Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 2 (11.1.1924)
- Date
- 1924-01-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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jitgirinragin«wwgOT»«»ra^ i I Wien m .!! Berggassae 4 j öep > w V - ' •'./.'*'. 1 '\ i "'" ( „Union diWhöstermiclii^fiief Juden'' | inmintMtffliii annm 5 Postsparkassen-Konto 3 Nr. »46«" v I Telephon Kr. 11*1-11 j iinimnifHiomHiiiiMHlilMi | Üniv.-Prpfessor Dr. Leopold Königstein. Wir haben einen treuen Freund, einen aufrechten und mutigen Kämpfer für Ehre und1 Recht des Judentums verloren. Am 2. Jänner ist unser Vorstandsmitglied Univ.-Professör Dr. Leopold Königstein einer akuten Lungenentzündung erlegen. Es ist nicht ein konventioneller Nachruf, den wir hier dem' Verblichenen widmen. Sein Hinfang erfüllt uns mit tiefster und aufrichtigster Trauer, denn wir verlieren in ihm einen Mann von wahrem Seelenadel, von unendlicher Güte und von tiefem Verständnisse für die Arbeit, welche die „Union deutschösterreichischer Juden" seit vier Dezennien zu leisten hat. Professor Königstein zählte zu den Zierden der Wiener Universität. Er war einer der hervorragendsten Augenärzte und seine wissenschaftliche Bedeutung, die von anderer Seite entsprechend gewürdigt werden wird, war in der ganzen Welt anerkannt. Aber sowohl als Arzt wie als Lehrer /und als Kämpfer für das Recht war Professor Königstein vor allem Mensch! Ein Mensch im edelsten und umfassendsten Sinne des Wortes. Er war die Verkörperung von Güte, Liebe und .Wohlwollen. Im Herzen jung geblieben bis ins späte Alter, umgab ihn auch körperlich ein Hauch von anmutiger Kindlichkeit, von herzgewinnender^ Liebenswürdigkeit, die nicht äußerlich zur Schau getragen war, sondern aus seinem innersten Wesen emporwuchs. Aber diese Milde konnte sich zu starkem Trotze, zu unbeugsamem Widerstande wandeln, wenn es galt, für das Recht der Unterdrückten, für das Wohl der Mühsetigen und Beladenen einzutreten. Im stillen Kreise, im Kuratorium der Baron Hirsch-Stiftung, in tler Wirtschaftorganisation der Aerzte, im Humanitätsverein B'nai Brith hat Professor Königstein jahrzehntelang unermüdlich diese seine charitative Tätigkeit geübt. Er hat die Gebeugten aufgerichtet, den Armen geholfen und die Tränen der Witwen und Waisen getrocknet. Wer ihm nahestand, war im Banne dieser edlen, hochherzigen und bescheidenen Persönlichkeit, die für sich nichts, für das Gemeinwohl jedoch alles erstrebte. In die breite Öeffentlichkeit trat Professor Königstein erst bei den letzten Kultuswahlen. Auch hier führte ihn die Sorge um die Erhaltung der Kultusgemeinde, einer Institution, welche, zum großen Teile Aufgaben*der sozialen Fürsorge zu bewältigen hat, an die Spitze des Wahlkomitees der nichtnationalen Judenschaft. Wie er, der Siebzigjährige, mit jugendlichem Feuereifer, mit hinreißender Beredsamkeit, mit unermüdlicher geistiger ,und körperlicher Elastizität diesen Wahlkampf siegreich durchgeführt hat, darüber sind nicht nur seine Freunde, sondern auch seine damaligen Gegner nur eines Sinnes. Aber auch in diesem Kampfe offenbarte sich die vornehme Prägung seines Wesens. Er trat der Gegenpartei stets rein sachlich entgegen und trotz heftiger Anfeindungen von der anderen Seite vergaß er doch keinen Augenblick, daß auch die.Wahlgegner Juden seien und daß trotz der momentanen Kampfstellung uns wichtige und weittragende Interessen mit denselben verbinden. Diese lebendige Empfindung der Gemeinsamkeit alles Jüdischen hat er nie verleugnet und er bekundete sie auch wieder praktisch bei den letzten Nationalratswahlen, bei welchen er sich, im Vorstande der „Union" entschieden für die Bildung der „J ü d ischen W ahl gerne inschaft" einsetzte. Als ein Dreiundsiebzigjähriger bezog er abermals mit Lust und Freude das politische Kampffeld, und trat in zahlreichen Versammlungen mit jener herzgewinnenden Art, die ihn auszeichnete, für die Idee dieser Gemeinschaft ein. Es war. seine stete Sorge, auch die jüdische Jugend mit dem Glauben an die idealen Werte des* Judentums zu erfüllen und in dieser Jugend neue Kämpferscharen für die soziale und geschichtliche Geltung der Judenheit heranzuziehen. Noch vor wenigen Wochen erschien er in einer jüdischen Studentenversammlung, umjubelt und umbraust von der Begeisterung der jungen Akademiker auf der Rednertribüne, um die Schmach und Kulturschande der Bestrebungen zur Einführung des Numerus clausus mit zündenden Worten zu geißeln. „Es will mir nicht in den Sinn, ich kann es nicht begreifen," so begann er seine Rede, „daß an der Wiener Alma mater, der ich mit Stolz angehöre, an einer Stätte, welche die Universalität der Wissenschaft verbünden soll, Unterschieide nach Religion, Sprache und Nationalität gemacht werden sollen." Und er hat es tatsächlich nicht begriffen, er hat es empfunden, daß er in eine Zeit hineingeraten war, welche die Abkehr von allem Menschlichen, von allem Hohen, von allem Weltumfassenden predigt, und hätte in seinen letzten Stunden nicht ein gütiges Geschick seinen im Leben so regen Geist umschattet, so hätte er mit dem alten Attinghausen in Schillers „Wilhelm Teil" dieser Welt Lebewohl sagen können) mit den Worten: „Unter der Erde schon ist meine Zeit, Wohl dem, der mit der neuen nicht mehr braucht zu leben." Und doch — wir wollen uns von der Resignation dieser Verse nicht ankränkeln lassen. Wir wollen die Arbeit Professor Dr. Königsteins fortführen mit aller Kraft und allem jugendlichen Eifer, die er besessen, milde in der Form, wohlwollend gegen jedermann, der unseres Blutes ist, aber scharf und schneidig gegen alle Feinde des Judentums und der •Kulturmenschheit!! Siegfried Fleischer. * * * Das Leichenbegängnis Prof. Dr. Königstein s fand Freitag, den 4. <L M., statt. Eine tausendköpfige Menge war erschienen, um einem der Besten unserer Stadt die letzt« Ehre zu erweisen, war doch dieser Führer der Wiener Judenschaft in deren Kreisen wegen seines sonnigen Wesens ungemein beliebt. Außer den Famailienmitgliedeni bemerkte man in der Trauergemeinde u. a.: Für die KultusgemeiTiide Präsident Professor Dr A. Pick und die Vorsteher Bezirksrat J. Berger, D. Dohan, Börsenrat I. Glück, Baurat W. Kempler, Dr. Leo Landau, Gemeainderat Dr. PTasoihkes, Isidor Schwarz, sowie Vertreter des Bethausvorstandes und der