Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 1 (2.1.1924)
- Date
- 1924-01-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 1 Eio Antisemit, der umgelernt bat. In der ungarischen Nationalversammlung hat sich dieser Tage eine bemerkenswerte Episode abgespielt. Der antisemitische Abgeordnete Lendvai verlas im Rahmen einer Interpellation eine vor 20 Jahren erschienene antisemitischer7! ug s c h r i f t aus der Feder des gewesenen Ministerpräsidenten Karl Haszar. Der Vizepräsident der Nationalversammlung Karl Huszar ergriff in persönlicher Sache das Wort. Er bekannte sich als Verfasser der Flugschrift, erklärte Jedoch, er habe sich später davon überzeugt, daß ihr Inhalt a u f u n x i c h ti g e n Z i t a t e n b. e r u h e. Er könne auf ürund seiner seither gewonnenen Lebenserfahrung sowie wissenschaftlicher Erkenntnis diese Flugschrift nicht mehr als richtig anerkennen und lehne jede Gemeinschaft mit den damals dargelegten Ansichten ab. Es sei nicht beschämend, wenn ein einundvierzigjähriger Mann eine andere Meinung habe als vor zwanzig Jahren. Niemand werde ihn dazu bringen, gegen sein Gewissen zu handeln. Er habe nie gesagt: „Ungarn, erwachet und traget Bomben vor das Tor der französischen Gesandtschaft!" — Auf diese Worte entstand ein großer Lärm auf den Bänken der Rassenschützler, die ihre Sitze knapp neben Huszar haben. — Abgeordneter Huszar: Ich habe nicht gesagt, daß die „Erwachenden" die Bomben zur Gesandtschaft getragen haben. — Abgeordneter Franz Reisinger (Sozialist): Sie hätten dies auch ganz gut sagen können! — Abgeordneter Huszar:.Ich habe gesagt: Erwachet, Ungarn, und öffnet eure Augen, damit ihr seht, wie in Ungarn das Christentum zuschand en wird! (Großer anhaltender Lärm.) Ich muß auf das entschiedenste erklären, daß die Arbeit, welche Sie (zu den Rassenschützlern gewendet) betreiben, weder der Sache des Christentums, noch der Sache der Nation nützt. Ich werde stets Jedem anständigen Juden die Hand reichen und mit ihm zusammenarbeiten, wenn er dem Wohle des Vaterlandes dient. Durch die Verallgemeinerungen, die von beiden Seiten betrieben worden sind, wurde im Lande die öffentliche Stimmung vergiftet.— Das tapfere Bekenntnis des Abgeordneten Huszar mag unseren österreichischen Haken« kreuzlern zur Lehre dienen. Eine furchtbare Statistik. Nach offiziellen Erhebungen kamen in den Jahren 1917—1920 in der Ukraine allein 1295 Pogrome vor. Von diesen entfallen auf das Gouvernement Kiew 506, auf Podolien 370, Wolbynien 133, Üdessa-Gtbiet 95, Gouvernement Poltawa 54, die übrigen Gouvernements 137. Diese furchtbare Statistik meldet aber nicht und kann es auch nicht, wie viele jüdische Männer, Frauen und Kinder bei diesen Metzeleien ihr Leben verloren, welche Heimstätten verwüstet und welche Wertsummen geplündert wurden. Der Reserveleutnant. Der frühere Hofmarschall Wilhelms IL, Graf Robert Zedlitz-Trützschler hat soeben unter dem Titel „Zwölf Jahre am deutschen Kaiserhof" in der ^Deutschen Verlagsanstalt Aufzeichnungen herausgegeben, von denen -eine als besonders interessant auch an dieser Stelle wiedergegeben sei: Unter dem 18. Jänner, 1908 notiert der Verfasser: „Neulich sprach Fürst ßülow mit meinem Vater über den jetzt in die diplomatische Karriere aufgenommenen Goldschmidt -Rothschild und sagte ungefähr folgendes: „Nun haben wir diesen netten und arbeitsamen Menschen in der diplomatischen Karierre. Ich habe ihn nach London geschickt, und er hat immer die besten Informationen, aber zum Reserveoffizier kann man ihn in Deutschland nicht machen." Der Fürst hatte sehr recht mit diesem wirklich krassen Fall, aber wenn man unseren Militärchauvinisten mit dem Vorschlag kommt* dann geraten sie außer sichr daß ein Jude Reserveoffizier werden könnte. Dabei hat es in ernsten Zeiten in Preußen jüdische Offiziere gegeben, die vor dem Feinde mit Auszeichnung gefochten haben. In dieser Beziehung regiert aber heute bei uns der reaktionärste Chauvinismus. Mein Vater hat sich nämlich früher als Oberpräsident von Hessen-Nassau dafür interessiert, daß dieser junge .Goldschmidt-Rothschild, da er einer der letzten Repräsentanten des Hauses Rothschild in Deutschland ist, Reserveoffizier werden möchte, weil er ein sehr gebildeter, - strebsamer, wohlerzogener und gut aussehender Mensch ist Daß er Jude geblieben ist, beweist nur Charakter, sowohl von seiner Seite, wie auch von der seiner Familie. Und wer dies als Hinderuhgsgrund anfuhrt, und berücksichtigt, wie viele kurz vorher getaufte Juden Offiziere geworden sind, der setzt gewissermaßen eine Prämie auf die. Charakterlosigkeit. Mein Vater ist gewiß ein konservativer