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Die Wahrheit · 1924-01-11 · Heft 2 (11.1.1924) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 2 (11.1.1924)
Date
1924-01-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 2- DIE WAHRHEIT... Seite Chewra Kadi'scha. eine Abordnung der Bezirkskommission Leopoldstadt mit Medizinalrat Dr. H. Haase an der Spitze, hunderte Mitglieder der B. B. unter Führung des Gesamtvorstandes, für die „Union deutschösterreichlscher Juden" Präsident Dr. J. 0 r n s t e i n, Vizepräsident K. Fröhlich, Sekretär S. FI e i s c h e r sowie zahlreiche Mitglieder, viele Universitätsprofessoren, Berufskollegen und Studenten. Die Bestattungsfeierlichkeiten wurden nach den ritualen Trauergesängen und einem Gebet für den Verblichenen durch Herrn Oberkantor M. B. Kaufmann unter Assistenz des Kantors R. Kogan mit verstärktem Chor, mit einem Nachruf Sr. Ehrw. Herrn v Oberrabbiner Dr. H. P. Chajes eröffnet, in welcher er die großen Verdienste des Verblichenen als Mensch und als Arzt würdigte. Nach ihm sprach namens der Kultusgememde Präsident Herr Prof. Dr. A. Piick, der in seiner bekannten schlichten und zu Herzen gehenden Art den Dank der Kultusgemeinde für das Wirken des Hingeschiedenen im Interesse derselben aussprach. In einer großangelegten Rede schilderte Professor Dr. A. Ha j ek namens der B. B. das Pflichtgefühl und die unermüdliche Tätigkeit Prof. Dr. Königsteins. Universitätsproiessor Dr. M. Sachs ergriff das Wort, um für die Universität und . die Kollegensohaft Abschied zu nehmen von dem Verblichenen, der sich in der Welt einen , internationalen .Ruf erworben hatte. ObermedSzinalrat Dr. J. Stritzko sprach namens der Wirtschaftsorganisation der Aerzte dem Verstorbenen den Dank der.Wiener Aerzteschaft für die jahrzehntelange Förderung der Standesinteressen aus. Präsident Dr. Ornstein würdigte den Verblichenen als Vorstandsmitglied der Union, deren rastloser Führer er in Wort und . Schrift gewesen. Unzähligemal hatte Dr. Königstein, so führte'der Redner aus, die ganze große Macht seiner Beredsamkeit aufgewendet, um für die Gleichberechtigung unserer Glauibemsbrüder einzutreten, insbesondere aber der Studentenschaft, deren Vater er stets war, in diesem Sinne Nackensteife gepredigt. Nach diesen Reden wurde Dr. König st ein von seinen Freunden und Kollegen zum Grabe seiner innigst- «eliebten Gattin getragen, in das er auf seinen Wunsch beigesetzt wurde. Als der unübersehbare Zug sich düster dorthin bewegte, brach die Sontfe hervor, als wollte sie dem, der ihr stets wesensgleich war, den letzten Gruß darbringen. H. Czongräd. Der Name der ungarischen Kleinstadt in der Theißebene wird zum Merkwort für jede Art feiger Tücke und boshafter "Mordlust werden. Ein jüdischer Frauenverein veranstaltet zu wohltätigen Zwecken eine 'Festlichkeit. Harmlose Menschen, auch Christen, finden sich ein, um einige Stunden im geselligen Kreise zu verbringen und ihr Scherflein auf dem Altar der Wohltätigkeit zu opfern. Da fliegt die Bombe in den Saal — und die Wirkung: zerfetzte Mensohenleiber,. abgerissene Glieder, spritzendes Hirn und Ströme von Blut. Der Knall der Todesbombe von Csongräd erschüttert die ganze Welt. Aber getroffen sind nicht nur die etlichen Toten und Verletzten, getroffen von dieser ruchlosen Tat ist vor allem Ungarn und das magyarische Volk, welches solange mit dem Prädikat der Ritterlichkeit prunkte. Die Csongräder Bestialität ist nur ein Glied mehr in einer Kette gleichartiger Verbrechen, die bereits vorangegangen sind und die vielleicht noch nachfolgen werden. Man hat angeblich die Täter ergriffen und wird mit ihnen verfahren, wie es derzeit in Ungarn mit solchen Verbrechern üblich ist. Mit hochtönenden Worten erklären die Sprecher der Regierung, daß mit rücksichtsloser Strenge eingeschritten werden soll. Aber nach einigen Wochen! Untersuchungshaft wird man die Festgenommenen freilassen, wie man die Bombenwerfer vom Elisabethstädter Klub und das ganze Gesindel freigelassen hat, welches nach dem Einzüge Horthys iri Budapest Juden in den Kasernenkellern gemartert und getötet und in der Donau ertränkt hat. D e n*n Horthy ist Horthy und Ivan Hejas ist sein Prophet. Alle Verschleierungskünste des Grafen Bethlen und seiner Ministertrabanten helfen über die Erkenntnis nicht hinweg, daß der derzeitige Reichsverweser Ungarns seine .schützende Hand über alle Mordgesellen hält und daß neben .der verantwortlichen Regierung und über sie hinweg eine unverantwortliche Gewalt mit brutaler Willkür und hunnischer Grausamkeit die Geschicke des Landes lenkt. Für das Verbrechen von Csongräd - und alle vorangegangenen Bombenattentate gäbe es nur eine einzige