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Die Wahrheit · 1924-01-02 · Heft 1 (2.1.1924) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 1 (2.1.1924)
Date
1924-01-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 1 DIE WAHRHEIT Seite 11 ^üdölf Seidens: „In Innsbruck wurde heuer ein neues Universitätsgebäude errichtet; der Bau hat viele Milliarden S5euergelder, auch jüdische Steuergelder verschlungen. Als him vor .wenigen Wochen mit dem Hochkchultietfieb feekonÜlfi wer'den könhle, wurde es bekannt, daß alle Lehrkanzeln ihre Chefs und Professoren unct Assistenten hätten, ausgenommen die Lehrkanzel für Gynäkologie an der medizinischen Fakultät, ich weiß nicht* ,ob, Iii, Innsbruck ein, halbes oder ein öder gät zwei Dtitzehd jüdische Studenten leben, ich wejß nicht, ob es dort eineri oder keinen Professor jüdischer. Abstammung gibt: Wie dem auch sei — man hätte an berufener Stelle -- gewiß nicht äug Sympathie zum Judentum — für die Vakante Lehrkanzel einen bekannten Wiener Gynäkologen in Vorschlag gebracht, der aber — die Rassenschnüffler hatten es gleich-heraus — irgendwie jüdischer Abstammung ist; obwohl er selbst nichts mehr mit dein Judöhtüni zu iiin haben will,..ob Wohl er Sogar antisemitisch orientiert sein soll — es hat Ihm nichts genützt. Er wurde höherenorts auf Betreiben der nicht studierenden, dafür randalierenden Studenten fallen gelassen. So hat Innsbruck eine neue, schöne Universität, aber sie ist unvollständig; und wenn nicht bald ein arischer Gynäkologe geboren wird, kahn es geschehen} daß die irihsbrucker Dpcto.res univ. med, tüchtige Rassehforscher im Sirine H. Sti Chathberlahte, aber keine Geburtshelfer sein werden: Denn die Herren Studenten haben Ausdauer, wenn es gilt, nicht zu studieren. Sie. vertreten den Gründsatz: lieÖej nichts wis.sen, als beiiii Juden zu lernen; lieber beim unfähigsten rein arischen Professor, als beim tüchtigsten jüdischen Lehrer inskribieren. Erst kommt die Rasse, dann das Hirn! Nicht nur in Innsbruck, auch an den übrigen österreichischen und reiehsdeutschen Hochschulen gilt dies Motto; Der Erfolg dieser Bestrebungen wird nicht ausbleiben: sie. werden reinrassiger werdehi diese Völkischen — auf Kosten der deutschen Wissenschaft und Kultur. Aber sie werden glücklich sein, die Armen im Geiste: denn sie werden schön unter sich sein. . . . Die Wahrheit über den Novembermord in München. Unter diesem Titel bringt der „Reichswart" in einer Sonderbeilage, derentwegen die Zeitschrift auch in Deutschland verböten . wurde, auf zwei Seiten Großfolio . einen langen und breiten Bericht Ludendörffs über' den verunglückten Hitler-Putsch. Es ist der mißlungene Verbuch, das auf die Tragödie erfolgte Satyrspiel ins Heldische umzubiegen. Von historischer oder absoluter Wahrheit ist bei der Druckerschwärzeverschwendung auch nicht ein Schatten bemerkbar. Dagegen sind die breitspurigen Darstellungen so komisch widerspruchsvoll, daß darob in München die Hühner lachen müßten. Wir glauben durch kleine Stichproben des Heiterkeitserfolges in Leserkreisen gewiß zu sein, wenn im folgenden ein Extrakt der „Reichswarf'-Wahrheit geboten wird. Nach dem Riesenpech der Novemberbewegung möchte das Blatt Reventlows glaubhaft machen,' der vielerwähnte Marsch auf Berlin sei nur bildlich zu verstehen gewesen. Die Konzentration bayerisch-reaktionärer Truppen auf thüringischem Gebiete mit-dem unverkennbaren Zweck, aufdie preußische Metropole lozuziehen, hat verdammt wenig Bild- Jiaftes gehabt. Von Ludendorff wird gefabelt, daß er versprochen habe, mitzutun, wenn er sich auf Lossow und die Reichswehr verlassen könnte. Auch bei dem kühnen Degen Ludendorff gilt Vorsicht als der Tapferkeit besserer Teil. Von der denkwürdigen Bürgerbräukeller-Szene heißt es, Hitler habe der Versammlung eine Ueberraschung bereiten wollen, und ebenso ergötzlich wird gesagt, daß zwei seiner Begleiter ihm mit vorgehaltenen Revolver einen Weg aufs, Rednerpult bahnten. Mit einem Revolver hat Hitler selbst den Herni von Kahr „überredet", nationalistisch zu werden. Wie dann Kahr und Lossow die Erpressung nicht gelten ließen und wie es dann zu dem Blutbad vor der Feldherrenhalle kam, ist furchtbar gruselig. Die reinste neue Bartholomäusnacht. Aber Gott verläßt die Seinen nicht. Ludendorff und Hitler sind durch ein Wunder am Leben geblieben, trotzdem sie als stolze deutsche Männer aufrecht durch den heftigsten Kugelregen des* Weges schritten. Womit eine Ehrenrettung dieser Patrioten geschehen soll, von denen Augenzeugen erklärten, daß der General und der Diktator sich. glatt auf den Bodein warfen, als es zu krachen anfing. Im ganzen war ja nur mit dem Demonstrationszug ein harmloser Spaziergang geplant, der sich den Bürger« bräukeller als Ziel gesetzt hatte. Es waren durchaus harmlose, gänzlich unbewaffnete Hitlerianer, unter denen der Verräter Kahr ein Blutbad anrichten ließ. Daß auf der Gegenseite mehrere Opfer gefallen sind, erkläre sich damit, daß aus deren eigenen Reihe geschossen wurde. „AufunsererSeite ist ganz sewfß kein Schuß gefallen!" 