Mann, aber in der Judenfrage kann er sich der Erwägung nicht Verschließen, daß wir diese Angelegenheit heute nicht nur in einseitiger und ungerechter Art behandeln, sondern daß wir auch demoralisierend wirken, daß wir uns selbst schädigen, indem wir viele der vortrefflichsten, unternehmendsten und reichsteh Familien allmählich in das Ausland drängen, und daß wir schließlich sogarjeine gefährliche Politik führen, indem wir die Juden in eine oppositionelle Stellung treiben. Ja, es ist sogar naheliegend, daß die Juden, da sie einen wirklichen Fortschritt nur in einer moralischen oder auch tatsächlichen Niederlage unserer Regierung1 oder unseres Staates erhoffen können, gewissermaßen daran interessiert sind, daß wir zum mindesten starke Fehlschläge er> leben." Der in dieser Niederschrift erwähnte Vater des Autors war auch preußischer Kultusminister und zuletzt Oberpräsident von Schlesien. Eine chauvinistische Demonstration in Lemberg. Wie sehr die öffentlich^.Meinung in Polen noch immer unter dem Drucke der national demokratischen Schlagworte steht, erhellt aus der Weise, wie der traurige Gedenktag der Ermordung des ersten polnischen Staatspräsidenten Narutowicz begangen wurde. Während sich die offiziellen Feierlichkeiten auf einen Trauergottesdienst in ' der Kathedrale beschränkten, veranstaltete die nationaldemov kratische Hochschuljugend gerade an diesem Tage einen Vorfragsabend über das Thema: „Das tragische Schicksal des Eligius Niewiadomski." Es handelte sich hier um eine ganz unverblümt in Szene gesetzte, von den Behörden anstandslos zugelassene Glorifizierung des Präsidentenmörders. Als der demokratisch orientierte Teil der akademischen Jugend diesbezüglich beim Rektor der Universität, dem durch seihe antisemitischen Aeußerungen gelegentlich der jüngsten Immatrikulationsfeier bekannten Strafrechtslehrer Prof. Makarewicz Beschwerde erhob und ihn ersuchte, dem provokatorischen Treiben der chauvinistischen Studenten Einhalt zu tun, zog sich der Rektor unter nichtssagenden Ausflüchten aus; der Affäre. Die Lemberger i o.r ts c Ii r i 11 I i c h c n O r g a n i s a t i o n e n veranstalteten an die^ sem Samstag eine Gedächtnisfeier für den als Opfer seiner Gesinnung gefallenen Präsidenten. In der Warschauer Synagoge wurde am Gedächtnistage eiii Trauergottesdienst abgehalten, an welchem sämtliche jüdischen Abgeordneten und Senatoren teilnahmen. Der deutsche Zentrumskurs. Eigentlich ist es kein neuer Kurs. Die Zentrumsleute waren schon vor fünfzig Jahren unter Führung des staatsklugen Windhorst jeder Unduldsamkeit gegen Andersgläubige abhold. Ihre Leidensgeschichte, die sie dem kulturkämpferischen Bismarck dankten, machte sie duldsam und jedem Terror fremd. Wie denn überhaupt — mit verschiedenen Ausnahmen — der Katholizismus in Deutschland für Rassenantisemitismus nicht-^u haben war und in dieser. Beziehung konservativ geblieben ist. Die Deutschnationalen, aller Schattierungen konnten es aber nicht verwinden, daß sie immer noch bei der deutschen Zentrumspartei keine Liebe, finden, und sind flugs mit der Verleumdung katholischen Judenschutzes zur Hand. Das maßgebende ZentrumsbJatt, die „Germania", hatte diesen Gesellen jüngst eine gründliche Abfuhr 'angedeihen lassen und der völkischen ^Deutschen Tageszeitung14 erklärt, das deutschnationale Organ wisse, seinen- Aerger über die Blamage der Deutschnationaleu, denen die Zerschlagung der preußischen Koalition mißlungen sei, nicht anders zu^ bemänteln, als indem es den antisemitischen Lappen schwenkt. Was die freundlichen Beziehungen Marxens zum. Judentum anlange, so bestehen diese darin, daß dieser sich immer gegen den verhetzenden Antisemitismus gewandt hat und gelegentlich den Leuten auf die Finger klopfte, die mit jenem politische Geschäfte treiben wollen. Das Blatt fährt fort: „Die Ablehnung des Antisemitismus durch das Zentrum entspricht dem Charakter unserer Partei, deren christliche Grundtendenz keinen Rassen- oder ReligionshaB kennt. Wenn daraus eine nichtsnutzige Agitation in durchsichtiger Absicht „freundliche Beziehungen zum Judentum" macht, so kann uns das weder von unserer Haltung abbringen, noch davon abhalten, die Urheber solcher Agitationsmethoden so zu brandmarken, wie sie es verdienen". Das Tischtuch zwischen,dem Zentrum und den Deutschnationalen - müßte in dem Augenblick zerschnitten werden, als letztere nur das Hakenkreuz und kein, anderes.als allein seligmachend bezeichneten und auf ein* national^ orientiertes neues Christentum ausgingen. Erst kommt die Rasse, dann das Hirn. Die" „Selbst wehr" in Prag bringt nachstellende Petrachtung aus der Feder