Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 1 (2.1.1924)
- Date
- 1924-01-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 DIE WAHRHEIT Seite B der Name Esther, unter dem die Retterin des Judentums fortlebt, -ist persischen Ursprunges, wogegen ihr hebräischer Name Hadassah war. Auch während des ganzen Mittelalters führten die Juden fremdländische Namen und als Leopold Zunz im Jajhre 1837 sein epochales Werk: „Die Namen der Juden" schrieb, um gegen das Verbot der preußischen Regierung, bürgerliche Namen m rühren, Stellung zu nehmen, konnte er auf eine Fülle von Tatsachen hinweisen, aus denen hervorging, daß der Jude fremdländische Namen nicht von sich wies. •In der Gegenwart aber handelt es sich darum, dahin-zu wirken, daß bei der Geburt eines jüdischen Kindes bei allen hochklingenden fremdartigen Namen, auch der jüdische demselben nicht vorenthalten bleibe, und daß es im Hause als Tradition gelte, diesen Namen zu verehren. Im Judentum werden, im Gegensatz zu der christlichen Religion, die Kinder nicht nach den lebenden, sondern nach den toten Vorfahren genannt. Das will besagen, daß die , kommende Generation als Fortsetzung der verstorbenen betrachtet wird. Dieses Bewußtsein, das Andenken eines verstorbenen Großvaters oder einer verstorbenen Großmutter im jüdischen Namen des Kindes festgehalten zu haben, sollte nicht verloren gehen. Bekanntlich hat unser Patriarch Jakob mit einem Engel gesprochen und, als dieser Abschied von ihm nehmen wollte und Jakob, nunmehr Israel, ihn nach seinem Namen fragte, antwortete derselbe: ,;\Variim fragst Du nach meinem Namen?" r -So ergeht es nicht* sei ten manchem modernen Jude.rt, der an heiliger Stätte zur Thora gerufen werden soll, die Antwort nach langen inneren Kämpren und Ringen mit der Einfalt eines Engels erteilt: „W asfragst Du nach meinem Namen?*\ weil er eben selber ihn nicht kennt. Das Judentum ist nicht so anspruchsvoll, um von seinen Bekennern zu verlangen, daß sie die biblischen Narnen im bürgerlichen Leben führen, ungefähr wie etwa die Engländer oder Amerikaner, bei denen der Name Abraham (Lincoln), David (Lloyd George), Benjamin (Franklin) oder gar Sarah (Miss Sarah Sampson), sogar Ruth und Judith gang und gäbe sind. Das Judentum istN viel bescheidener und genügsanier. W cnn Väter un d M ü 11e r ihren Kindern nicht selten die entlegensten, sonderbarsten und abstrusesten Namen aus der griechischen oder germanischen Mythologie beilegen, dann mögen sie daran denken, daß diese auch jüdische Namen erhalten, an sie nicht vergessen, sie gleichsam als ein ihnen von ihren Vorfähren an vertrautes Gut aufbewahren, so daß dem ganzen Hauswesen gleichsam die jüdische Marke verleiht, so daß es von jedem einzelnen heiße: „Und es werde sein Name genannt in Isr ae 1." Nochmals: Deuteronomium Eap. 23, 20-21. Von Dr. Felix Kanter, Zwittau (Mähren). In Nummer 25 dieser Zeitschrift macht Frau Rahel Edelstein-Friedmann auf die in der Ueberschrift angedeutete Stelle der Heiligen Schrift aufmerksam sowie auf die antisemitische Literatur, die daraus die „doppelte Moral" des mosaischen striert, wie der beste Schutz gegen alle Widersacher immer noch das uns von Gott anvertraute Palladium, unsere heilige Religion, ist. Daß wir auch die Sympathien der Engländer für das Volk der Bibel zum großen Teile ihrer Verehrung für das Buch der Bücher zu verdanken haben, ist schon oft bemerkt worden. Ebenso wenig wie Döller zeigt sich „von jüdischem Oelde bestochen", vielmehr von dem Geist und Kultur wert des Judentums eingenommen Kardinal v. F a u 1 h a b e r, der sich in einer Sammlung von Reden gelegentlich auch mit Palästina, als dem Schauplatz der biblischen Geschichte; beschäftigt, vjor allem aber in einem im Jahr© 1917 auf Veranlassung des Generalobersten von Beseler in Warschau gehaltenen Vortrage „über die Meistergesänge der biblischen Dichtkunst"« Er führt darin u. a. aus: „Das Buch der Bücher ist uns in erster Linie eine Urkunde der Wahrheit, ein Sendschreiben vom Vater des Lichtes. In zweiter Linie dürfen und müssen wir dem Schönheitssinn der Zeit Rechnung tragen und die schriftstellerischen und künstlerischen Werte des Heiligen Buches auf uns wirken lassen. Auch für den, dem die Bibel nicht mehr das heiligste Such der Weltliteratur ist, ist sie doch noch das schönste Buch der Menschheit. Manch einer würde mehr als heute die Seele für die himmlischen Wahrheiten der Bibel öffnen, wenn die biblische Wissenschaft ihm mehr als heute die Augen für ihre irdische Farbenpracht öffnen würde. Die Freude am Harfenspiel hat das Volk Israel in seiner ganzen Geschichte begleitet. An der Wiege seiner nationalen Geschlossenheit, nach dem Durchzug durch das Schilfmeer, erklang das Siegeslied dter Frauenchöre Mirjams, und als die völkische Selbständigkeit in der babylonischen Verbannung verloren ging, im sechsten vorchristlichen Jahrhundert, erklangen die tiefempfundenen Exilspsalmen, und noch später, als in den Makkabäerzeiten der heldengebärende Glaube der Väter zum letzten Male auflebte, erlebten auch die Psalmen eine Zeit der Nachblute» Die Freude am Harfenspiel hat also das Volk von Zion auf der ganzen Linie seiner Entwicklung begleitet. Freilich dürfen wir keinen falschen Maßstab an das heilige Buch anlegen. Sein Grundton und Endzweck bleibt der religiöse Gedanke, und jeder Leser sollte dieser Seele der Heiligen Schrift im voraus seelenverwandt sein. Wer in einem außerbiblischen Klassiker für sich den Höhepunkt dichterischer Leistungen gefunden hat und nun in den biblischen Psalmen ein Gegenstück zu den Horaz-Oden oder im Buche Hiob einen zweiten Faust zu finden hofft, muß eine Enttäuschung erleben. Wir dürfen in der Bibe! nur biblische, d. h. religiös vertonte Dichtkunst suchen. Der Ort, auf dem diese Lieder erklingen, ist heiliger Boden. Als Schwesterkunst der Musik ist jede Dichtkunst dem Qesetze des Rhythmus unterstellt. Die-