1 Theater, Kunst u. Literatur] Hermann Blumenthal: „GUgui." Ein Roman aus dieser und jener Welt. Verlag Rennaissance, Wien, Berlin, Leipzig* New-York. — Der "Autor gibt schon mit dem Untertitel seines Werkes einen Hinweis darauf, daß sich der Leser auf seelischmystische Vorgänge gefaßt tüäehen Soll. Er will die innerliche Läuterung seines Helden verfolgen, alles* was gewöhnlich die Hauptsache für ein episches Durehschnittsproduki bildet. Spannung, dramatischer ÄüiSaü und starke Konflikte beiseite schieben, um desto tiefer in Psychisches einziidrIngen, Frag;- los, daß sich der Dichter, der jeder Konzession an billige» Publikumsgeschma,ck ausgewichen, ist, mit dem Beifall der Nachdenklichen wird zuirieüen geben und vielleicht, auch aüf große Resonanz wird verzichten müssen. Das mag ihn wenig kümmern. Alle, denen Religion nicht Lippendienst, sondern Herzenssache ist, die-keine Enge des Dogmas, sondern lediglich die Gebote freier, in der Freiheit verantwortungsvoller Menschlichkeit anerkennen* werden dem Dichter freudig zustimmen und in der zum ergreifenden Symbol erhöhten Figur des Elieser das Sinnbild der leidenden, verkannten und schließlich dqch sieghaften AÜgüte erblicken; Stets muß der Gereift Abgeklärte für die Sünden der Kleinen die Bürde auf sich nehmen. Wohl uns, Wenn wir angesichts der täglichen Wirrnisse noch• den Mut besitaeh, ein Idealbild aufzurichten: Hermann Blumenthal nennt ihn sein eigen; er geleitet uns mit ruhiger, fester Hand in die reine Welt des Geistigen, Iii unsere echte Heimat. Dr. Otto Fröhlich (Wien). Erinnerungen eines Achtzigjährigen. Von Dr. med. Franziska Tiburtius* mit einem Bildnis der Verfasserin. Verlag von C; A. Sehwetschke & Sohn, Berlin. — Ein liebes trautes Buch, fern dem aufdringlichen Getue, wie es heute den Jahrmarkt der Literatur beherrscht* Solche seltene Bücher Wirken auch auf den verdorbenen Geschmack des Lesers wie" ein Trunk aus springendem Quell, wie eine frisch gebrochene Gartenfrucht. Deshalb sind die bescheidenen Zweifel der Verfasserin, ob. sie ihre Persönlichkeit zum Gegenstände der Memoiren machen dürfe, nicht begründet. Denn was fesselt und interessiert den Durchschnittsleser von landläufigen Wald- und Wiesenromanen? Doch wohl hauptsächlich, zu verfolgen, wie der Held sich mit dem Leben auseinandersetzt, wie er das Schicksal zwingt und meistert. Und in diesen Erinnerungen einer Achtzigjährigen isf reiches Leben, nicht alltägliches Schicksal, verknüpft mit Schilderungen der Zeiten und Menschen wie Schuß und Kette in einem Gewebe. Franziska Tiburtius schildert ihrer Kindheit Tage, verbracht unter den Deutschesten der Deutschen. Typen und Originale der ernsten Ditmarschen. Ihre erste Etappe als Erzieherin macht uns mit dem uralten Adel und seinen oft degenerierten oder pathologischen Erscheinungen bekannt. Ihre Erfahrungen aus England muten wie ein Kapitel aus einem Dickenschen Roman an, wie denn auch manche andere Stellen der Erinnerungen zeigen, daß die Achtzigjährige sich den Sinn für Humor bewahrt hat. Die große Wende ihres Daseins beginnt mit der Wahl des ärztlichen Berufes. Hier gewinnen wir Einblick in die Zustände der weiblichen Studierenden an der Züricher Universität und die Engstirnigkeit der preußischen Behörden, die noch sieben Jahre nach dem deutsch-französischen Kriege weibliche Aerzte vom Standpunkt des Gewerbegesetzes behandelten. Ergötzliche Anekdoten, selbst vom Hofe des Kaisers Friedrich, sind in diese kulturhistorischen Bilder eingestreut. Ueberall merkt man den diagnostischen Scharfblick, der verr borgene Leiden und Gebrechen der sozialen Gesellschaft feststellt, überall die Persönlichkeit einer starken, tapferen, klugen und grundgütigen Frau, die sich zuletzt entsagend auf ihr Altenteil zurückzieht. „Mein Leben war köstlich, denn es war Mühe und Arbeit", sagt Franziska Tiburtius mit dem Psalmisten. Mit lebhafter Teilnahme folgen wir dies°n schönen. Ehrsamen Erinnerungen. Trägt doch jeder reife Mensch sein Vineta in sich und lauscht gerne am stillen Abend hingegeben den verr sttnkenen Glocken, die aus der Tiefe des unbewegten Meeres leise wehmütige Klänge emporsenden. d. Heinrich Reuss: .Jüdische Märchen und Sagen." Zweite Auflage. Verlag Louis Lamm, Berlin 1521. — Jeder geübte und erfahrene Schriftsteller weiß, daß es zumeist viel leichter ist, eine Novelle oder Skizze zu schreiben, als ein Märchen, denn nicht nur Phantasie und Erfindungsgabe sind dazu nötig — ohne Phantasie keine Dichtkunst —, sondern vor allem instinktive . Anpassungsfähigkeit an den'jugendlichen Leserkreis Gewohnte und geliebte Gestalten müssen neu belebt, die

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