Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 2 (11.1.1924)
- Date
- 1924-01-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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H Nr. 2 _ DIE WAHRHEIT Seats 5 Wenn auch gewisse Kreise es nicht Wort haben wollen, daß für die judische und die Wiener Seele in einer Brust Raum wäre, der Hingeschiedene ist ein versöhnender Protest geigen solche Auffassung. Hier sehen wir gottgewollte! Assimilation. Grünfeld konnte keine Taste anschlagen, ohne daß die besondere Wiener Note, Wiener Leben mitklang und schwang. Darin lag das scheinbare Rätsel, das Geheimnis seiner Erfolge. Wie der darstellende Künstler dem Werke des Dichters durch innerliches Erfassen, Anschauen und empfindendes Interpretieren die eigentliche Durchschlagskraft gibt, so Alfred G r ü n f e 1 d, der aus Wiener Tondichtungen das Wesen, in unserem Falle das Wienerisch-Bodenständige, herausholte, zum Herzen des Hörers sprechen ließ. Deshalb war ein Grünfeld-Konzert stets ein Fest für die Wiener. In seiner schlichten Art, wie dieser Künstler sich gab, in dem Abweichen von jeder „Aufmachung", ganz besonders aber in seinem so oft betätigten Wohltätigkeitssinn, zeigte sich uns der wahrhafte Jude, der ohne Rücksicht auf Sonderzwecke jedem Rufe folgte, wenn es galt, Hilfsbedürftigen Beistand zu leisten. Ungezählt sind die Konzerte., die Alfred Grünfeld im Laufe der Jahrzehnte für humanitäre" Zwecke gegeben, unberechenbar der Segen, den er dadurch geschaffen. Wahrlich, das Judentum und das Wienertum haben) Anlaß, einen ihrer besten Söhne zu beklagen, einen ganzen Künstler- und einen prächtigen Menschen! '" Oskar Hirschfeld. Montag vormittags wurde Alfred Grünfeld zu Grabe getragen. Schon in den ersten Vormittagsstunden begann trotz des Schneewetters ein starker Zuzug zum Getreidemarkt, der bewies, wie tief die Trauer um diesen großen Toten in allen Kreisen Wiens ist. Die Begräbniszeremonie begann im Trauerlich in stilistischer Hinsicht und in der dichterischen Technik manche Berührungspunkte mit dem biblischen Buche. Im Gesamtinhalt aber damit verglichen, enthält das babylonische Jobgedicht eine polytheistische Verzerrung des Gottesgedankens; das jüdische Jobgedicht eineum Himmelshöhen reinere Darstellung des Gottesgedankens, und diese Tatsache 'hebt überhaupt die Heilige Schrift über alle literarischen Doppelgänger der Weltliteratur hinaus. Eine Gottesauffassung, wie sie etwa im Kapitel 38 des Buches Hiob zum Ausdruck kommt, ist dem außerbiblischen Jobgedicht fremdgeblieben. Die größte Schönheit des Buches bleibt seine Psychologie. Die Darstellung seines furchtbaren Seelcnkampfes, der in der Seele Hiobs tobt, ist in einter meisterhaften Form gesungen. Aber trotz alledem schreitet der Philosoph des Leidens Stufe um Stufe aufwärts bis zum Viktoriaruf im 19. Kapitel, der den seelischen Höhepunkt des ganzen Buches darstellt. „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt".... So sicher ist er dessen, daß er es auf eine Bleitafel schreiben und mit ins Grab nehmen, daß er es an eine Felswand schreiben und an der Heerstraße der Nachwelt zu lesen geben möchte. Der Verfasser des Buches Hieb ist mit Namen nicht bekannt. Er war ein Dichterfürst von Gottes-, gnaden und würde heute, kennten wir seinen Namen, zu den Allergrößten der Weltliteratur zählen. Herder wünschte solchen unbekannten Sängern: „Eme Blume blühe auf ihrem vergessenen Grabe!" hause. Hier war die Leiche G r ü n f e l d s j*n sogenannten Musikzimmer aufgebahrt, einem geräumigen Salon, in dessen Mitte der Katafalk errichtet war. Beim Kopfende des Sarges brannte das Totenlicht. Im anschließenden Salon