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Die Wahrheit · 1924-01-18 · Heft 3 (18.1.1924) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 3 (18.1.1924)
Date
1924-01-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. b „geistige Brot" der Gesamtheit Sorge tragen! Wir fragen aber, warum das „geistige, das himmlische Brot" in der Mitte des Judentums selber übersehen? Das R a b b i n e r se m i n a r, das B e t h a m idrasch, die in der Kriegs- und Nachkriegszeit zusammengeschrumpften Bibeischulen, das jüdische Taubstummeninstitut, das Blinden- Institut sind gefährdet. Sollen diese- . mühevoll ins Leben gerufenen Institutionen nirgends Männer finden, die auch ihnen einen „Wiederaufbau" in nmnifizenter Weise ermöglichen? Sollte es erst eines Wunders zu deren Rettung bedürfen? Warten unsere Reichen, bis es für diese Ruhmesstätten jüdischen Geistes heiße: „Siehe, ich lasse für. euch Brot vom Himtne! regne n?" Requiescat in pace! Ein Epilog zum Leichenbegängnis Alfred Grünfelds. Alfred Grünfeld war Jude. Er war es nicht zufällig geblieben. Nicht aus lieber Gewohnheit und Bequemlichkeit, wie man etwa trotz empfindlicher Mängel und zeitweisen Unbehagens an seiner Wohnung hängen bleibt. Grünfeld war bewußter Jude. Mehr als einmal wurde ihm der Bon für den christlichen Himmel in die Hand gedrückt. Er lehnte dankend ab und hatte für Getaufte, sie mochten ihm näher oder ferner stehen, verständnisvolles Lächeln, eine Mischung aus Mitleid und Minderwertung. Von seiner jüdischen Erziehung im Hause der Eltern sprach er leuchtenden Auges. Pietätvoll besuchte er nach altjüdischer Sitte ihre Gräber. Er ließ sich gelegentlich zur Thora aufrufen und war nicht, wie manche dem Kultus näher Stehende, um hebräische Namen und Worte verlegen. In Baden, seinem Sommeraufenthalt, hatte er seinen ständigen Synagogensitz. Jomkippur fastete er sogar auf dem Schiffe nach Amerika. Eine Großfürstin bot ihm mit ihrer Hand Rang und Reichtum an. Er blieb fest. Einer Chewra Kadischa gehörte er als Mitglied an. * Der Kultusgemeinde diente er selbstlos als Kunstexperte, für Zwecke der Wohltätigkeit, für einen Tempelbau. Kurzum, woes einer jüdischen Sache galt, stellte Grünfeld seinen Mann. An seinem 70. Geburtstag war Alfred Grünfeld allerorten Gegenstand stürmisch begeisterter Huldigungen seiner Wiener. Einem Herzensdrang aber entsprach er, indem er an diesem seinem Ehrentage den Tempel aufsuchte, um dem Gotte seiner Väter sein Dankgebet zu weihen. Freunde gestalteten diesen Anlaß zu einer eindrucksvollen Feier. Tränen in den Augen, dankte er für diese Ehrung. Tiefbewegt nahm er eine vom Verein der Tempelfreunde bei dieser Gelegenheit ins Leben gerufene Stiftung für jüdische Musikstudierenide entgegen, Jedem, der es hören mochte, erklärte er, Von Wien nach Bukarest. Ernste und heitere Reiseerlebnisse von Josef Grob. Einleitung. Das Ziel einer Tournee ist mannigfach. In der Regel sind es Künstler, welche Tourneen unternehmen: Schauspieler, Konzertsänger, Dichter und Schriftsteller. Jeder Tourneeunternehmer hat seinen besonderen Zweck: Der große Schauspieler will seinen Ruhm er weitem; der Konzertsänger seine herrlichen Töne in die weite Welt erklingen lassen, der Dichter und Schriftsteller sich die Unsterblichkeit seines Namens sichern. Als ich meine Tournee unternahm; war es mir hauptsäch- .lieh darum zu tun, Eindrücke aus dem Leben zu sammeln, um sie dann ganz unverblümt, so wie ich sie gesehen, erlebte und fühlte, der breiten OeffentMcbkeit wiederzugeben. Wohl las ich überall, wo ich hinkam, aus meinen Schriften. Das war aber nicht allein, um Eindruck zu machen, sondern um aus den Wirkungen, die irleine