Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1924-01-02 · Heft 1 (2.1.1924) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 1 (2.1.1924)
Date
1924-01-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064071-3064072--12484-3079936
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Gesetzes ableitet. Frau Edelstein-Friedmann scheint tiie „fiauptschwierigkeit44 im Vers 21 der zitierten Stelle zu erblicken, wo vom „Fremden * oder, nach jüdischen Apologeten, vom „Ausländer" die Rede ist. Daß zur Erklärung der Bibeistelle im Deuteronomium, Kap. 23, 20—21, die Hilfe der Apolo-, geten in Anspruch genommen w erden muß, ist mir ebenso unerklärlich und unverständlich, wie die „doppelte Moral", die die antisemitische Literatur in dieser Stelle erblickt. Nach Frau Rahel Edelstein-Friedmann lautet nämlich die zitierte Bibelstelle wie folgt: „Du sollst nicht Zins nehmen von deinem Brüder, Zins an Geld, Zins an Speise, Zins an irgendeiner Sache, die verzinst werden kann. Von dem. Ausländer magst du Zins nehmen, aber von deinem Bruder sollst du keinen Zins nehmen. ..." So übersetzt diese-Stelle auch Luther und sonderbarerweise auch Mendelsohn und so ist auch die „Schwierigkeit" entstanden, die Frau Edelstein-Friedmann in geistreicher Weise zu . beheben sucht. Nach Onkeles und Raschi z. St. lautet diese Stelle ganz anders: „Du sollst deinem Bruder keinen Zins geben, weder Zins an Geld, Zins an Speise etc. Dem Ausländer darfst du Zins geben, aber deinem Bruder darfst du keinen Zins geben." Ebenso faßt der Talmud (vergl. Baba Mezia 61 a und 75 b) diese Stelle auf und ebenso Nachmanides (Ramban). Der Talmudkundige ersieht aus den zitierten Talmudstellen und aus der ganzen Art der Interpretation-und der sich daran anschließenden Diskussion, daß die Talmudlehrer in den zitierten Versen nichts anderes als ein Verbot für den Dar- Iehensaufnehmer erblickten, Wucherzinsen zu geben. Für uns Juden muß die talmudische Auffassung maßgebend sein, die sicherlich keiner weiteren Erklärung und „Rechtfertigung" bedarf.__ „Bas W^sen des Antisemitismiis". Von Dr. Heinrich Qraf Coudenhove. Besprochen von Medizirialrat Dr. Heinrich H a a s e. . (Schluß : i: Vom Talmud wird eingehend nachgewiesen, daß das Papsttum und die Kirche bis zürn 14. Jahrhundert merkwürdigerweise nicht das Geringste ses Gesetz muß aber nicht notwendig in allen Literaturen als Wortreim oder Stabreim ausgeprägt sein. In der morgenländischen Dichtkunst, deren äußere Technik die biblischen Sänger vielfach übernommen haben, führte das Gesetz des Rhythmus zum Gedankenreim, d. h. es wurde der gleiche Gedanke in mehreren Zeilen in wechselnder Form wiederholt. Dieses Verweilen bei dem gleichen Gedanken, dieses Sichvertiefen entspricht auch dem Charakter der Lyrik, zu der die meisten Erzeugnisse der biblischen Dichtkunst gehören. Der Gedankenreim hatte den weiteren Vorteil, daß er beinTUebersetzen der Dichtung in eine ändere Sprache 'sich erhielt, während der Wortreim und Stabreim bekanntlich in der Uebersetzung zerbrechen. Schillers Glocke muß in einer anderen Sprache neu gereimt werden: der Ge- . dankenrerm der biblischen Geschichte bleibt in den mehr als 450 Üebersetzumgen der Bibel, so lange bei der Uebersetzung der Gedanke bleibt. Damit soll aber nicht gesagt sein, alle Schönheit des Urtextes bleibe in der Uebersetzung ^erhalten. Nicht einmal in der so biegsamen und ausdruckreichen deutschen Sprache läßt sich dfe Schönheit der hebräischen Ursprache restlös