Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 24 (2.12.1923)
- Date
- 1923-12-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 DIE WAHRHEIT Nr. 24 der akademischen Behörden — der Rektor der Technik hat noch am. Montag die Studenten vor der Durchführung ungesetzlicher Maßnahmen gewarnt und der Erwartung Ausdruck gegeben, daß die Studentenschaft nicht durch disziplinwidriges Vierhalten ein Einschreiten der Behörden nötig machen werde — fragen, warum nicht sofort beide Hochschulen bis zur Klärung der Sachlage gesperrt worden sind? Denn es hätte nur eines Geringen bedurft und der Montag wäre ein schwarzer Tag in der Geschichte der Stadt Graz geworden. Und welche Maßnahmen gedenken beide Rektoren gegen die Rädelsführer zu unternehmen, die solche ungesetzliche Beschlüsse über den Kopf der akademischen Behörden getroffen haben? Wir sind aber auch mit der Haltung der jüdischen Studentenschaft nicht einverstanden, die sich soweit prostituierte, um vor Herrn de. Crinis zu defilieren. Es hätte ihr VVort genügen müssen, daß sie nicht dabei war. Denn glauben die jüdischen Studenten wirklich, daß es den arischen Studenten und ihren Drahtziehern um die Erforschung der Wahrheit gegangen ist? Wahrlich nicht! Und sie. werden in einigen Wochen schon wider Mittel finden, um ihre Lust an wüster Demagogie und brutalem Terror an jüdischen Studenten austoben zu lassen. Man wüßte ja sonst nicht, daß diese Herren auch da sind! Allerdings für diesmal ist ihnen, weil, wie der „Arbeiterwille" sagt, der Boxdozent und Kinostürmer de Crinis und sein Anhang zu stümperhaft die Angelegenheit inszeniert haben, ihre wahre Absicht nicht gelungen. Graz, am 20. November 1923. * -X- * Zu diesem anschaulichen Bericht unseres Grazer Gewährsmannes bemerken wir noch folgendes: Die Studentenversammlung hat auch noch einen Zusatzantrag angenommen, in welchem es heißt, daß die Juden an den Grazer Hochschulen „n u r g e d u 1d e t" seien. Die anwesenden Rektoren haben diesen Beschluß -nicht sistiert, ja sie haben nicht einmal darauf aufmerksam gemacht, daß derselbe gegen die österreichische Verfassung und gegen den im Friedensvertrage von Saint-Germain stimulierten Minoritätenschutz verstoße. Vielleicht ist dies auf die Unkenntnis des Gesetzes seitens der Rektoren zurückzuführen. Der Beschluß hat selbstverständlich keinerlei praktische Bedeutung, weil die Grazer Hakenkreuzler die Staatsgrundgesetze nicht außer Kraft setzen können._ Aus der jüdischen Frauenbewegung. Bibelvorlesung. Frau Anny Rosar hält am Montag, den 3. Dezember, um 7 Uhr abends, im Festsaale des Niederösterreichischen Gewerbevereines, L, Eschenbachgasse 11, eine Bibelvorlesung zugunsten der Deutschlandhilfe des „Bundes jüdischer Frauen Deutschöster- Österreich s". Karten sind beim Portier des Gewerbevereins zu haben. flg Wahrheiten vom Tage Der neue Rektor. Lieber .dessen ansgezdchnete Haltung bei der Inangurationsfeier schireilbt D. P, . in der Prager „Wahrheit": „Die Schlafendien wachten jetzt bei der Ueterdchung der goldenen Kette, des Insignuims der x Rektor swiürde auf, es ging, wie ein elektrischer Strom durch den großen Saal. Was wird der neue Rektor sagen?. Wird er. zu den Streitfraßen „Ostjude", „Numerus clausus" Stellung nehmen? Ein kleiner, schlichtet Theologe mit großer Hornbrille betrat die Estrade: Er begann) feierlich und .salbungsvoll, als wenn, er im einer Kirche sprechen wüde. „In diesem feierlichen Augenblicke," — sagte er — „in dem ich das Insignum der höchsten akademischen Würde in Gottes und des Heilandies Namen .übernehme, möchte ich über die ik u 11 u rgeschichtliche Bedeu tu ng des alten T e s t a m e n t e s sprechen, wie sie sich! im Lichte neuer 'und neuester Funde spiegelt." Die Spannung ließ sichtbar nach. Dr. Döl'ler wind also ikeine Stellung zu der Numerus olausus-Frage nehmen und die Sensationishumgirigen fühlten ..sich in. ihren Erwartungen betrogen. Sie haben siieh aber, getäuscht. Ohne die akademischen Streiteigen mit eiheirr einzigen Worte m erwähnen, tratDr. D'Ölleriri einer ebenso feinen wie taktvollen Weise f ü r di e V e rloIgt en e in. Er kehrte scharf die große ethische Mission des Judentums unter den Völkern der Erde hervor und beleuchtete * in einer schlichten, rein wissenschaftlichen Weise,' im wohltuenden Gegensatz zu den gehässigen Ausfällen Dieners, die kulturgeschichtlichen Strömumgen, diie aius dem Geiste Israels und dem ailten Testamente hervorgingen. Er faßte schließlich das Fazit seiner Aiiisfüliiruinigen folgendermaßen zusammen. „Die zahlreichen Fundle, die in den 'letzten Jahrzehnten in Vorderasien und Aegypten gemacht wurden, haben die engen kulturellen Zusammenhänge aufgedeckt, die zwischen dem Volke Israels und den anderen Völkern des Orients bestanden. Aber gerade das, was die G r ö <ß e des israelitischen Volkes ausmacht: sein reiner e t h, i s c h e r Mono t h e i s m ü s läßt sich aus den k u 11 u r e 1- 1 e ri E i n f 1 ü s s e n der Umwelt Jiiicht e rk l ä r e n. Die Verehrunig eines einzigen Gottes, durch die Israel zum Segen für ander e Völker geworden, ist sein eigenes Gwt, wofür es dem wahren Gott, aber keinem fremden Volk Dank schuldet." Der polnische Jude. Es wird vom ihm jetzt wieder mehr denn je gespochen" und das ist keine erfreuliche Erscheinung. Denn seit Polen den Traum der Freiheit und Selbständigkeit verwirklicht sieht, hat es sich mit einer Drangsalierung seiner Juden einen bemerkenswerten Platz in den Reihen der kulturrückständigen Staaten JAC. MAYER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zenlralc: Detailverkauf: Wien II., Glockengasse 24 Wien II., Taborstraße 44 <?