Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 1 (2.1.1924)
- Date
- 1924-01-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Man muß diese Uebereinstimmung arisch-germanischen Wesens mit dem Asiatentum konstatieren, um von der Weltanschauung, die sich in den Forderungen der Budapester und Wiener Studentenschaft ausprägt, ein klares Bild zu gewinnen. Wir besorgen nicht, daß die Postulate der jungen Herren in Erfüllung gehen werden. Wir Oesterreicher stehen noch unter der Kontrolle des Völkerbundes und Ungarn bewirbt sich eben jetzt auch seinerseits um einen Völkerbiindkredit nach österreichischem Muster. In der Tagespresse werden Zusammenhänge zwischen tlfeser Bewerbung um das Vertrauen und umdie ' Geldhiife Europa mit den Budlapester Srudentenkrawallen aufgezeigt. Das ungarische Betyarentum fühlt sich in einer asiatischen Brutalität, die sich nach dem Kriege herausgebildet hat so wohl, daß es die Europäisierung mit aller Gewalt verhindern will. Und die Wiener Hakenkreuzler arbeiten systematisch darauf hin, daß Oesterreich ein Anhängsel jenes Deutschtums werde, welches durch die Ludendorif und Hitler repräsentiert wird und" die Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches mit der Niedertretung alier Geistigkeit bewirken will. Das sind die psychologischen' Grundlagen für den Ruf nach Ghetto und gelbem Fleck. Das ist die innerste Ursache des Verlangens, daß die Staatsgrundgesetze mit dem Prinzipe der Rechtsgleichheit verschwinden und daß an ihre Stelle jenes „Volksrecht*' treten müsse, welches sich auf der Universitätsrampe mit Schlagringen und Gummdknütteln gegen wehrlose Juden und junge Mädchen austobt. Die Welt, die durch den Krieg um Jahrhunderte in ihrer -Kultur zurückgeworfen wurde, will wieder vorwärtsschreiten. Gesittung und menschliche Kulturgemeinschaft beginnen wieder Begriffe zu werden, deren Wert richtig eingeschätzt wird. Träger dieser Begriffe sind überall die unteren Volksschichten, welchevunter den Greueln des Krie- , ges am meisten gelitten haben. Die Massen steigen wieder auf und setzen sich gegen die Eigensucht der oberen Schichten durch. Das haben die Wahlen in Oesterreich bewiesen und das beweist die ungeheure geschichtliche Tatsache, daß in England, dem klassischen Lande des Schaukelspiels zwischen Wighs und Tories, eine dritte mächtige Partei ins Parlament eingezogen ist und sich anschickt, die Macht zu übernehmen. Und diese gewältige Entwicklung wollen die asiatischen Bürschleih in Budapest und die teutonischen grünen Jungen der Wiener Hochschulen durch ihre Forderungen nach Wiedereinführung des gelben; Flecks und nach Durchsetzung ihres sogenannten „Volksnechtes" aufhalten. In Ungarn sind es die Söhne jenes Größ- und Kleinadels, der Magnaten und der Gentry, der jahrhundertelang das Volk bedrückt imd ausgebeutet hat, und in Oesterreich sind es die Söhne der deutschböhmischen Industriebarone,, die allen änderen den Platz verstellen und sich allein an die Sonne setzen wollen. Die unwiderstehliche Kraft der aufsteigenden Massen wird dies verhindern. Vor einigen Tagen hat beim Bundespräsidenten eine Enquete der Rektoren und Professoren der österreichischen Hochschulen stattgefunden, als deren Zweck offiziös die Erstellung von Vorschlägen und Anregungen bezüglich der Schaffung eines Studentenrechtes bezeichnet wurde. Es soll ein innigerer Kontakt zwischen den Faktoren und der gesamten Studentenschaft hergestellt werden, damit durch die Kenntnis der Wünsche der einzelnen Studemtengruppen gewisse Vorbeugungsmaßnahmen ergriffen werden können, um-die Wiederholung unliebsamer Vorfälle an den Hochschulen in Zukunft hintanzuhalten. Es ist auffallend, daß diese Aussprache beim Bundespräsidenten stattgefunden Hat, dem nach unserer Verfassung jede Möglichkeit einer politischen Einflußnahme benommen ist. Aber wir können und schätzen Herrn Dr. Michael Hain i s c h noch aus jener Zeit, in welcher er zusammen mit Dr. Julius Öfner, Hofrat Philippovich, Dr. Max Qruber und Dr. Wittelshöfer sich an der Schaffung einer neuen sozialpolitischen Partei eifrig'beteiligte; Er ist ein Mann von tiefer allgemeiner Bildung, wirklicher 'Kultur und fortschrittlicher Gesinnung. Es ist unmöglich, daß eine Versammlung, welche in seiner Gegenwart und' unter seinem Einflüsse stattfindet, zu reaktionären Beschlüssen gelangt. Es. muß abgewartet werden, welche Früchte diese Aussprache beim Bundespräsidenten zeitigen wird. Ihre Ergebnisse können nur in der Linie weiteren Kulturfortschrittes, nicht aber in der Linie eines Rückfalles in mittelalterliche oder gar asiatische Barbarismen liegen. Das Ghetto, der gelbe Fleck und das hakenkreuzlerische „Volksrecht" werden nicht mehr eingeführt werden. Siegfried Fleischer. Mitteilungen des Zentralvorstandes. Die RechtsschutzarbeU ~der „Union". An den Vorstand der „Union deutschösterreichischer .luden" ist das nachfolgende, von einem „vorbereitenden Komiteie der jüdischen Gemeinschaft der westlichen Bezirke" gezeichnete Schreiben gelangt: „Die Unterzeichneten haben die dringende Notwendigkeit erkannt, das in der Jüdischen Wahlgemeinschaft zutage getretene Bestreben nach Einigung der gesamten österreichischen Judenschaft zum Zwecke der Verteidigung ihrer staatsbürgerlichen Rechte und zu gemeinsamer Arbeit für den Wie*