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Die Wahrheit · 1924-01-11 · Heft 2 (11.1.1924) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 2 (11.1.1924)
Date
1924-01-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT DeatsciiösferreiclsiscDe Wochenschrift für ifldlsdie Interessen MM dem Deihlatt: Yeröttenflidiangen der „Union dealschöslerreidiisdier Jaden Redaktion und Administration: lf|en 11., Heineslrafie *3- - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 11. Jänner 1924 Nummer 2 Entgleisungen. Im Lager unserer vereinigten Widersacher ist Journalist gleichbedeutend für Jude. Wenn man auch hier die antisemitische Lüge und Uebertreibung abrechnet, bleibt doch die Tatsache bestehen, daß ein Großteil des Wiener Zeitimgsbetriebes in jüdischen Händen liegt. Daran wäre eigentlich nichts für die öffentliche Meinung Bedrohliches, denn schon vor mehr als fünfzig Jahren begegnete man derselben Erscheinung, ohne daß von irgend welcher Seite daran Anstoß genommen worden wäre. . Im Gegenteil, die rühmlichsten Vertreter der deutscharischen Publizistik — wir nennen bloß Kürnberger, Schlögl, Schembera, Johannes Ziegler, Abt Landsteiner u. a. — arbeiteten mit und neben den jüdischen Kollegen. Sie waren samt und sonders Gentlemens der Presse. Noch leben manche Repräsentanten der alten Wiener Schule, die an den ehrenwerten Traditionen festhalten. Die Nachkriegszeit hat indes bedauerlichen Wandel geschaffen, einen Wettbewerb auf den Plan gebracht, der einer neuen Göttin huldigt. Es ist die Sensation. Im,Rotwelsch des Zeitungsgewerbes heißt dies „eine Sache anzünden". Und es muß. täglich etwas angezündet -werden!. Wo käme sonst das Feuerchen her, die magere Bettelsuppe kochen zu können. Bei diesem Eilzugstempo der Sensation muß es notwendig auch zu Entgleisungen kommen. Sie kennt weder Schonung noch Rücksicht War gestern ein verdienter Staatsmann, dem Land und Volk zu Dank verpflichtet ist, das Brandopfer, so ist es heute ein Beamter, der so frei ist, in Stundenhotels nach Verkäuferinnen der freien Liebe zu fahnden oder die Schaustellung welken Fleisches bejahrter Nackttänzerinnen zu verbieten. Man erinnert sich wohl noch des Rummels, als den Gumpendorf er Lesbierinnen ihr Handwerk gelegt wurde; kommt es aber zu einer Extrasensation, dann ist erst recht der Teufel los. Der Ur-Schmock rühmte sich wie bekannt: „Ich kann schreiben rechts, ich kann schreiben links. Ich kann schreiben tief, witzig, brillant.". Armer Schacher, mit soichen Fähigkeiten lockt man keinen . Abonnenten zur Kassa. Der Neu-Schmock stellt •sich weit höhere Aufgaben. Er schreibt, wenn es der Ernstfall fordert, okkult, transzendental, psychoanalytisch. Gelegentlich des letzten Sensationsprozesses konnte man seine blauen Wunder sehen. Leute, deren Fach sonst Gemeindeangelegenheiten öder das Ausfragen fahrender Preisboxer ist, leuchteten mit dem Pfenniglicht rasch zusammengelesenen Wissens in die tiefstem Abgründe der weiblichen Verbrecherseele und nicht viel fehlte zu der Behauptung: „Dies Kind, kein Engel ist so rein, laßt eurer Gunst empfohlen sein!" Es galt, für die Angeklagte gegen den Verhandlungsleiter bei den Geschworenen Stimmung zu machen. Sonderbarerweise konnte diese Art Rechtündung und Rechtbeeinflussung unbehindert bleiben. Der besser empfindende Teil des Publikums ging schon damals nicht mit. Aber die peinliche Sache ist leider noch nicht endgültig erledigt. Die traurige Heidin wird noch immer ausgeschrotet, förmlich bis auf die letzte Faser ausgebeinelt. Der Skandal wird bereits zum Ekel. , ■ Wenn wir solches feststellen, so knüpft sich daran das lebhafteste Bedauern, daß solche Entgleisungen auf Rechnung jenes Teils der „Judenblätter" gestellt werden müssen, die hierdurch Wasser auf die antisemitische Mühle treiben, ns wäre vergeblich, ihnen zuzurufen: „Alle Juden bürgen für einander!" Diese Sensationsathleten nehmen es als persönliche Beleidigung, wenn man sie als Juden anspricht. Ebenso unzugänglich wären sie für die Mahnung Schillers: „Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, bewahret sie!" Der Menschheit Würde ist eine schöne Sache, aber sie läßt sich nicht in Geld umsetzen, noch hilft sie die Auflage zu erhöhen. Wie aber schützt man sich doch gegen diese Entgleisungen, die schließlich die Entgleiser selbst unters Rad bringen müssen? Das liegt unseres Erachtens beim Publikum selbst. Ist es richtig, daß jedes Land die Juden hat, die es verdient, so ist es auch richtig, daß jedes Publikum die Presse hat, die es duldet und fördert. Angesichts dieser Wahrheit gilt die Losung: Schach der schrankenlosen Sensationsmacherei! d. | Alfred Grflnfeld | Es gibt Namen, von deren altgewohntem Klange Empfindungen der Wärme und des innigen Behagens ausströmen, weil mit ihnen auch das Bewußtsein freudvollen Zusammenlebens, dankbarer Erinnerung an ideales Genießen verknüpft ist. Niemand besitzt für solches Innenleben größere Empfänglichkeit als der Wiener, dieser aus Frohnatur und "Seelentiefe harmonisch gebildete Typus. Seit jeher bestanden zwischen ihm und seinen Großen im Reiche der Kunsi kausale Wechselbeziehungen. Man glaubt behaupten zu dürfen, daß Beethoven, Schubert, Strauß, Vater und Söhne, Makart und viele andere .ihre sonnigen Höhen dem spezifisch Wienerischen1 verdanken, aus dem sie geschöpft und das sie, des Gottes voll, re-. flektiert haben. Ebenso beruht das Lieblingsverhältnis auf Wechseiseitigkeit. Die Erkorenen und Berufenen,'die dem Wiener die Alltagsprosa verklären,

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