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Die Wahrheit · 1924-01-11 · Heft 2 (11.1.1924) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 2 (11.1.1924)
Date
1924-01-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 2 lieben eben dieses Wien, und dafür steigen auch sie zur bevorzugten Klasse seiner Lieblinge. Es ist dies eine gewissermaßen^ rückschauende Betrachtung, denn die jetzt so ganz anders beschaffene Wiener Luft ist nicht die Atmosphäre, in der Lieblinge gedeihen können. Auch unter den Pianisten ist eine neue Generation herangewachsen. Aber, wenn man bedenkt, daß allgemach die großen Meister, die vor Jahrzehnten so machtvoll am Werke waren, von uns gegangen und nun auch als einer der letzten, die ewige Jugend im Busen noch schaffensfroh unter uns wandelten, Alfred G r ü n f e 1 d, so hat sich der am 4. Jänner nach langem, qualvollem Leiden gestorbene Künstler in dem Herzen jedes wahren Wiener Musikfreundes sein Plätzchen gesichert, aus dem er nicht so bald verdrängt werden kann. Es ist hier nicht der Platz für kunstkritische, schematische Wertungen Prof. Alfred Grünfeldls, nicht für sein Virtuosentum oder die Sonderheit seiner vollendeten Technik; darüber wird aus berufener Feder in den letzten Tagen viel in den Tageszeitungen erzählt, liier sei nur kurz sein Lebenswandel skizziert. Alfred Grünfeld wurde in Prag am 4. Juli 1852 geboren, wo er den ersten Klavierunterricht und in Berlin die höhere Ausbildung erhielt. 1875 gab er sein erstes Konzert auf der Wiener Weltausstellung und hatte einen vollen Erfolg. Kurze Zeit darauf machte er sich in Wien ansäßig. Bis zum Jahre 1879 gab er seine Konzerte im Bösendorfersaal, dann wurde der Raum für die wachsende Zah] seiner Bewunderer zu enge und er übersiedelte in den Großen Musikvereinssaal, wo er alljährlich zu Frühlingsbeginn sein eigenes Konzert gab, das in den letzten Jahren infolge des Andranges des Publikums ein- und zweimal wiederholt werden mußte. Im Jahre 1881 — er war damals 29 Jahre alt — wurde er zum Kammervirtuosen ernannt. Er machte — zum Teil gemeinsam mit seinem- Bruder Heinrich G r ü n f e I d, dem bekannten Cellisten — zahlreiche . Auslandstourneen, die ihn in die ganze Welt führten. Er war fünf zehnmal in Rußland und gab auf einer einzigen amerikanischen Konzertreise siebzig Konzerte in den Hauptstädten Nordamerikas. Johann Strauß war ihm ein persönlicher Freund; wie seiner Musik, brachte er besondere Liebe der Mozarts und Schuberts entgegen; lautete doch sein künstlerisches Bekenntnis: „I c h g 1 a u b e an Mozart, Schubert und Johann Strauß, an Jugend, Schönheit und Lebesfreude!" Deshalb war auch der Lebenswille des großen Künstlers ein unbändiger, er wird durch nichts mehr charakterisiert als durch die Tatsache, daß er, ein halber Leichnam, vor vierzehn Tagen gelegentlich eines* Rose-Quartetts öffentlich auftrat und mit seiner „Forelle" Begeisterung und Beifallssturm ebenso weckte, wie z. B. anläßlich des Festkonzertes zu steinern 70. Geburtstag, das im Juni 1922 im überfüllten Großen Musikvereinssaal bei tropischer Hitze stattfand. Auch als Komponist betätigte er sich und hat zahlreiche feine Klavierkompositionen, wie namentlich seine ungarische Phantasie op. 55, eine vor zwanzig Jahren im Theater an der Wien mit Erfolg aufgeführte Operette „Der Lebemann" und eine Oper „Die Schönen von Fogaras" geschrieben. Alfred Grünfeld war unverheiratet. Seine Schwester Emma wohnte jnit ihm gemeinsam am Getreidemarkt, wo ein gastfreundliches kunstfrohes Haus geführt wurde. Sie war es auch, die ihn mit aufopfernder Liebe und Treue bis zum Tod pflegte. Feuilleton Katholiken über Juden. (Schluß.) Die wissenschaftliche Forschung wird sich heute mehr und mehr darüber einig, daß die hebräische Dichtkunst im Zeilenbau kein siibenmessendes, auch kein silbenzählendes Metrum, wohl aber ein silbenbetonendes Metrum kannte, d. h. die Technik des Zeilenbaues hat die Silben nicht nach Länge und Kürze gemessen wie bei den griechischen Spondeen oder Jamben, auch nicht die Silben gezählt, sondern durch eine bestimmte Anzahl von betonten Silben im Wechsel von Tonhebung und Tonsenkung den Zeilenrhythmus geschaffen. Das hängt mit den Sprachgesetzen der hebräischen Sprache, vielleicht auch mit einem alten Tanzschrittakt zusammen. Als Beispiel gebe ich einen Siebentakter in der Verbindjung von 2 2 ■+- 3 betonten Silben. Gott erhebt sich — und seine Feinde zerstieben Die umfangreichste und für mich auch in der Kunstform am höchsten stehende Dichtung des Alten Bundes ist das Buch Hiob. Das Buch Hiob ist der tiefphilosophische und zugleich hochpoetische Versuch, das Welträtsel vom Woher des Leides zu lösen. Diese Frage wandert ewig durch die Menschheitsgeschichte, und jede Philosophie und jede Religion muß zu dieser Frage Rede und Antwort stehen, wenn sie Kredit haben will. Es ist die Hauptfrage des Parsismus und Manichäismus der alten Zeit, die Unterfrage der deutschen Faustsage und im tiefsten Grunde auch die Wurzel der neuzeitlichen sozialen Frage. Ein Abendländer hätte wohl diese Weltfrage nach dem Woher des Leides mit einer philosophisch-spekulativen Abhandlung erörtert. . Der rnorgenländische Verfasser des Hiob-Buches hat sich das Problem in einer einzelnen Persönlichkeit verkörpert. Hiob ist Vertreter der gesamten Menschheit; die Verkörperung einer Allerweltsfrage. Dadurch aber, daß der einzelne Leser des Buches in der biblischen Duldergestalt ein Stück von sich selber, ein Kapitel seiner persönlicheni Seelengeschichte wiederfindet, damit bekommt das Buch Hiob ein tief persönliches Interesse. Bekanntlich hat Goethe den Hiob-Prolog in seinem Faustprolog nachgedichtet. Mephisto ist der biblische Satan, hier wie dort, „der Geist, der stets verneint," ein „Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft". Der deutsche Dichterfürst hatte die dramatische .Wucht der biblischen Erzählung tief empfunden. Die letzten Jahre haben als Gegenstück zum biblischen Jobgedicht eine babylonische Jobsiade ausgegraben. Das babylonische Klagelied enthält ohne Zweifel tiefempfundene Stellen und nament-

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