Sühne: Die Entfernung Horthys vom Sitze der höchsten Macht und seiner militärischen Spießgesellen aus ihren offenen oder versteckten Schlupfwinkeln. Und das Mittel hierzu liegt in den Händen Europas. Der Völkerbund müßte die Bewilligung einer Anleihe für das am Rande des finanziellen Abgrundes stehende Ungarn solange verweigern, bis die gesetzmäßige Ordnung und die Rechtssicherheit für jeden einzelnen Bewohner, mögen tes Juden oder Christen sein, wieder hergestellt erscheint. Aber kann sich denn Ungarn nicht auf berühmte Muster berufen? Ist nicht im Herzen Europas, im Reiche der Zucht und Sitte, im Volke der Ljichter und Denker derselbe Zustand der Zuchtlosigkeit, der feigen Niedertracht und der blutrünstigen Mordgier eingerissen wie unter den Nachkommen Arpäds? Die Schüsse, die Walther Rathenau niederstreckten, die Mordplänc Hitlers und Ludcndorirs, die Austreibung von Juden au.-» Bayern und die Gehässigkeiten der österreichischen Hakenkreuzler -- seien es Studenten oder Professoren — gegen die jüdischen Studenten entspringen demselben Geiste wie der Bombenwurf von Csongräd. Eine ungeheure Welle der Grausamkeit, der Roheit und des Hasses geht durch die alte Welt. Vergessen ist die Erkenntnis, daß alles, was Menschenantlirz trägt, im Ebenbilde Gottes geboren ist und daß der Rtif: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden!" über den Pforten eines Messianischen Reiches leuchten; sollte. Es nützt nichts, daß gerade in der letzten Zeit alle Anklagen und Beschuldigungen gegen die Juden als eitel Lüge und Verleumdung aufgedeckt wurden. Ueberall dort, wo die bösen Instinkte der Massen aufgewühlt, wo die Schuld unfähiger Führer auf andere überwälzt werden soll, muß der Jude als Sündenbock dienen. In bedrohlichem Maße verdichtet sich der Judenhaß in aller Welt und mahnt uns an die Notwendigkeit, uns zu sammeln und über alle inneren Parteiungen hinweg die Hände zu reichen zu einmütiger und geschlossener Abwehr unserer .Feinde. Möge Israel die Zeichen der Zeit verstehen! —sch— Mitteilungen des Zentralvorstandes. , Die Beiträge für das Jahr 1924. Wir haben die Posterlagscheine zur Einzahlung der Jahresbeiträge pro 1924 zunächst für unsere Wiener Mitglieder bereits zur Versendung gebracht und wir bitten dringend, daß dieselben so rasch als möglich eingezahlt werden. Der Mindestbeitrag wurde, wie bereits erwähnt, auf K 30.000 oder 2 Friede nsk rotten festgesetzt. Der Zentralvorstand war sich der Bedeutung dieser namhaften Erhöhung wohl bewußt, allein der Umfang und die Wichtigkeit der Aufgaben, welche der „Union deutschösterreichischer Juden" obliegen, ließen angesichts der fortdauernden Steigerung aller Ausgaben durch die sprunghafte Errfömmg der Porti, der Telephon- und Telegrammgebührem, der Reiseauslagen, der Bürospesen und die unausweichlichen Notwemdigkeü, auch die Gehalte des Personal endlich den Zeitverhältnissen anzupassen, eine geringere Bemessung des Mindestbeitrages nicht zu. Wir richten an alle Mitglieder und Freunde die dringende Bitte, uns ihre Treue und Opfer Willigkeit auch weiterhin zu bewahren und den Fortbestand unseres Rechtsschutzes dauernd zu sichern. Aus unseren Rechtsschutz- und Abwehrbüro. Abbau jüdischer Beamten. Der Abbau von im Dienste des österreichischen Staates stehenden Beamten machte unter dem Drucke Zimmermanns rasche Fortschritte. Dies gilt insbesondere von dem Abbau der Staats bahn beamten. Ihre Zahl ist in Anbetracht der Verkleinerung des Netzes, des Stillstandes des Verkehrs und der Aufnahme von aus den Nationalstaaten nach dem Zusammenbruche geflüchteten deutschen Beamten tatsächlich eine ganz unverhältnismäßig hohe. Zu den Abgebauten gehören auch jüdische Beamte. Insbesondere wurden in letzter Zeit eine größere Anzahl jüdischer Beamter bei der Landesbahndirektion Wien-Nordost abgebaut. Manche fernstehende Beobachter dieser Vorgänge glauben darin eine judenfeindliche Maßregel zu erblicken. Diese Annahme ist jedoch vollkommen unbegründet. Der Abbau bei dieser Direktion vollzieht sich vollkommen auf gesetzlicher Grundlage. Bloß das erreichte Dienstalter ist für den Abbau entscheidend. Wenn hierdurch eine größere Zahl von jüdischen Beamten getroffen wird, hat dies seinen Grund in Folgendem: Diese Direktion ist aus den ehemaligen Privatbahnen Nord-, Noröwestbahn und Staatseisenbahngesellschaft hervorgegangen. Bei diesen Bahnen war jüdisches Kapital stark vertreten. Die leitenden Personen dieser Unternehmungen, zum Beispiel Taussig und Jeitteles, stellten häufig jüdische Beamte in allen Dienstzweigen an. Daher kommt es, daß auch der Abbau jetzt unter ihnen stark platzgredit. Dr. W.

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