Schriften auf die Zuhörer ausübten, meine Eindrücke zu formen und zu ergänzen. Auf meiner Reise durch Länder und Städte, sah und erlebte ich sehr vieles und mannigfaches, Ernstes, ja sogar sehr Trauriges, aber auch Heiteres und nicht wenig Komisches, das mich oft für Stunden vergessen ließ, welch traurige und düstere Bilder, in meinem Reisenotiz* buch bereits verzeichnet.waren. Was mich hauptsächlich Interessierte und worauf ich mein Augenmerk besonders lenkte, war — sfclbsft'erständlkh — das Judentum und das jüdische Leben. Und da muß ich schon hier bemerken, daß sich vieles, sehr vieles geändert hat und leider nicht alles zum Guten.' Es ist ein neues Judentum herangewachsen, das man sehr gut „Nachkriegsjudentum" nennen kann. Eine gesialtfose Masse, die schwer zu erkennen ist. Begleitet von meiner Gattin, bestieg ich den. Zug, der mich nach 13 Jahren wieder dem Boden näher bringen sollte, a-uf dem einst das jüdische Leben so stark pulsierte. I. Auf polnischem Boden. Gar so leicht fällt es einem heute nicht, sich mvergewissern, daß man sich auf polniscehm Boden befindet. Allerdings: die polnische Grenzrevisionj die Landessprache und nacht zuletzt das „Jiddische" sind Anzeichen, daß man bereits in Polen ist, sonst müßte man sicher glauben, daß der Zug eine falsche Richtung genommen und anstatt nach Lemberg uns nach New- York geführt hat. In meinem ganzen Leben hatte ich das Wort „Dollar" nicht so viele.Male nennen gehö'rt,\Wiie in einer Fahrstunde auf den polnischen Bahnen und ich kann heute mit Bestimmtheit behaupten, daß das einzige Wahrzeichen, gewissermaßen das Staatsbanner in Polen heute der „Dollar" ist. Kein Gespräch ohne Dollar. Von hgfedert Wörter heißen in Polen achtzig sicher „Dollar": Guten Morgen, wie steht der Dollar? Wohin fahren Sie, wollen Sie Dollar wechseln? Von wo kommen Sie, wie ist dort der Dollar? Was brauchen Sie, vielleicht Dollar? Was verkaufen Sie, wird Ihre Ware auch nur in Dollar verkauft? usw. Himmel und Erde und Dollar. Der Dollar ist der erkorene Liebling aller Landeskind.er ohne Unterschied der Konfession. Wer Dollar hat, ist edel, mächtig, kurz ein Gott. In Anbetracht dieser Wahrnehmung fiel mir folgendes ein: Als ich die unvermeidliche Frage, woher ich komme, mit „aus Amerika" beantwortete, da wurde ich mit einem Male der Liebling der ganzen Conpe-Abteilusig. Selbst Christen, die an meinen Gesichtszügen gewiß merken konnten, daß meine Wiege nicht in Boston gestanden, respektierten mich, umsomehr die Juden. Ich wurde mit Fragen überflutet; ich sei sicherlich ein sehr reicher Mann, man merkt es gleich an meinen Aussehen. Wohin ich falire, gewiß auf „Kewer Owaiis" und führe bestimmt viele Dollar mit für Wohlrahrtezwecke. Ob ich in Amerika geboren? Diese Frage wurde an mich ohne Rücksicht darauf gestellt, daß ich mit den Neugierigen nur jiddisch gesprochen. Ich sagte, daß ich nicht in Amerika geboren, nur schon sehrlange dort wohne, worauf eine neue Lädung Fragen vom Stapel gelassen wurde: Ob Ich Fabrikant oder Bankier bin, verheiratet oder ledig und so fort Man umringte mich, bestaunte und' beneidete mich, so daß ich bald selbst vergessen hätte, daß ich nur ein jüdischer Schriftsteller sei und kein Dollarkrösus. Erst beim Aussteigen am Lemberger Bahnhof, als ich von einem auf mich zuschreitenden Juden befragt wurde, ob ich nicht fremde Valuten für Polenmark einwechseln möchte und bei ihm 200.000 Österr. Kronen eintauschte, kam es mir wieder zum Bewußtsein, daß ich alles eher als ein Dollarmillionär sei und nicht sehr freudig ge« stimmt, zog ich in die uralte Judenstadt ein. (Fortsetzung folgt.)

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