hatten sich die Angehörigen Grünfelds, seihe drei Brüder, Professor Heinrich Grünfeld und Frau, der aus Berlin nach Wien gekommen war, der Oberst i. P. Ernst G r ü n f e 1 d und Frau sowie Direktor Ludwig Grünfeld und die Schwester Emma G r ü n f e 1 d versammelt. Nach 9 Uhr erschienen dann die engsten Freunde und Bekannten des Dahingeschiedenen, unter ihnen die beiden behandelnden Aerzte, der Hausarzt Dr. Ludwig B o e r und Professor Dr. Artur Klein samt Frau, Minister a. D. Banhans samt Frau, Präsident Josef Simo n, Dr. Hans Müller, Kommerzialrat Alfred Landesb erger mit Gemahlin, Vizekonsul Henry P o 11 a k, Dr. Ernst Lothar samt Frau, Direktor Otto David samt Gemahlin, Robert Kern, Direktor Emil S o h r samt Frau, Raoul Leon Wer nb u r g, Regierungsrat Julius Stern und viele andere. Die Kultusgemeinde war durch eine Anzahl Vorsteher mit Präsident Professor Dr. A. Pick an der Spitze vertreten. Außerdem sah man eine größere Anzahl Abordnungen jüdisch-humanitärer Vereine, deren aufrichtiger Förderer der Verblicheue gewesen, eine Deputation des Oesterreichischen Kantorenverbandes mit Ehrenpräsidenten Oberkantor J. Bauer und Präsident J. L ö w i t, die I. Sekretäre der Gemeinde Dr. Adler und Fuchsgelb, Amtsleiter Freistadt und Tempelvcrwalter Max S c h w a g e r. Die Zeremonie wurde mit einem Choral erötinet, den Oberkantor Kaufmann unter Assistenz der Kantoren Funke und Matyas anstimmten. Sodann sprach Rabbiner Dr. Max G r u n w a I d ein Gebet und hielt einen Nachruf, in welchem er dem Dahingeschiedenen in seinen Werken pries. Er führte aus, daß das Judentum von Alfred G r ü n f e 1 d jetzt Abschied nehme, das Volk, das ihn geboren, der Glaube, in dem die Eltern ihn erzogen, die Gemeinschaft, zu der er stets treu und freudig sich bekannt habe. Er verglich den Toten mit David, dem Herrscher, dem Bezwinger der Herzen. Wenn David spicke, dann, sagt die Schrift, wich aus den Herzen der böse Geist, der die Menschen sich selbst und mit der Welt entzweite. Dieser Geist Davids waltete auch in dem Spiel des Dahingeschiedenen, und wie er nun mit königlichen Ehren gefeiert wird, so brauchte sein Spiel, ja nur sein Name zii ertönen und es schwieg alles, was die Menschen feindlich scheidet. So hoch er aber auch in seiner Kunst stand, sein Herz stand noch höher. Diese Proben werden geniigen, um unseren Lesern eine Vorstellung des Eindruckes zu geben, den die althebräische Literatur auf den Verfasser ausgeübt hat. Der Vortrag ist mit anderen Warschauer Vorträgen bei Widmann in Berlin erschienen. Uebrigens wird, wer die Geschichte des deutschen Antisemitismus kennt, von dieser Haltung eines deutschen katholischen Kirchenfürsten — von anderen Katholiken, wie D ö 11 i n g e r, dem Zentrumsführer Dr. Lieber usw. sei iiier nicht die 'Rede — nicht überrascht sein. Außer vielen anderen Bischöfen war es besonders der Kölner Kardinal Dr. Fischer, der bei jeder Gelegenheit gegen die Antisemiten öffentlich Stellung genommen, auch an den Sammlungen für die Opfer der russischen Pogrome sich beteiligt hat. Der verstorbene Würzburger Erzbischof Drw von Stork äußerte sich einem Mitarbeiter der „Neuen Freien Presse" gegenüber zu der Frage, ob er Antisemit sei, wie folgt: „Ich antworte Nein, und zwar aus drei Gründen: 1. bin ich Mensch und darf als solcher nicht hassen, 2. bin ich Christ und muß als solcher meine Nächsten lieben, und 3. bin ich überzeugt, daß dieser Schlamm des Antisemitismus auch noch unsere heilige Kirche bespritzen wird!*' Wie zutreffend diese Voraussicht war, zeigen jetzt die Vorfälle in Deutschland. Die Parole der erwachenden Deutschen lautet: „Los von Juda und -Rom!" Dr. .0.