Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 3 (18.1.1924)
- Date
- 1924-01-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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WAHRHEIT Deulscfiösterreicnisclie WochensdiriH für jfldisdie Interessen Mit dem Beiblatt: Veröttenflidiengen der ..Union den(scHOsterreldilsdier Juden" Redaktion und Administration: Wlcsm II., Heinestrciße 13. - Fernruf 42-2-16 XL. Jährgang Wien, 18. Jänner 1924 Nummer 3 Siehe, ich lasse für euch Brot vom Himmel regnen. Eine Betrachtung zum Wochen abschnitt Beschallach von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. Jm Midrasch meint ein Weiser, Rabbi Simon ben Gämliel mit Namen: „Komm' und siebe, wie lieb Israel Gott war, daß er seinetwillen die-Naturgesetze abänderte, da sonst das Brot von der Erde und der Taxi vom Himmel zu kommen pflegt" Und wahrhaftig, auch das Erlangen des Brotes von der Erde in ausreichendem Maße grenzt nicht selten an ein Wunder. „Schwer ist die Ernährung des Menschen wie das Spalten des Schilfmeeres", lehrt der Talmud. „Gib mir mein täglich Brot," dieser Ausruf, aus den Sprüchen Salomons stammend, ist vom Christentum aufgenommen worden und zum täglichen Gebet geworden. . Das scheinbar leicht ausgesprochene Wörtchen „Brot"ist von überaus schwerem Inhalte, und-spielt .in der Geschichte der Menschheit wie des Einzelnen keine geringe Rolle. Die härteste Strafe, die der Ewige dem ersten Menschen auferlegte, als er ihn aus dem Paradies vertrieb, bestand bekanntlich in der Ankündigung:. „ImSchweiß e Deines Angesichtes sollst Dtu Brot essen." In der Tochachah, d. h. in der Strafrede, die Israel in der Bibel gehalten wird, bildete eine der schwersten Drohungen die Voraussage: „Ich zerbreche für euch dien Brotstab." Der Prophet Jeremias vermochte in seinen Klageliedern über die Zerstörung Jerusalems keine erschütternderen Töne anzustimmen, als wenn er ausrief: „Kinder baten um Brot, niemand konnte es ihnen reichen." Haben doch wir selber, wir Angehörige des zwanzigsten Jahrhunderts, wir Bürger eines mit allen modernsten Erfindungen ausgestatteten Zeitalters, an uns und unseren Kindern vor wenigen Jahren erst die Schwere des Satzes empfunden: „Das Brot ist in unserem Korb zu Ende ge gangen" und wie gar gerne hätte so mancher Skeptiker an sich das Wunder erlebt: „Ich lasse für euch Brot.vom Himmel regnen." Brot in des Wortes vollster Bedeutung als Nahrung, als Befriedigung des Hungers läßt sich häufig durch nichts ersetzen. Von Alexander dem Großen, dem Welteroberer, erzählt eine talmudische Legende, daß er einst, von Hunger gepeinigt, durch eine Wüste zog. Kaum hatte er die Einöde hinter sich, tröstete und stärkte er sich mit dem; Gedanken, daß er in der ersten Stadt,* die er betreten würde, genügend Brot finden werde. Und tatsächlich begrüßten ihn an den Toren einer Stadt, die sich ihm unterwarf, die Aeltesten mit einem Laib Brot, das sie ihm entgegenhielten. Als Alexander. seine Würde hintansetzend und vergessend, das Brot aufschneiden wollte,. um sofort an Ort und Stelle seinen unbezähmbaren Hunger zu stillen, fand er zu seinem Entsetzen, daß der Laib aus Gold bestand. Die Vertreter der Stadt wollten ihm eine Lehre geben, daß der Hunger nach Brot nicht durch den Heißhunger nach Gold ersetzt werden könne. — Von Napoleon, dem Nachahmer des mazedonischen Helden, erzählt die Geschichte, daß er auf seinem Siegeszuge nach Rußland und auf seiner übereiligen Flucht aus den sarmatischen Tiefebenen nur ein einziges slawisches Wort sich gemerkt und behalten hatte, für die Bezeichnung Brot. Und liegt nicht ein tiefer Sinn in dem Umstände, daß die gewaltig große soziale Frage, welche jetzt die Menschheit in Atem hält, kurzerhand als Brotfrage bezeichnet wird, daß der Sprachgebrauch von einem Menschen, der alles daran setzt, um seinen Posten zu behalten, sagt: „er kämpft um sein Brot" und daß wir alle in der Gegenwart wie auf einen Pegel iii^inem-anschwellendeji Strome so auch immer auf den steigenden oder fallenden Brotpreis schauen, um von hier aus ein Urteil über die ganze wirtschaftliche Lage gewinnen zu können. Brot bedeutet demigemäß unendlich viel und wir danken mit Recht Gott, welcher Brot aus der Erde hervorgehen läßt. Und doch heißt es mit nicht minder starker Betonung in der Bibel; „Von Brot allein lebt der Mensch nicht, sondern von all dem, was aus dem Munde Gottes hervorgeht, lebt der Mensch." Und gerade diese Gegenüberstellung des materiellen und geistigen Brotes sowie das gleichzeitige scharfe Hervorheben, daß mit der Stillung des leiblichen Hungers noch nicht alles getan sei, besitzt für das Judentum Wiens der Jetztzeit einen nicht geringen Wert. Die Brotfrage, oder wie man umschreibend zu sagen pflegt, die wirtschaftliche Lage ist in Wien auf dem Wege der Sanierung und was noch nicht erreicht werden konnte, soll in der Aera des Wiederaufbaues durchgeführt werden. Gilt dies aber .auch von der geistigen Nahrung, von jenem Brote, „das Gott vom Himmel regnen ließ"? Die allgemeine Oeffentlichkeit, der nicht wenige Juden angehören, stellt märchenhafte Beträge zur Verfügung, um den geistigen, und künstlerischen Wiederaufbau Wiens, ja ganz Neu-Oesterreichs zu ermöglichen. Die Hochschulen und die tonangebenden führenden Bühnen sollen, da der Staat nicht genügende Mittel besitzt, durch Gönner auf die frühere Höhe gebracht werden. Fürwahr alle Anerkennung gebührt jenen, auch jüdischen Männern, die für das