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Die Wahrheit · 1924-01-11 · Heft 2 (11.1.1924) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 2 (11.1.1924)
Date
1924-01-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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in der Qunst des Volkes, denn viele Not hat der Tote im Volke gelindert, wenn es «alt zu helfen. Die edelste Kunst lebte in ihm, dfe Kunst edelsten Lebens für andere. So ward er aller Menschen Freund, arm und reich, hoch unü niedrig, sie liebten ihn um seines Herzens willen. In diesem Zimmer hat sein Herz seine stillen Feierstunden.gehalten, hier schöpfte er seine Schöpferkraft im Verein mit seinen Geschwistern und jenen, deiieh wir noch danken für die hingebende Treue und Sorgfalt, mit der sie ihn gewartet bis zum letzten Atemzug. Verstummt ist nun sein Spiel, doch von der Harfe Davids geht die Sage, zu seinen Häup'ten hänge die Harfe, und wenn der Nachtwind weht, klingen die Saiten. So auch bei unserem Freunde, der auch wieder lebendig wird in unserem Gedenken. Sein Name wird in unserem Herzen sein und da immerfort heu erstehen all das, was er uns war und was er uns bleiben wird zu allen Zeiten. Alfred Grünfeld, der große Künstler, der edle Mensch, der treue Jude! Nach diesen zu Herzen gehenden Worten sprach Prof. Dr. A. Pick, der hervorhob, daß der Dahingeschiedene seine Kunst stets in den Dienst der Wohltätigkeit gestellt habe. Noch in den letzten Tagen sollte Grünfeld zu einem Konzert für die israelitischen Waisenhäuser kommen, doch seine physischen Kräfte reichten nicht mehr aus, diesen Vorsatz durchzuführen. Unsere Liebe geleitet ihn zu Grabe. Grünfeld wird immer unvergeßlich sein! Nun stimmte -Oberkantor M a r g u 1 i e s einen Trauerchoral an. Sodann wurde der Sarg unter Absingung von Trauergesängen über die Treppe hinab zu dem. vierspännigen Galaleichenwagen getragen, der zum Musikvereinssaal fuhr. Das Vestibül des Gebäudes war in einem Trauersaal umgewandelt. Bei offener Tür klang aus dem großen Saal ein Orgelpräludium herüber, das Professor V a 1 k e r spielte. Dann trug das SjTnphonieorchester tief ergreifend das Adagio aus der VII. Symphonie vor. Hierauf trat Bürgermeister Seitz an den Sarg und hielt einen Nachruf, in dem er sagte, daß an der Bahre Grünfelds nicht nur die Mitglieder der Familie, nicht nur die Künstler Wiens, die Berufsgenossen stehen, sondern auch die Stadt Wien trauere, die ihm eine zweite Heimat geworden sei und deren Bürger G r ü n f e 1 d war. Er danke Grünfeld, daß er zu uns gekommen, er danke ihm für das viele Schöne, das er durch Jahrzehnte geboten, womit er die Herzen der Wiener erfreute. An G rni n f e 1 d habe man die Güte seines Herfens-, seine Liebe, seine Menschlichkeit immer bewundert. Unvergeßlich sei er, der mit seinem Liebesdurste immer wieder Liebe gespendet habe; unvergeßlich sei der Mann, der, kräftig und stark, aber dennoch mit so zarten Händen die Herfen der Wiener entzücken konnte. Es war kein Zufall, daß Grünfeld zu uns kam, daß er bei uns blieb, denn all das, was wir an ihm als Künstler bewunderten, seine innere Kraft, Elastizität, Anpassungsfähigkeit, der edle Sinn, der aus seiner Kunst sprach, die Liebe zu den Menschen, war den Wienern ein Widersoiel ihres eigenen Wesens. Wir haben ihn zu seinem siebzigsten Geburtstag zum Bürger ernannt, und als solcher wird er in unserem Gedächnis fortleben. Wenn wirheute von ihm Abschied nehmen, dem größten Künstler Wiens, dann bietet sich uns nur der Trost, daß das, was er 'so reich gespendet hat, in uns fortlebt, und wir werden uns an den echten Wiener Alfred Grünfeld erinnern, der sich nicht gescheut hat, hinauszugehen zu den entlegensten Spitälern, um den unglücklichen Opfern des Krieges Freude und Aufrichtung zu spenden, der überall eingegriffen hat, wo es galt, im Dienste; der Humanität der leidenden Menschheit zu wirken, der nicht seinen Beruf darin fand, auf einsamer Höhe zu thronen, sondern seinen Stolz darein setzte, mit seiner Kunst der guten .Sache zu dienen und damit die Stadt zu fördern, in der er lebte und die seine Heimat geworden ist. Der warme, persönliche Ton, der die Worte des Bürgermeisters beherrschte, kehrte wieder bei den übrigen Rednern der verschiedenen Wiener Musikervereinigungen. Nach diesen war die Feier zu Ende und indes sich die Halle leerte, wurde der Sarg wieder zum Trauerwagen getragen, der zur letzten Ruhestätte*) Alfred Grünfelds, des großen Meisters, fuhr. *) Ein Ehrengrab der Stadt Wien. Wie es im letzten Moment — nicht „im Einvernehmen mit der israelitischen Kultusgemeinde'', wie einige Zeitungen meldeten — zur Widmung dieses Grabes