Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1923-12-02 · Heft 24 (2.12.1923) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 24 (2.12.1923)
Date
1923-12-02
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064121-3064144--12469-3079921
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 24 DIE WAHRHEIT Seite 15 gesichert. Jedes Mittel ist ihm für die Entrechtung und Vergewaltigung der bodenständigen Juden gut und" zulässig. Daß so etwas wie ein Minoritätenschutzgesetz im Versailler Friedensvertrag festgelegt wurde, ficht die polnische Regierung wenig an, ebensowenig, daß ihre Juden des guten Glaubens sind, sich auf diesen verbürgten Schutz berufen zu können. Dies geschah bereits des öfteren bei zahlreichen Anlässen, aber ganz ohne Erfolg. Die schmählichen Zustände in der von der Entente Gnaden aufgerichteten Republik sind im gesamten Auslande bekannt und bilden einen dunklen Punkt in der Gegenwartsgeschichte Polens. Wiederholt auch hat die fremdländische Judenschaft sich anheischig gemacht, den polnischen Juden zu ihrem Recht verhelfen zu wollen, was jedoch mit dem Bemerken abgelehnt wurde, sie würden schon selbst für ihre Sache eintreten ünd möchten nicht das Odium auf sich laden, außer Landes zu schielen. Trotzdem wurde den polnischen Juden verleumderischer Weise vorgeworfen, daß sie in Genf den Völkerbund um Schutz angegangen. Man braucht eben in Warschau einen Vorwand und eine selbstkonstruierte Handhabe, Vaterlandslosigkeit anzudichten und daraufhin das eigene schmähliche Verfahren zu rechtfertigen. Eine Wiener Kulturschande. Der - akademische Senat* der Universität hat verfügt, daß der Hochschulbetrieb Dienstag, den 27. Novlember, wieder aufgenommen werde. Ob Sicherungen oder Versicherungen gegeben sind, die eine solche Verfügung gerechtfertigt erscheinen lassen, ist uns nicht bekannt, aber daß die jüdische Studentenschaft dem Landfrieden nicht traut und für alle Fälle bereit sein will, kam in der großen Protestversammlung der jüdischen Studentenschaft am vorigen Sonntag zum Ausdruck. Bei diesem Anlasse wurde einspruchslos eine Resolution angenommen, in der die jüdischen Studenten gegen die sich ständig erneuernden Exzesse und gegen die gesetzwidrige Behandlung jüdischer Hörer entschieden Protest erheben. Sie verwiesen darauf, daß die radikal antisemitische Studentenschaft mit diesen sich stets wiederholenden Ausschreitungen nur beabsichtige, durch brutalen Terror die Erfüllung ihrer Forderung gegen die jüdische Studentenschaft zu erzwingen. Der Numerus clausus für jüdische Gelehrte und jüdische Studenten sei das Ziel dieser Bewegung, die der Kultur und dem Geiste der Wissenschaft Hohn spricht. Die zur Wahrung der freien wissenschaftlichen Forschung und Lehre berufenen Hochschulbehörden und die Regierung seien verpflichtet, unter allen Umständen und für alle Zukunft die uneingeschränkte Lehr- und Lernfreiheit der Hochschulen durch wirkungsvolle Maßnahmen bei Anwendung aller gesetzlichen Mittel zu gewährleisten. Die jüdische Studentenschaft und die jüdische Bürgerschaft verlangt von der Regierung und den akademischen Behörden die Erfüllung dieser Pflicht. Diese Wünsche und Forderungen wurden bei jedem ähnlichen Wiener akademischen Exzeß leider immer ergebnislos ausgesprochen, daß auch diesmal keine besonders hohen Erwartungen gestellt werden dürfen. Der Glaube an den guten Willen und die Macht der verantwortlichen Stellen Ordnung zu schaffen und die Ehre Wiens vor dem Auslande zu wahren ist nach den bisherigen Erfahrungen gerechtfertigt. Beschämend vor aller Welt wäre es, wenn der Gewalt mit Gewalt begegnet werden müßte. Die Entschlossenheit dazu ist vorhanden. Alles weitere liegt bei den Maßgebenden, die hinlänglich gewarnt sind. Ratenweise Generalversammlung. Welch ein Geist ist in unsere Wiener Judenschaft gefahren? Bisher ging 'das allgemeine Urteil oder Vorurteil zu ihren Ungunsten dahin, daß sie im Materialismus versumpft und verknöchert ist. Freuen wir uns der Unstichnaltigkeiit dieses Vorwurfes undl daß der Verlauf der diesjährigen Chewra Kadischa-Generaiversammlung ein Gegenteiliges -bewies. Scho» lange vorher waren die Gemüter erregt, die Erwartungen gespannt. Im Erkenntnis dieser Tatsache wurde die für den 4. d. M. einberufene. Generalversammlung, d«er ehemals der bescheidene Sitzungssaal der Kul'tusgemeinde genügte, in den weiten Saal des kaufmännischen Hauses geladen. Und siehe da! Auch dieser weite Raum konnte nur einen Teil, der mißvergnügten Teilnehmer fassen, so daß auf stürmisches Verlangen die Versammlung 'Unterbrochen, vertagt und auf den 18. November ini den großen Festsaal des Hotels Continental einberufen wurde. Dies war nun im vollsten Sinne des Wortes ein kritischer Tag erster Ordnung. Die allgemeine Entrüstung galt dem skandalösen § 26 der Statuten, der, was Rückständigkeit und despotische WillÄctix betrifft, in der europäischen Kuiturwelt seinesgleichen nicht haben dürfte und .weht nur ein empörender Hohn auf das demokratische Prinzip, sondern auch auf die jüdische Ethik ist und die Forderung der Freiheit und Gleichheit verletzt. Nach diesem unierhörten Paragraphen muß die Generalversammlung fünf Vorstandsmitglieder wählen, die ihrerseits nach eigenem Wunsch und Ermessen zehn andere durch Zu wähl an sich heranziehen. Dieser aufreizende Vorgang wurde von der Versammlung mit Recht aufs schärfste verdammt und es fiel von einem Spaßmacher das Witzwort: „Diese Chewra ist nur eineChawruse" und auch sonst manche böse Sotise. Um jedoch nicht die Tagung ins Endlose hinauszuziehen, wodurch andere wichtige Punkte nicht zur Debatte gebracht worden wären, dann auch in Erwägung des Umstandes, daß es an den noch bestehenden veralteten und verzopften Statuten nichts ändern würde, eine WaMdiskussion > abzuführen, wurde der Wahivorschlag des Herrn Börsenrats G1 ü c k en bloc angenommen und folgende Herren gewählt: Frawz Den es, Josef Dohan, Samuel Glückselig, Leopofa! Otto und Adolf Stern. Hoffentlich läßt sich der Vorstand durch die stürmischen Szenen dahin belehren, aus eigenem Entschluß den . Schandparagraphen zu eliminieren, bevor die geäußerte Drohung, andernfalls solches in einer Vollversammlung der Mitglieder ohne Vorstand durch die Verwaltungsbehörden im die Tat umsetzen zui lassen, verwirklicht wird. Auch der folgende Teil der Tagesordnung, Anträge und Interpellationen,- brachte dem Vorstande keine Lorbeeren. Insbesondere dÜe Enthüllungen über die Zustände in der Leichen- und Zeremonienha'lle, deren Einzelheiten bessier hter übergangen bleiben, waren allerschlimiHSte Sen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.