnis hatte, zu bedeuten-, daß die israelitische Kultusgemeinde dem Verklärten gerecht zu werden glaube, indem s i e für ihn ein Ehrengrab zur Verfügung halte. Soweit war diese Angelegenheit geordnet, daß Kundgebunge» .in diesem Sinne in den Zeitungen erfolgten und noch am Vorabende der Beisetzung davon gesprochen wurde, daß zwei Geschwister Grünfelds einst mit ihm in demselben Grabe ruhen wollten. Dementsprechend sollte das Ehrengrab für ihn tiefer ausgeschachtet werden. Auch war von allem Anfange an für das Leichenbegängnis vom Kreise .Alfred Grünfeids ein Rabbiner um seine Mitwirkung beim Leichenbegängnis ersucht worden.