kam, werden wir in der nächsten Nummer berichten. Vom Volke Israel. Von Nietzsche. In einem Prozeß - um die „Geheüimisse der Weisen von Zion" hat deren Heransgeber, der Hauptmann a. D. Müller von Hausen, dieser Tage erklärt, daß „alle großen Männer, von Homer bis Nietzsche, geschworene Feinde des judehtums,, gewesen seien. Zu den Schauspielen, auf welche uns das nächste Jahrhundert einladet, gehört die Entscheidung im Schicksäte der der europäischen Juden. Daß sie ihren Würfel geworfen, ihren Rubikon überschritten haben, greift man jetzt mit beiden Händen: es bleibt ihnen nur nech übrig, entweder die Herren Europas zu werden oder Europa zu verlieren, so wie sie einst vor langen Zeiten Aegypten verloren, wo sie sich vor eiri ähnliches Entweder-Oder gestellt hatten. In Europa aber habien sie eine Schuld von achtzehn Jahrhunderten durch gemacht, wie sie hier kein aiideres Volk, aufweisen kann, und zwar so, daß nicht eben der Gemeinschaft, aber um so mehr den Einzelnen die Erfahrungen dieser entsetzlichen Uebungszeit zugute gekommen sind. In Folge davon sind die seelischen und geistigen Hilfsquellen bei den jetzigen Juden außerordentlich; sie greifen in der Not am seltensten von allen, die Europa bewohnen, zum Becher oder zum Selbstmord, um einer tiefen Verlegenheit zu entgehen —- was dem geringer Begabten so nahe liegt. Jeder Jude hat in der Geschichte seiner Väter und Großväter eine Fundgrube von Beispielen kältester Besonnenheit und Beharrlichkeit in furchtbaren Lagen," von feinster Ueberlistimg und Ausnutzung des Unglücks und des Zufalls; ihre Tapferkeit unter dem Deckmantel erbärmlicher Unterwerfung, ihr Heroismus im spernere se sperni übertrifft die Tugenden aller Heilige». Man hat sie verächtlich machen wollen dadurch, daß man sie zwei Jahrtausende verächtlich behandelte und ihnen den Zugang zu allen. Ehren, zu allem Ehrbaren verwehrte, dafür sie um so" tiefer in die schmutzigen Gewerbe hineinstieß — und wahrhaftig, sie sind; unter dieser Prozedur nicht reinlicher geworden. Aber verächtlich? Sie haben selber nie aufgehört, sich zu den höchsten Dingen berufen zu glauben, und ebenso haben die lugenden aller Leidenden nie aufgehört, sie zu schmücken. Die Art, wie sie ihre Väter und ihre Kinder ehren, die Vernunft ihrer Ehen und Ehesitten zeichnet sie imter allen Europäern aus. Zu alledem verstanden sie es, ein Gefühl der Macht und der ewigen Rache sich aus eben den Gewerben zu schaffen, welche man ihnen überließ (oder denen man sie überließ): man muß es zur Entschuldigung selbst ihres Wuchers sagen, daß sie ohne diese gelegentliche angenehme und nützliche Folterung ihrer Verächter es schwerlich ausgehalten hätten,* sich so lange selbst zu achten. Denn unsere Achtung vor uns selber ist daran gebunden, daß wir Wiedervergeltung im Guten und Schlimmen üben können. Dabei reißt sie ihre Rache nicht leicht zu weit: de-nai sie haben alle die Freisinnigkeit, auch die der Seele, zu welcher der häufige Wechsel des Ortes, des Klimas, der Sitten von Nachbarn und Unterdrückern den Menschen erzieht, sie besitzen die bei weitem größte Erfahrung in allem menschlichen Verkehre und üben selbst in der Leidenschaft noch die Vorsicht dieser Erfahrung. Ihrer geistigen Geschmeidigkeit und Gewitztheit sind sie so sicher, daß sie nie, selbst in der bittersten . Lage, es nötig haben, mit der physischen Kraft, als grobe Arbeiter, Lastträger, Ackerbaüsklaven ihr Brot zu erwerben. Ihren Manieren merkt man noch an, daß man ihnen niemals ritterlich vornehme Empfindungen in die Seele und schöne Waffen um den Leib gegeben hat: etwas Zudringliches wechselt mit einer oft zärtlichen, fast stets peinlichem Unterwürfigkeit. Aber jetzt, da sie unvermeidlich von Jahr zu Jahr mehr sich mit dem besten Adel Europas verschwägern, werden sie bald eine gute Erbschaft von Maniereh des Geistes gemacht haben: so daß sie in hundert Jahren schon vornehm genug dreinschauen werden, unr als Herren bei .den ihnen Unterworfenen nicht Scham zu erregen. Und darauf kommt es an! Sie wissen selber am besten, daß an eine Eroberung Europas und an irgendwelche Gewaltsamkeit für sie nicht zu denken ist: wohl aber, daß Europa irgendwann einmal wie eine völlig reife Frucht ihnen in die Hand fallen dürfte, welche sich ihr nur leicht entgegenstreckt. Inzwischen haben sie dazu nötig, auf allen Gebieten der europäischen Auszeichnung sich auszuzeichnen und unter den Ersten zu stehen: bis sie es so weit bringen, das, was auszeichnen soll, selber zu bestimmen. Dann werden sie die Erfinder und Wegzeiger der Europäer heißen und nicht mehr deren Scham beleidigen. Und woliin

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