wiedergeben. Es bleibt das Wort.von Goethe wahr: Jede Uebersetzung sei ein Teppich von der Rückseite und könne niemals die Formen- und Farbenfülle der orientalischen Teppiche in seiner Vorderseite bieten. (Schluß folgt ) von dann 'enthaltenen Sohändliehkeiten gewußt haben, ebenso wie die Rabbiner, weiche den Talmud verfaßten, von Jesus nichts wüßtenl £wei verblühende Rätsel! Coudenhove* üer gern mit dei. angeborenen Ueberlegenheit seines Standes iron'i» siert, stellt fest, wie Reuchlin dem Pfefferkorn und Rohling dem Rabbi Bloch Unkenntnis des Hebräischen», respektive des Aramäischen vorwerfen und vice versa'; er führt dies darauf zurück, daß es seiner Meinung nach keine unpraktischere Schrift auf der Welt geben kann* als die hebräische, um einen Gedanken zu Papier 'in bringen, und' ihre Äüsdrucksweise gehöre zu den vielen Dingen, iui welche er uns Juden hiebt beneiden möchte. Mit. besonderer Genugtuung zitiert der gläubige Katholik die Reden, welche von Juden auf dem Kongreß der Weltreligionen in Chicago im Jahre 1893 gehalten wurden, insbesondere Stellen* Welche besagen, Johannes,; Paulus Und' Chtistus gehören zu den Ihrigen und mit •d'&r bekannten wunderschönen Stelle in' Lessings „Nathan" übereinstimmen. Er zieht allerdings aus dieser fortschrittlichen Wandlung etwas zu weitgehende Schlüsse im Sinne seiner Kirche, die es stets auf Bekehrung abgesehen hat. Naheliegend ist ihm die Parallele der Anklagen . gegen den Talmud; und dessen Anhänger^mit denen gegen die Moraltheologie Liguoris und der Jesuiten, die er natürlich ebenfalls in Schutz nimmt. „Es ist nicht wahr, daß die Thora den Juden den Wucher gestattet, — es ist ein großer Unterschied zwischen Prozentnehmen und Wucher." Wie selten liest .man solche Worte und eine .historisch richtige .Ein-,. Schätzung derer, welche das'„Odium des" Wucher* treibens den Juden überließen, aber die Wucherfrüchte seihst einsteckten." Nach Güdemann »»brauchte man sie, deshalb, haßte und verfolgte man sie." Seine völlige Objektivität erweist Coudenhove in dem Zitate Prof. Ludwig Steins über die Hinneigung der Israeliten zum Sozialismus, „trotzdem oder vielmehr weil dieser der ergrimmte Feinddes Kapitals ist, nur sie waren dazu geschaffen, die Befreier des von der kapitalistischen Gesellschaft niedergehaltenen Weltproletariats zu werden". Coudenhove sagt: „Die Juden sind heute größtenteils das, was die Völker, unter denen sie leben, aus ihnen gemacht haben . . . eigentlich eine künstliche" Nation, bestehend aus einer Mischung zahlreicher Nationalitäten, die eine Religionsgesellschaft bildet, entstanden sowohl durch freiwillige Abschließung, als auch durch gewaltsame Ausschließung von den anderen Völkern und durch das Verbot der Mischehen,, was alles die Folgevon religiösen Grundsätzen gewesen ist". Sehr interessant ist die richtige Beurteilung, daß-der Antisemitismus den Zionismus zur notwendigen Folge hat: „beide Erscheinungen haben denselben Kern, dasselbe Wesen und* sind nur verschiedene Ausdrücke für dieselbe Sache, obwohl natürlich zwischen Zionisten und Antisemiten auch nicht der Schatten eines Einverständnisses bestehen kann". Besonders schön scheint mir der Satz: „Ich zweifle nicht, daß die Mehrzahl der Bewohner Wiens dem Antisemitismus entsagen würde, wenn sie sehen könnten/ was Israel täglich leidet. Sie könnten nicht Antisemiten bleiben, denn dazu ist der Wiener zu gut, zu mitleidig." Oder : „Wer einmal die großem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.